New Found Glory und "Listen Up!": Murmeltier-Tage
25.02.2026 | Nataly Sesic
New Found Glory (folgend als NFG abgekürzt) gelten als Pioniere des Pop-Punk-Genres und werden in Aufzählungen stets im gleichen Atemzug mit anderen Ikonen wie blink-182 und Green Day genannt. Ihre Musik zeichnet sich durch zuckrige Pop-Melodien aus, die von Breakdowns und verzerrten Riffs unterbrochen werden. Klassische Stilmittel sind darüber hinaus der schnelle Wechsel zwischen Sektionen unter (in der Regel) Beibehaltung der Vers-Chorus-Struktur. Das gibt den Liedern eine gefühlte Geschwindigkeit, und verhindert, dass allzu schnell Langeweile einsetzt. NFG haben sich mit ihrer Fähigkeit, unumstritten poppige Hooks zu schreiben, ohne ihren punkigen Street Cred zu verlieren, einen Namen gemacht. Mit der Ausnahme vom Album "Coming Home" (2006), das von Kritiker:innen als "düsterer und erwachsener" bezeichnet wird, lässt sich so in aller Kürze 29 Jahre musikalische Geschichte zusammenfassen.
"Listen Up!" Ist das erste Album von NFG seit "Forever + Ever x Infinity" von 2020. Zuvor hat die Band seit der Gründung 1997 zuverlässig alle 1-2 Jahre ein Album veröffentlicht. Das nunmehr 11. Album von NFG entsteht vor dem Hintergrund zahlreicher Hindernisse, darunter auch der Krebserkrankung von Gitarrist Chad Gilbert und den ständig neuen Herausforderungen der Musikbranche. In ihrer langen Bandgeschichte haben NFG die Ära der CDs kommen und gehen sehen, den Online-Markt entdeckt und das dunkle Imperium der Streaming-Dienste ab seinen absoluten Anfängen begleitet. Doch während die Welt sich rasant ändert, sind NFG stets dieselben geblieben.
100% ist ein NFG-Song par excellence: Ein simples, riffiges Intro geht über in den kratzigen, aber dennoch poppigen Gesang von Pundik. Bevor die Strophe zu sehr verweilen kann, gibt es schon den ersten Tempowechsel, der die Hörer:innen in Richtung Refrain peitscht. Dann wird wieder die Geschwindigkeit rausgenommen während die Bridge in den Refrain fließt. Der Text ist positiv und gespickt mit Stichworten – hier der Titel –, die man beim Konzert laut mitsingen soll. Ganz typisch sind auch die Mitsing-Chöre, die das Lied musikalisch ausfüllen und weiterhin die Hörer:innen zum laut Mitsingen anspornen. Nach dem zweiten Refrain dürfen die Drums kurz nach vorne kommen, um den Breakdown einzuleiten, damit es nicht zu sehr nach Pop-Song klingt. Die strummige Akustik-Gitarre nimmt dann nochmal die Geschwindigkeit raus und punktiert emotional, bevor der Refrain seine letzten zwei Durchgänge feiert. Das ist die NFG-Formel, die seit 1997 mehr oder minder so gefahren wird.
A Love Song ist exemplarisch für den Balanceakt, den NFG seit fast 30 Jahren gekonnt schaffen: Kitsch ohne Cringe. Vielleicht besteht darin auch ihre größte Stärke; der Grund, wieso sie sich so lange gehalten haben. Gilbert erklärte kürzlich in einem Interview mit "Pure Noise", dass ihre Songs authentisch sind, weil sie einzig über ihre eigenen Emotionen und Erfahrungen schreiben, nicht über "politische Agendas". Mal angesehen von einem Augenrollen bezüglichen diesen Kommentars kann ich ihm da recht geben. Man kann sicher vieles über die Musik von NFG sagen, doch ich behaupte sie ist in der Tat authentisch. Was die Platte jedoch schwächt, kann auf ebendiese Authentizität zurückgeführt werden: Die Lieder liefern musikalisch wie textlich wenig Neues.
