PUP und "Megacity Madness": Mehr Live geht kaum
25.03.2026 | Nataly Sesic
PUP sind, in einem Wort, unserious. Die Kanadier, originell als Topanga bekannt – ihr gemeinsamer Jugendschwarm aus der Disney-Serie "Boy Meets World" –, ergreifen jede Gelegenheit für Blödsinn und (eher freundliches) Chaos. Der Bandname – Pathetic Use of Potential – sowie die Benennung von EPs und Alben (mein Favorit: "This Place Sucks Ass") verraten wenig subtil, wen oder was man da vor sich hat.
Wer die Musik von PUP nicht kennt, kennt sie vielleicht als rege Kritiker der Musikindustrie. Die Band selbst bezeichnet sich als "elite complainers", und lässt keine Chance aus, um die metaphorische Hand, die sie füttert, zu beißen, so auch im Video zu "Totally Fine".
Selbst 12 Jahre spöter können PUP es gar nicht glauben, dass sie es so weit geschafft haben. Was als freudiges Geklimpere von Schulfreunden begann ist nun…freudiges Geklimpere von erwachsenen Herren. Also mehr oder minder erwachsen. Sänger Stefan Babcock nutzt auch das Wort "pissy pants babies", um sich sich und die Band zu beschreiben, ich bleibe jetzt mal bei "Herren".
Ein Live-Album ist eine ganz besondere Herausforderung. Ein Album stellt – und beantwortet hoffentlich – die Frage: Wieso soll ich zu eurem Konzert kommen? Ein Live-Album dagegen stellt die Frage: Wieso kann ich auch bequem zuhause bleiben?
Warum und weshalb man all sein Geld und seine Zeit für Konzerte ausgibt, ist eine Frage, die mir meine Mutter und mein Bankberater schon oft gestellt haben. Antworten gibt es darauf viele: ganz nah dran an den liebsten Künstler:innen sein, Erlebnis in einer Menge an Gleichgesinnten, die überwältigende Magie von Livemusik oder eben ein konfuses Schulterzucken, weil man Dank Tinnitus vom letzten Konzert die Frage gar nicht erst gehört hat.
So oder so werden Konzerte als eine ganz eigene Musikerfahrung verstanden, die vom einfachen Musikhören getrennt ist.
"Megacity Madness" will diese eigentlich separaten Disziplinen des Musikhörens miteinander verknüpfen; und das auch noch in einem Genre wie Punk, das die kinetische Live-Umgebung umso mehr nutzt, vielleicht sogar braucht. Ich gehe in das Album zugegebenermaßen skeptisch rein.
Wenn ich über Musik spreche, dann stelle ich oft die Frage: wozu ist das da?
Diese stelle ich nicht im Sinne von Produktivität; Kunst kann und soll im sprachlich gängigen Sinne unproduktiv sein. Vielmehr frage ich mich bei der Bewertung von Musik, welchen Zweck das Werk verfolgt, und ob es diesen erfüllt.
Ein Album, das dem reinen, freudigen Tanzen und Feiern gewidmet ist, werde ich nicht nach lyrischer Tiefe prüfen, während ein Album, das sich Tiefsinnigkeit auf die Fahne schreibt, diese auch demonstrieren muss.
Gehen wir in die Welt des Pops, so kann ich Pitbull stets empfehlen. Das Versprechen ist Spaß und Musik, zu der man sich bewegen kann – Glatzenperrücke inklusive. Dieses erfüllt Mr. Worldwide mit seinem ikonischen Werk "Global Warming" meiner Meinung nach bestens.
Dagegen habe ich Taylor Swifts neues "Life Of A Showgirl"-Album nach dem ersten Hören direkt in die metaphorische Tonne gekloppt, denn: Das Versprechen von "folklore but pop" vor dem Hintergrund schillernder Showgirl-Ästhetik wurde nicht eingehalten.
