Das Rock For People Festival wurde 1995 etabliert. Das Festival ist stolz auf seine reiche Geschichte und zeigt in diesem Jahr in einer kleinen Ausstellung auf dem Festivalgrund, direkt neben der Merch-Höhle, was die Jahre mit sich gebracht haben – von etwas mehr als 1000 Besucher:innen und 18 Bands im Gründungsjahr zu einem musikalischen Spektakel, dem inzwischen 50.000 Musikfans aus aller Welt beiwohnen.
Rock For People ist schon seit einigen Jahren auf meinem Radar. 2023 besuchte ich das Festival „notgedrungen“, weil hier die mir nächste Show von Sleep Token stattfand.
Ich hatte damals noch nie von dem Festival gehört und war überrascht, als ich das Line-Up auf der Website sah. Elder-Emo-Helden Billy Talent gaben sich hier die Hand mit alternativen Favoriten wie Ashnikko und den verkutteten Jungs von Sleep Token, die 2023 mit ihrem Album „Take Me Back To Eden“ in der Szene explodierten.
Es war auch dort, wo Sleep Token-Bassist III mit intensiv-einschüchternden Blickkontakt mit mir, in einem quietschgelben Kleid in der ersten Reihe, während „The Offering“ im Rhythmus klatschen geübt hat. Ich weiß, dass es eigentlich nicht stimmen kann, doch ein Teil von mir fragt sich, ob mein katastrophales Rhythmusgefühl, das er an diesem Abend zu korrigieren versuchte, Grund für seine fortwährenden Rhythmus-Übungen mit dem Publikum sind. Es ist eine meiner liebsten und peinlichsten Konzert-Anekdoten, und ich habe seitdem gelernt, wie man einen 4/4-Takt klatscht, danke der Nachfrage.
Wie hätte ich damals wissen könne, dass sich Rock For People von der Notlösung zu einem meiner liebsten Festivals in Europa entwickeln sollte?
Drei Jahre später und mit 6 weiteren Sleep Token-Konzerten in diversen europäischen Städten auf dem Buckel, bin ich wieder auf dem Weg nach Hradec Kralove. Diesmal nicht als verzweifelter Fan, der den Konzertkartenkrieg in Deutschland verloren hat, sondern als akkreditierte Konzertfotografin, die fünf volle Tage Festivalpower vor sich hat.
Auch 2026 ist das Lineup von Rock For People einen Handkuss wert: Gorillaz, Bring Me The Horizon, Iron Maiden, The Pretty Reckless, Babymetal...Es wäre Hybris, alle Acts aufzählen zu wollen, die das Plakat schmücken.
Jedes Jahr ist das Line-Up erstklassig, und jedes Jahr, insbesondere im Hinblick auf heimische Festivals in einer vergleichbaren Liga, bin ich überrascht über den vertretbaren Preis: 290 Euro für fünf Tage Festival tut zwar weh, doch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Alleine für Miss Halsey habe ich zu Jahresbeginn 100 Euro auf den metaphorischen Tresen der Uber Arena in Berlin geklatscht. Und weil das glanzvolle Line-Up von Rock For People unmöglich auf ein Wochenende beschränkt werden kann, tuckere ich schon am Dienstag von München nach Hradec Kralove, um Mittwoch bis Sonntag mit voller Inbrunst zu feiern.
Und zu arbeiten. Versteht sich von selber.
Der Weg ist denkbar unkompliziert. Mit dem Zug oder dem Flixbus führt mich die Reise über Prag nach Hradec Kralove, wo ein kostenloser Shuttlebus in regelmäßigen Abständen auf uns Konzertfans wartet, um uns zum Park 360 zu chauffieren.
Sobald das Zelt steht, gönne ich mir einen ersten Spaziergang über das Gelände. Noch hat das Festival gar nicht begonnen und doch herrscht schon beste Stimmung bei den Warm-Ups. In der Ferne singt jemand Karaoke. Das Riesenrad dreht sich zufrieden in der Brise. Und ich kann den Auftakt kaum erwarten.
