Madsen und "Smile":
05.06.2026 | Frank Diedrichs
Mit SMILE veröffentlichen Madsen (Link zum Podcast) nach 22 Jahren Bandgeschichte ihr zehntes Studioalbum. Zählt man die Vorgängerbands wie Hoarstuatz oder Alice Gun hinzu, blicken die Matzen-Brüder sogar auf fast drei Jahrzehnte musikalischer Kreativität zurück.
SMILE greift dabei ein Prinzip auf, das Madsen seit jeher auszeichnet: Hoffnung. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Songs durchweg vor Positivität sprühen. Hoffnung entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum. Sie braucht einen Gegenpol – Situationen, die traurig machen, melancholisch stimmen oder Wut auslösen. Genau diese Spannungen prägen das Album.
Wer die Songs hört, die Texte liest und sich auf die Musik einlässt, merkt schnell, dass Madsen erneut etwas gelingt, das nur wenige Bands so überzeugend schaffen: Sie verwandeln Melancholie in Zuversicht, ohne die Schwierigkeiten des Lebens auszublenden.
Besonders deutlich wird das in den fünf vorab veröffentlichten Songs. I Don't Give a Fuck ist der erhobene Mittelfinger für all jene, die immer wieder verletzende Kommentare abgeben oder der Band vorwerfen, „zu politisch“ zu sein. 1995 blickt auf die Anfänge der Band zurück, auf die Dinge, die wichtig waren und die letztlich den Weg in den Punk geebnet haben. Dabei handelt es sich jedoch nicht um nostalgische Verklärung, sondern um ein klares Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln. Denn so wichtig Erinnerungen auch sind, genauso wichtig ist es, neue zu schaffen. Einige meiner Lieblingszeilen aus Neue Erinnerungen bringt das wunderbar auf den Punkt: „Wir müssen mal wieder ans Meer, […] wir wissen warum, wir brauchen neue Erinnerungen.“
Auf die Barrikaden richtet sich gleich an zwei Gruppen. Zum einen an diejenigen, die mit Homophobie, Transfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit unsere Gesellschaft vergiften. Zum anderen ist der Song ein Aufruf an alle anderen, genau dagegen aufzustehen. Gegen den Hass, der sich durch soziale Medien und öffentliche Debatten zieht. Gegen Ausgrenzung. Für das, was am Ende zählt: Liebe und Menschlichkeit.
Ein weiterer Hoffnungsschimmer steckt bereits im Opener Smile. Das Lächeln wird hier zu einem Symbol für Freundlichkeit Zusammenhalt und vielleicht "kann ein Lächeln womöglich Nationen vereinen". Vielleicht, so die Botschaft, besitzt ein einfaches Lächeln mehr Kraft, als wir oft glauben.
Doch nicht nur die bekannten Songs tragen diese Grundstimmung. Gerade die beiden abschließenden Stücke Jeder Berg bewegt sich und Ein Licht machen Hoffnung zu ihrem zentralen Thema. Ein Album mit einem Lächeln zu beginnen und mit einer großen Portion Zuversicht zu beenden – das gelingt Madsen beeindruckend gut.
Daneben finden sich weitere Songperlen wie Pass auf dich auf. Ein Lied über Fürsorge und Wertschätzung für Menschen, die einem wichtig sind – unabhängig davon, ob es sich um eine Liebesbeziehung handelt oder nicht. Auch Love Is a Killer Part II ist die konsequente Fortsetzung einer Geschichte, die auf WO ES BEGINNT ihren Anfang nahm.
Mit Achterbahn, Hasta la Vista oder Rauch im Wind greift die Band zudem Situationen auf, die viele Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen. Gerade diese Nähe zum Alltag macht die Songs greifbar und glaubwürdig.
Klanglich setzt SMILE auf die Stärken, die Madsen seit Jahren auszeichnen: kraftvolle Gitarren, große Refrains und Melodien, die lange nachhallen. Dabei wirkt das Album nie routiniert oder gar selbstzufrieden. Vielmehr klingt die Band so fokussiert und spielfreudig wie lange nicht. Mal treiben die Songs mit voller Energie nach vorne, mal nehmen sie sich bewusst zurück und lassen den Texten Raum zum Atmen. Gerade dieses Wechselspiel sorgt dafür, dass die Themen des Albums ihre Wirkung entfalten können. So haben Madsen mit SMILE ein Album geschaffen, das Hoffnung macht, ohne die Realität auszublenden. Ein Album, das politische Entwicklungen aufgreift, persönliche Geschichten erzählt und dabei nie vergisst, wo die Band herkommt. Genau diese Verbindung aus Haltung, Emotion und musikalischer Energie macht Smile für mich zu einem der stärksten Madsen-Alben der letzten Jahre.
Wertung
Drei Jahre nach HOLLYWOOD packen mich Madsen erneut mit ihren Songs zwischen Euphorie und Melancholie. Nur daraus kann die Madsen-typische Hoffnung entstehen, die die Band so auszeichnet. Dabei bringen sie musikalische Variationen von Kinderchor bis Spoken Words-Parts ein, die erneut in einen coolen Gitarrensound verpackt werden. Sehr, sehr schönes Album... mit der Gewissheit, dass ein Lächeln vieles verändern kann.
Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.