(Wer anhand einer oder beider Meinungen Drohmails schreiben möchte, findet mich hier auf Instagram: @polyphonati)
"Megacity Madness" ist eine Fortsetzung des Ethos der Albernheit von PUP und funktioniert eben deswegen äußerst gut als Livealbum. Die Kanadier versammeln hier Aufnahmen ihrer vergangenen fünf Alben, die im Rahmen ihrer Toronto-only "Tour" entstanden sind. Dabei feierte die Band Auftritte in sechs Venues innerhalb von nur einer Woche, mit Priorität auf coolen lokalen Läden, welche ihre Musik besonders lebendig machen.
Da hier abwechselnd und in verschiedenen Locations aufgenommen wurde, variiert die Qualität der Aufnahmen ebenso – mehr als 12 Jahre nach Gründung sind PUP irgendwie immer noch ein bisschen chaotisch-DIY, und stolz drauf. Über das Album, das nur digital oder als Vinyl verfügbar ist, hinaus hat die Band auch eine Mini-Doku zum Album gedreht: 6 kurze "Episoden" die an nostalgischere Zeiten der frühen 2000er erinnern und mich, wie so oft, MySpace vermissen lassen.
Die gewählten Songs sind High Tempo und High Energy von Start bis Schluss. Das bedeutet nicht, dass es in den Songs von PUP ausschließlich um Sonnenschein und Regenbögen geht, ganz im Gegenteil. In Songs wie "Concrete" schließen Babcock und Co. mit toxischen Freundschaften und Beziehungen ab, "Dark Days" thematisiert einen schier-apokalyptischen Nihilismus gegenüber einer Welt, die nicht zu retten ist, "DVP" vibriert nur so von Selbsthass und Scham. Würde man jedoch nur die Musik hören, würde man denken, alles sei bestens in Ordnung.
Für PUP ist das Tauziehen zwischen Traurigkeit und Trost ein untrennbares Doppel: Freudvoll über vergangenes Leid zu singen ist genau die Katharsis, die Babcock braucht, um damit abzuschließen. Und wenn dann ein Raum voller Fans ebendiese Texte zurück schreien und so von ihren eigenen großen und kleinen Dämonen loslassen können – dann haben PUP ihren Job getan, findet die Band.
Schon zu Beginn des Albums wird das Gefühl einer intimen, freudvollen Liveshow in einem klitzekleinen, wahrscheinlich nach Zigarettenrauch und Bier stinkenden Club heraufbeschworen. "Morbid Stuff" eröffnet "Megacity Madness" geradezu süß mit einem schüchternen "We are PUP" von Babcock. Wer die Geschichte von PUP kennt, weiß, dass es sich hier keinesfalls um Grünlinge handelt, die erstmalig im heimischen Szeneschuppen auftreten und vor Nervosität kaum einen Ton rausbringen. Und doch bringt "Megacity Madness" all die schönsten Aspekte eines solchen Hörerlebnisses zusammen: die aufgeregte Energie, das kopflose Geplauder zwischen Songs.
Das macht auch die größte Stärke des Albums aus: "Megacity Madness" transportiert die Hörer:innen gekonnt in ein entspanntes, positives Live-Setting, ohne, dass man kurz vor Mitternacht in einem verrauchten Club stehen muss. Klar, ich fühle mich etwas albern, bei den Singalongs mitmachen zu wollen – schließlich höre ich das Album in der U-Bahn, nicht in einer Konzertmenge – doch der Fakt, dass ich doch dazu aufgestachelt bin, ist ein gutes Zeichen für den Erfolg der Platte.
Wertung
"Megacity Madness" kann die chaotisch-charmante Energie eines PUP-Konzerts überraschend gut transportieren. Das Album eignet sich bestens als Pick-Me-Up für dröge Momente oder als Anlass, andere U-Bahn-Passagiere zu verängstigen, wenn man "Fuck! Fuck! Fuck!" mitgrölt. Der sicher größte Erfolg von "Megacity Madness" liegt darin, dass ich direkt nach Hörabschluss erst mal gegoogelt habe, wann und wo PUP als nächstes auftreten – denn diese Band muss man live gehört haben.
Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.