Mittwoch
Highlight: Bloodywood
Was mich am Line-Up von Rock For People begeistert, ist, dass das Programm zwar, wie bei Festivals üblich, auf ein abendliches Highlight hinläuft – am Mittwoch waren das auf jeden Fall die Gorillaz – doch die Weite und Diversität des Angebots lädt geradezu dazu ein, dass jede:r Besucher:in über den Tag hinweg seine eigenen Highlights und geliebte Neuentdeckungen feiern kann, welche das abendliche Sternchen vielleicht sogar zu überschatten vermag. Für mich war das an diesem Tag Bloodywood.
Wer Bloodywood noch nie live gesehen hat, kann sich auf eine musikalische Überraschung und eine richtig warme Atmosphäre freuen. Es klingt kitschig, doch als Zuschauerin gibt es für mich nichts schöneres, als zu sehen, wie die Musiker:innen auf der Bühne in ihrer Kunst aufgehen. Die Mitglieder der Band spielen mit der Freude einer DIY-Band, die zum ersten Mal von der heimischen Garage auf die Bühne darf, um zu zeigen, was sie drauf haben. Und Bloodywood haben es richtig drauf.
Der elektrisierende Mix aus Metal und den Melodien Indiens, begleitet von einer bunt verzierten Trommel (einer sogenannten Dhol), wallende, lebendige Gewänder...Es fühlt sich für den durchschnittlichen mitteleuropäischen Musikfan völlig fremd an, und doch wird man so herzlich von der Musik eingeladen, dass die Nähe von alleine kommt.
Auf der Bühne, vor der Bühne, und im Bühnengraben sieht man nur Menschen, die lächeln, lachen und tanzen. Und da soll mal jemand sagen, Metal sei ausschließlich negativ und deprimierend.
Ein weiterer Bandname auf dem Line-Up, der sicher ein großes Publikum angezogen hat, ist The Pretty Reckless. Das kürzlich erschienene Album („Dear God“) wird von Sängerin Taylor Momsen als eines ihrer persönlichsten Werke bezeichnet.
Momsen verkörpert die Energie eines echten Rockstars; unnahbar und Larger-Than-Life, und doch fast unangenehm nah bei uns mit ihren Texten, und ihrer Stimme, die gegen unser Ohr schrubbt; mal rauchig-lasziv, mal unangenehm rau.
Mehr als einmal musste ich mich daran erinnern, Momsen nicht anzustarren. Doch es ist unmöglich. Manche Leute haben, wie die Kids heutzutage sagen, einfach Aura.
Und ich kann mit Freude ankündigen, dass Momsen Tschechien verlassen konnte, ohne von einem weiteren wilden Tier gebissen zu werden.
Der Auftritt der legendären britischen „e-Band“ Gorillaz stellte den krönenden Abschluss des Abends dar, und war ein Schmankerl für Fans der umfassenden und diversen Diskographie der Band. Die Zuschauer:innen, welche „nur die zwei Hits“ (ihr wisst welche) kennen, konnten Gorillaz an diesem Abend mit viel Liebe und guter Energie kennenlernen. Die vielen Monitore rund um die Mastercard-Stage erlaubten mir, das Spektakel entspannt auf dem Asphalt sitzend zu beobachten.
Ich mache aus lauter Übermüdung einen Witz zu meinem Nachbarn, dass mich Gorillaz an Hatsune Miku erinnern, eine weitere virtuelle Performerin, die ein begeistertes internationales Publikum fördert. Er sieht verwirrt aus, hebt aber sein Bier in die Höhe um mir zu prosten. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen. Ich nenne das pauschal eine positive soziale Interaktion.
Die Musik läuft noch bis mitten in die Nacht weiter. Nachteulen kommen auf ihre vollen Kosten. Ich habe das Gefühl, die Tschechie:nnen wissen eine gute Party zu schätzen und gehen entspannt mit Menschenmassen um. Auch das Wetter – Regen, Regen, Regen, mit Nebel zum Frühstück – scheint ihnen nichts anzuhaben. Zum Glück bietet Rock For People heiße Duschen und feste Toiletten. So ist das alles gar nicht so schlimm. Und nasse Socken gehörten zu einem guten Festival-Sommer irgendwie dazu.