Lieder wie Medicine und Beer And Blood Stains sind die besten Beispiele für die scheinbar fortwährende kreative Stagnation von NFG. Obwohl ich die "Florida!"-Rufe in der Bridge äußerst charmant finde, so ermüdet mich die thematische Reise nach Jerusalem, die immer und immer wieder über die "guten alten Zeiten" und Romanzen, die eher nach Teenie-Liebeleien klingen, als nach der Art von Beziehungen, die Menschen nahe der 50 führen sollten, sinniert, immens.
Im letzten Jahr haben sich Platten von Künstler:innen, die zu meiner Teenie-Zeit vor knapp 20 Jahren populär waren, gehäuft. Und mein großer Kritikpunkt an den Yellowcard's, Good Charlotte's und Co. war stets derselbe: Habt ihr nach all den Jahren als Musiker:innen und dem Erwachsenwerden nicht irgendwas Neues zu erzählen? Eine neue Perspektive, die ihr über die Jahre hinweg gewonnen habt, Erfahrungen, die es sich zu teilen lohnt?
Wenn man sich "Listen Up!" anhört, könnte man das Album ebenso gut in 2005 platzieren. Es entsteht kein Sense Of Time oder Place, keine erzählerische Dynamik. Die Geschichten, die Menschen, die Lieder sind, wie sie stets waren.
Wie immer lässt sich auch hier über die Validität dieser Stagnation streiten. So manch ein Fan mag es schätzen, dass NFG ihrem Stil treu geblieben sind und einen fröhlichen, harmlosen Lichtpunkt inmitten dem medialen Höllenfeuer bieten, das in den letzten Jahren immer heißer wird.
Ob Kunst eine Verantwortung hat, das aktuelle Zeitgeschehen mit aufzufangen, ist ebenso diskutabel wie die Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung. Sicher gibt es genug Musik-Fans, die gerne immer wieder dasselbe Album mit neuem Cover kaufen.
Ich frage mich dann aber: Wo ist der Wert dieser neuen Platte? Wieso "Listen Up!" hören, wenn es nichts Neues bietet? Einfach nur, um sich musikalisch mit bekannten Melodien zu betäuben? Aus Gewohnheit? Weil man NFG mag und alles konsumiert, was sie veröffentlichen?
Laut Variety (2022) werden täglich mehr als 100.000 Lieder auf Streaming Plattformen veröffentlicht. Betrachtet man es historisch, so wurden in den 60ern noch etwa 5.000 Alben jährlich veröffentlicht, während es mehr als 80.000 in den 2010ern waren. Wir werden mit Content überschüttet. Es ist schier unmöglich, alle Neuveröffentlichungen zu verfolgen, geschweige denn überall reinzuhören. Das bedeutet, dass man priorisieren muss, um nicht der Medien-Lawine zu erliegen. Und so stelle ich mir die Frage, wieso ich "Listen Up!" Hören sollte? Was macht NFG besser, neuer, stärker, interessanter als andere Genre-Vertreter:innen? Wieso NFG und nicht Hot Mulligan oder Hot Milk (zufällige Namensähnlichkeit)?
Während Gilbert verlauten lässt, dass die Texte auf diesem Album "more meaningful and purposeful than ever" sind, höre ich in "Listen Up!" keine neuen Töne, weder im wahren noch im übertragenen Sinne. Das Album ist fröhlich, energisch, voller Hoffnung und Wärme und Freundschaft – all das kann ich positiv bewerten. Aber nach einem Durchhören ist das Album eben schon das – durch. Danach lohnt es sich eigentlich nur noch, "Listen Up!" im Hintergrund beim Arbeiten oder Sportmachen anzumachen. Und das ist nicht die Art von Umgang, die ich mir mit Musik wünsche.
Wertung
"Listen Up!" ist das metaphorische Lieblingseis aus Kindertagen. Wenn man an der Eisdiele vorbeiläuft, wandern die Augen unweigerlich zu Zitrone. Schließlich hat man das immer gerne gegessen und es schmeckt immer gut. Doch dann entdeckt man die 30 weiteren, äußerst verlockend klingenden Sorten, von denen Zitrone nun umzingelt ist. Und vielleicht hat man eben nicht jeden Tag Lust auf Zitrone. Ich gönne ich mir heute mal stattdessen Banane-Karamell.
Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.