Pendulum und "Inertia": Zurück zum Anfang
30.08.2025 | Nataly Sesic

Pendulum ist eine ganz besondere Band. Wenn ich gefragt werde, welchem Genre sie zuzuordnen sind, sage ich immer nur ungerne Drum-and-Bass, denn jeder verbindet mit Genres gewisse vorgefertigte Urteile; sowohl über die Musik als auch über den Hörenden selbst. Ich gebe zu, dass ich es lange vermieden habe, Metalcore als mein Lieblingsgenre zu nennen und stattdessen Metal gesagt habe – de facto nicht falsch, aber in bestimmten Kreisen hält sich stur die Annahme, Metalcore sei eine verweichlichte, weniger authentische oder "harte" Ausgabe des Metal-Genres. Mit diesen elitären Kreisen will ich nichts gemein haben, ich will aber auch nicht mit ihnen diskutieren müssen, was “echter” Metal ist. Ihr versteht.
Ebenso scheue ich mich, Pendulum das Drum-and-Bass-Label aufzuerlegen. Wenn man an Drum-and-Bass denkt, so kommt oft das Gefühl auf, es sei das poppigere Techno; simple Arrangements mit repetitiven Beats, ab und zu singt eine Frauenstimme irgendwas tiefsinnig klingendes aber völlig plumpes, und dann gibt es natürlich den allseits beliebten Drop. Man merkt vielleicht, ich bin kein Fan.
Ich nenne Pendulum eben deswegen gerne eine “Alternative”-Band, denn sie verstehen es, das allerbeste aus dem Genre rauszuholen und dabei wie eine Band zu klingen statt wie ein GarageBand-Track, der lieblos von einem 2017er MacBook abgespielt wird. Über das DJ-Set hinaus werden hier sogar echte Instrumente gespielt.
Ich kenne Pendulum seit 2010: Tatsächlich waren sie sogar meine erste Festival-Experience. Damals war ihr drittes Album (“Immersion”) frisch draußen – übrigens ein ganz hervorragendes Album – und ich war gerade 16 und durfte zum ersten Mal aufs Taubertal Festival. Pendulum spielte einen Spätabendslot, und ich war beeindruckt, wie viele Menschen noch wach waren, um die Band zu sehen. Als die ersten Noten von “Witchcraft” ertönten, wurde das Festivalgelände in blaues Licht getaucht. Einige Crowdsurfer:innen machten sich schon gen Bühne auf, der Atem ist angehalten. Mit dem Intro-Drop schlug die Musik wie eine Welle gegen das Publikum. Es war ein Wahnsinnsbild, das ich auch all die Jahre später nie vergessen konnte. Zwei Jahre später löst sich die Band dann auf.
Ich behaupte, da hat die düstere Timeline, in der wir uns befinden, angefangen.
“Inertia” ist eine Compilation aus den EPs “Elemental” (2021) und “Anima” (2023), abgerundet durch einige noch unveröffentlichte Tracks. Was mich schon vor dem ersten Hören angezogen hat, waren die Kollaborationen mit Künstler:innen wie Bullet For My Valentine, WARGASM und AWOLNATION. In der Vergangenheit haben Pendulum schon mit In Flames, Linkin Park und Enter Shikari zusammen gearbeitet; man merkt also eine Nähe zum Core. Das Album ist musikalisch wie stilistisch ein richtig schöner Rückgriff zu “Immersion”.
So sehr ich Drum-and-Bass zu Beginn verteufelt habe, so ist “Inertia” ein sehr fähiges D&B-Album, indem es in der Tat dazu einlädt, zu tanzen und die Hände in die Lüfte zu schwingen. Als ich das Album zum ersten Mal hörte, lief ich gerade durch die Straßen von München, als er plötzlich heftig zu regnen anfing. Es war ein wunderbarer, warmer Sommerregen und ich war eh fast zuhause – also habe ich zu “Inertia” draußen im Regen geplantscht. Es ist der perfekte Soundtrack für eine Art der Ausgelassenheit, die nicht mit Partykultur gleichzusetzen ist, aber dieses Gefühl des Loslassens wiedergibt, das von der Kultur himmelhoch gehalten wird.
Dass “Inertia” ein Flickenteppich aus EP-Tracks und Neuveröffentlichungen ist, spürt man schon, da es ein bisschen an Albumkohärenz fehlt. Die Interludes sind auch nicht ganz so stimmig, wie man es aus früheren Projekten gewöhnt ist. So richtig vermag ich kein gemeinsames Theme zu entdecken. “Immersion” war stärker konzeptuell angelegt, aber ich muss sagen, dass es nicht stört. Pendulum ist keine Band, die man hört, um in tiefen Gedanken zu schwelgen, sondern um Freiheit auf der Zunge zu schmecken.
Pendulum-Frontmann Rob Swire beschreibt “Inertia” als eine “Rückkehr zu sich selbst”, ein Neuanfang gekleidet in Nostalgie. Die letztem 15 Jahre waren turbulent für die Band; der Wechsel im Lineup und Tourrahmen hat sicher gewisse Unsicherheiten rund um die Identität von Pendulum laut werden lassen. Umso mehr, behaupte ich, weil man sich nicht mal am Drum-and-Bass-Label festkrallen konnte, wenn schon der Rest drohte, davon zu fließen. Ich höre absolut, was Swire auszudrücken versucht. “Inertia” ist kein Wiederaufwasch von “Immersion”, klingt aber wie der logische Nachfolger, als wären nicht 15 Jahre vergangen, sondern vielleicht zwei.
Auf Instagram zeigt Swire, mit welchen Schwierigkeiten er und die Band zu kämpfen hatten auf dem Weg zum Album: “Inertia” brauchte mehr als 5 Jahre, durchlief 2 Labels, wurde aus mehr als 1000 Demos zusammengefrimelt. Es war eine Reise in jedem Sinne. Zugleich bereut Swire keinen Moment und verspricht, dass wir auf das nächste Album nicht wieder 15 Jahre warten müssen.
Das höre ich doch gerne.
Beste Tracks: Come Alive, Cartagena
Wertung
Wer vor 15 Jahren zu “Immersion” abgegangen ist, kann “Inertia” besten Gewissens eine Chance geben. Es ist überraschend, wie sehr das neue Album sich wie ein Follow-Up zum 2010er-Kracher anfühlt. Es wirkt, als habe Pendulum nach all den Umbrüchen wieder ihre originelle Stimme gefunden. Und die klingt richtig gut.

Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.