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Rock For People 2026 – Festivalbericht, die Letzte

12.09.2026 | Nataly Sesic

Es ist kaum zu glauben, dass der Festival-Sommer schon vorbei ist. Noch vor einem Monat saß ich mit Sonnenbrand und Mückenstichen in einem Pressezentrum, umgeben von freudigen Besucher:innen und verzweifelten Presseleuten. Und weil es so schön war, schwelgen wir nochmal in Erinnerungen an Rock For People, zum letzten Mal 2026.
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Nataly Sesic/Nataly Sesic

Freitag

Für viele wird Freitag der Tag sein, der die emotionalen und echten Kosten für das Festivalticket wieder reinholt. Denn heute Abend spielen Bring Me The Horizon auf der Mastercard Stage. 
2025/2026 haben die Jungs von BMTH ganz schön von sich Reden gemacht: die Neuauflage von „Count Your Blessings“, gefolgt von einer der ersten barrikadefreien Shows seit Jahren, hat bei vielen Fans die Hoffnung laut werden lassen: IS BMTH BACK?

Kurz gesagt: Nein. Etwas länger: Es kann nichts zurück kommen, was immer da war. 
Ich habe den Eindruck, dass viele Fans denken, wenn sich Künstler:innen ausprobieren, weiterentwickeln, einer kreativen Idee folgen oder mit anderen Künstler:innen kollaborieren, dass sie dadurch zu „Sellouts“ werden. „Follow You“, einer meiner liebsten Songs von BMTH, wird oft als Beweis für die vermeintliche Pop-ifizierung der Band genannt, und in der Tat ist der Song stilistisch anders als „Pray For Plagues“. 
Manch ein Fan sagt, BMTH hätte sich und die Fangemeinde mit Liedern wie „Follow You“ verraten, um eine „verweichlichte Pop-Gemeinde“ (lies: Frauen, seien wir mal ehrlich) anzusprechen. 
Doch ich finde, dass das genaue Gegenteil der Fall ist. Künstler:innen, die immer wieder die gleiche Musik in neuer Verkleidung veröffentlichen, sind nicht nur kreativ bankrott, sondern es ist ihnen wichtiger, für Geld und Zuspruch immer wieder das selbe Rezept neu aufzuwärmen, als zu wachsen.
Auch finde ich nicht, dass es pauschal zwei Lager von BMTH-Fans gibt. Jede:r hat natürlich seinen liebsten Track, doch so sehr ich „Follow You“ mag, so sehr liebe ich auch „Antivist“. Es ist diese extreme Binarität, der Gedanke, man kann nur A oder B sein, der den Diskurs so anstrengend macht.

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Nataly Sesic

Wenn man den ganzen Tag von Act zu Act rennt, um zu fotografieren, verpasst man leider oft das, was ein Festival wie Rock For People besonders macht: das Gesamtprogramm. Rock For People ist nämlich nicht nur ein Musikfestival, das Künstler:innen und Besucher:innen aus aller Welt anzieht. Sondern das Programm bietet ebenso Acts rund um Theater, Kunst, Tanz und Performance. Abseits der zwei größten Bühnen finden sich kleine Locations, die wie magisch in das Gelände integriert sind und in der Landschaft versinken. Mein Favorit war die Europa 2-Stage, die wie ein Zirkuszelt aussieht. 

Egal wo man hinschaut, gibt es große und kleine Details, die das Gelände schmücken und so zu mehr verwandeln, als einem Laufweg zwischen Bühnen. 

Über Essens- und Merchstände hinaus, gibt es hier einige Kuriositäten zu entdecken, wenn man eine Pause von den Bands braucht. Mein Favorit: ein Open-Air-Laundromat. Das war bei all dem Matsch und Regen auch bitter nötig.

South Arcade versüßen meinen Festival-Freitag mit bouncy Musik und bester Laune. Mein Favorit an diesem Tag ist jedoch Ego Kill Talent, eine Rockband aus Brasilien, die derart positive Vibes und Freude versprühen, dass ich die Bühne mit einem großen Grinsen verlasse. 

 

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Nataly Sesic

Samstag

Samstag ist das letzte Aufbegehren vor dem Ende. Es ist kaum zu glauben, dass Rock For People 2026 morgen schon vorbei ist, und allem Gemurre bezüglich Matsch und meinem immer-feuchten Zelt, bin ich doch traurig. Ein gutes Zeichen für die Qualität eines Festivals finde ich.
Und weil es fast vorbei ist, nehme ich mir vor, heute so viele Acts wie möglich zu sehen, damit sich die blutigen Füße auch lohnen. Und der Samstag hält eine ganze Reihe an Highlights bereit.

