Stetson, Fox & Dunn und “Nethering”: Urzeitmusik
16.02.2026 | Kai Weingärtner
Der Name Colin Stetson kam mir erstmalig mit seinem Album “When we were that what wept for the sea” unter, einer wunderschön melancholischen Instrumental-Platte, deren kontemplative Melodien mich mit jedem Hören wieder neu hypnotisieren. Eine ganze Weile lief dieses Album auf meinen Kopfhörern hoch und runter, bis ich dann mal ein Video von einem Live-Auftritt Stetsons zu sehen bekam, und mir der Mund offen stand. Wie, das ist alles EIN Saxophon? Ein einziges Instrument soll alle diese Töne machen? Gleichzeitig? Dieser Mann hat wahlweise einen Pakt mit dem Teufel, oder das ist alles AI. Ein bisschen graben und ein paar Wikipedia-Artikel später war ich eines besseren belehrt und kann nun die Begrifflichkeit “circular breathing” zu meinem Wortschatz zählen – also wenn Spieler:innen diverser Blasinstrumente gleichzeitig ein- und ausatmen, um einen ununterbrochenen Luftstrom zu erzeugen. Diese Technik beherrscht Colin Stetson wie kein zweiter, und sie sorgt gemeinsam mit der originellen Mikrofonierung (z.B. werden in seinen Aufnahmen auch oft die klappernden Töne der Luftklappen aufgenommen) für den überlebensgroßen Sound, den er mit seinem (zugegebenermaßen ebenfalls überlebensgroßen) Instrument zu erzeugen vermag. “The love it took to leave you”, die Nachfolgerplatte zu “When we were that what wept for the sea” lehnte sich klanglich deutlich stärker in eine kraftvollere, wütende, fast elefantöse Interpretation dieses Klangbilds. Zwar ist dieses Album meiner Meinung nach nicht ganz so rund wie sein Vorgänger, bietet aber einige fantastische Höhepunkte wie das monumentale “Strike your forge and grin” und mit seinem wuchtigen Sound auch einen hervorragenden Ausgangspunkt, um über das ironischerweise sieben Jahre zuvor aufgenommene “Nethering” zu sprechen.
Auf diesem Projekt ist Stetson allerdings nicht solo unterwegs, sondern hat sich zwei Mitstreiter an Bord geholt, deren Vitae vor großer Namen der Experimentalmusik das Druckerpapier auszugehen droht. Schlagzeuger Greg Fox tourte schon mit Liturgy und Teeth Mountain, Trevor Dunn, der auf “Nethering” seine manischen Kontrabassläufe zum besten gibt, ist seines Zeichens Teil der Band Mr. Bungle und hat zum Beispiel schon mit John Zorn Musik gemacht. Hier trifft also viel musikalisches Talent aufeinander. Glücklicherweise endet “Nethering” weder in sich gegenseitig vor den Bus schubsenden Egotrips der einzelnen Solisten, noch in einer verkopften Akademisierung von Musik. Im Gegenteil, dieses Album ist purer Instinkt.
Schon der titelgebende Opener prescht mit der Energie eines rasenden Mammuts voran, die schwirrenden Streicherklänge geben dem metallischen Getöse aus Drums und Saxophon dabei noch eine fiebrige Komponente. Und auch der Rest der Platte – wenngleich nicht immer mit der schieren Übermacht des Titeltracks – ist nicht weniger schwindelerregend. Stetson, Fox und Dunn sind nicht nur sehr begabte Musiker, sie sind ganz offensichtlich auch mehr als fähig, sich in ihre Mitstreiter hineinzuversetzen. Songs wie “The Reclaimer” und “Swamp Swim” gehen es zwar deutlich ruhiger an, zerren aber mit ihren sich langsam entfaltenden Saxophon-Drones und nervösen Drums nicht weniger am Nervenkostüm ihrer Hörenden. Stellenweise verschmelzen Stetsons Saxophon und Dunns Bass zu einer einzigen, hornissenschwarmartigen Geräuschkulisse, deren frenetisches Schwirren, wie auf “Moleman” erst durch Fox’ metronomes Schlagzeug einigermaßen zu einer Struktur zusammenwächst. Selten haben sich drei Musiker mit ihren Instrumenten so nahtlos ergänzt. “Moleman” bildet zusammen mit seinen beiden Fortsetzungen “Molemoss” und “Molemantis” den dramaturgischen Höhepunkt des Albums. Insgesamt umspannen die drei Songs knappe 21 Minuten, bevor das kurze Outro “Parlour” das Album beschließt.
Wertung
Auch wenn das Album die wucht seines Titeltracks nicht über seine gesamte Laufzeit aufrecht erhalten kann, bietet “Nethering” einen Einblick in die intensive Chemie zwischen den Musikern, die sich erst in der Abschiednahme vom Gerüst der Komposition so richtig zeigt.
Kai Weingärtner
Kai hat in Osnabrück Politik und Kulturwissenschaft studiert, und damit tatsächlich einen Job gefunden. Der verhindert mittlerweile leider, dass er sein ganzes Leben in irgendwelchen stickigen Konzertvenues verbringen kann, die Leidenschaft für alles, was laut ist und idealerweise auch manchmal ein bisschen in den Ohren wehtut, ist aber so groß wie nie.