Bei Rock im Park musste ich Bury Tomorrow leider verpassen, also freue ich mich umso mehr, unser Kennenlernen auf Rock For People nachzuholen. Und in der Tat heizt mir die sechsköpfige Band ganz schön ein. Musikalisch natürlich, aber ich stehe auch kurz etwas zu nah am Flammenwerfer.

Berufsrisiko.

Ich mache einen Abstecher weg von den großen Bühnen und gönne mir Grade 2 und I Killed The Prom Queen in einem deutlich entspannteren Ambiente. Was ich richtig cool finde, ist, dass das Programm so aufgebaut ist, dass man die Chance hat, sich Bands und Acts aller Größen anzuschauen, und dafür nicht seine Lieblingsacts verpassen muss. Ich hatte selten so wenig Überschneidungen wie auf Rock For People 2026, und dafür bin ich dankbar. 

Zur Golden Hour spielen Nothing But Thieves auf der Mastercard Stage. Musikalisch ist die Band wirklich interessant, ich würde sogar sagen groovy (wenn man das heutzutage noch sagen würde). Doch die Band, wie so viele Bands, verfallen dem „White Guy With Guitars“-Fluch und stehen vor allem rum. Ab und zu wird langes Haar ausgeschüttelt, ab und an bewegt man sich auch seitwärts. Viel Show ist da nicht. 
Das hat den Vorteil, dass ich mich ins halb nasse, halb vertrocknete Gras legen und einfach zuhören kann. Ich verpasse schließlich nichts auf der Bühne.

Das genaue Kontrastprogramm dazu liefern dann Silent Planet auf der Rock For People-Stage. Sänger Garrett Russell ist so viel am Rumspringen, dass mir dabei die Knie weh tun. Ich realisiere erst im Nachhinein, dass Russell barfuß war und sich in all seinem Tanzspaß fast selbst mit dem Mikrofon-Kabel erdrosselt hätte. Ich wurde auf jeden Fall gut unterhalten.

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Nataly Sesic

Halsey, einer der wenigen FLINTA*-Acts im Line Up des  Rock For Peoples, ist als große Show für den Abend ausgelegt. Ich habe Halsey bereits mehrfach performen gesehen und weiß, dass sie eine Klasse für sich ist. Das Bühnenbild ist Wahnsinn, sie sieht toll aus, die Stimme klingt perfekt – doch leider kann Halsey nicht aufhören, sich dafür zu entschuldigen, nicht „Rock genug“ zu sein. 
Mehrfach plädiert sie mit uns, wenn wir ihr nur eine Chance geben, würde sie uns überzeugen, dass sie „Rock genug“ für Rock For People ist. 
Ich runzle meine Stirn. Electric Callboy teilen sich mit Halsey das Lineup und empfanden weder das Bedürfnis, noch die Notwendigkeit, sich dafür zu entschuldigen, Boyband-Hits im Metalcore-Gewand zum Besten zu geben. Am nächsten Tag werde ich Sleep Theory sehen, die mit großer Freude und ohne Entschuldigung rockige Versionen von Taylor Swift-Songs zum Besten geben. 

Wir alle wissen, wieso sich nur Halsey dafür „entschuldigen“ musste, nicht „Rock genug“ zu sein. Und die Social Media-Kommentare, die sich darüber beschweren, dass sie nicht auf das Lineup gehört, bestätigen es nochmal. Es ist frustrierend. Selbst bei Lineups, wo kaum FLINTA* auftreten „dürfen“, wird die Legitimität der Wenigen in Frage gestellt; insbesondere, wenn diese nicht in rigide, unsichtbare Regelwerke passen. 

Zuletzt gönne ich mir noch Holywatr, eine Alternative-Neuentdeckung aus LA. Ihre Musik ist moody und sexy, für mich als Deftones-Fan genau die richtigen Stichwörter, um den internen Algorithmus zu füttern. Womit ich nicht ganz warm werde, ist mit der Sprache rund um die Band. 
Wenn man auf die Website von Holywatr geht, sieht alles sehr mythisch und mysteriös aus. Statt einer „About Us“-Seite gibt es ein „Manifesto“, die Konzerte werden hochtrabend „Services“ statt Shows genannt. 
Ich mag die Musik von Holywatr sehr gerne, doch sie ist weder mysteriös noch mythisch. Es erinnert mich ein wenig an PRESIDENT, wobei eine wiedererkennbare und stark kuratierte Ästhetik und Sprache genutzt wird, um gewisse Bilder in den Köpfen der Konzertgänger:innen zu kreieren -  jedoch ohne dies künstlerisch wirklich umzusetzen. 

Eben das war auch meine Kritik am aktuellen Sleep Token-Album („Even In Arcadia“). Wenn man als Band beschließt, in rituellen Kutten und Masken auf der Bühne zu stehen, gehören Lyrics wie „Wear me out like Prada“ nicht auf die gleiche Bühne. 

Der Disconnent macht mich stutzig, und statt meine Neugierde zu wecken, vermittelt es eher das Gefühl, dass Ästhetik vor Kunst gestellt wird.

 

Sonntag

Rock For People versteht, wie man sich in die Jahrespause verabschiedet. 

Am Sonntag rollt eine neue – und enorme – Welle an Tagesgästen auf das Gelände, allesamt mit einem Ziel: Iron Maiden. 

Schon morgens, wenn das Gelände an den anderen Tag noch schläfrig war, begegne ich zig Fans aller Altersklassen in Maiden-Shirts. Die erste Barrikade der Mastercard-Stage ist schon belagert, die Zweite beginnt sich allmählich zu füllen, als mein erster Act des Tages, Loathe, die Bühne betritt. 

Ein komplizierter Fakt des Festivalmachens ist, dass manche Besucher:innen für das Lineup kommen, und wieder andere Besucher:innen kommen für den Headliner. Das bedeutet, dass Bühnen, die am Abend einen besonders begehrten Act – hier Maiden – willkommen heißen, gerne schon am frühen Morgen von Fans besetzt werden, denen die anderen Acts, die an dem Tag auftreten, nicht egaler sein könnten. 

Es ist verständlich, seine liebsten Künstler:innen aus nächster Nähe sehen zu wollen, und das Durchhaltevermögen, zehn Stunden lang an Ort und Stelle zu verweilen ist respektabel. Jedoch wünsche ich mir für die ganzen Acts, die vor dem „Highlight“ auftreten, ein engagierteres und dankbareres Publikum. 

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Nataly Sesic

Knocked Loose schüttelt mich körperlich wie psychisch aus meinen Gedanken. Ich habe noch nie so viele Crowdsurfer gesehen. Trotz der zahlreichen zusätzlichen Security, die platziert wurde, um die Surfer aufzufangen, ist schon beim ersten Song absolutes Pandämonium. 
Ich mache noch einen letzten Schnappschuss, bevor ich an den Schultern gepackt, und mit meinen Kolleg:innen aus dem Pit geworfen werde. Es sei einfach zu gefährlich mit den ganzen Crowdsurfern. Ein Teil von mir ist verärgert, doch der viel größere Teil von mit ist stolz auf Knocked Loose. Ich wette, genau so gefällt es ihnen am besten.

Auf der Europa 2 bringen uns Sleep Theory mit ihrem Mix aus Metalcore und R&B zum Tanzen. Es ist der perfekte Moment, um mich etwas zu strecken und zu stretchen und zu einem „Cruel Summer“-Cover laut mitzusingen. 

Und dann geht es zu Iron Maiden. Obwohl die Band leicht verspätet startet, schaffen sie es, die Crowd dank der Größe der Bühnenshow und dem Frontloading mit Klassikern auf ihrer Seite zu behalten. Es ist keine Überraschung zu sagen, dass Iron Maiden auch nach all diesen Jahren noch ein heißes, hochmotiviertes Publikum anzieht, und selbst jene, an denen diese Ikonen musikalisch vorbeigegangen sind, müssen und können zugeben, dass Iron Maiden ihren Legenden-Status nicht nur verdient haben, sondern weiterhin halten.

Rock For People kehrt 2027 zurück! Der erste Headliner - blink-182 - ist schon für den 02.-05.06. angekündigt, und auch der Presale war nur wenige Tage nach Ankündigung schon ausverkauft. Wer sich ein Ticket sichern will, bevor sich die Preiskategorie ändert, findet hier, wonach er oder sie sucht.

Ich für meinen Teil kann es kaum erwarten.

Nataly Sesic

Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.

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