The Melmacs und "Euphancholia": Feelgood mit Tiefgang
13.04.2026 | Frank Diedrichs
Benedict Wells schuf in seinem Coming-of-Age-Roman „Hard Land“ (2021) den Begriff Euphancholia. Ein Neologismus aus den Wörtern Euphorie und Melancholie. Euphancholia beschreibt das Gefühl höchster Glückseligkeit bei gleichzeitigem Bewusstsein, dass Momente des Glücks endlich sind. So weit, so sachlich.
Die Leipziger Band The Melmacs greifen diese Wortschöpfung nicht nur als Albumtitel auf, sondern lassen sie auch konsequent in ihre Songs einfließen. Das Album wirkt wie ein Konzeptalbum – getragen von Texten, die nah am Leben sind, und einem Sound, der diese Ambivalenz permanent spürbar macht.
Die A-Seite wirkt dabei wie eine Bestandsaufnahme, fast wie eine Rückschau – musikalisch getragen von klaren Gitarrenlinien, treibenden Drums und einer unterschwelligen Wärme durch Orgel- und Keyboardflächen, die sich immer wieder unter die Songs legen.
Bereits der Opener The Tide Is High setzt genau hier an: Inhaltlich geht es um gesellschaftlich verlorengegangenen Widerstand, musikalisch jedoch wirkt der Song fast leichtfüßig. Die Gitarren sind hell, leicht scheppernd, das Schlagzeug treibt nach vorne, und im Hintergrund öffnen dezente Keys einen Raum, der eher Euphorie als Bedrohung transportiert – ein bewusster Kontrast zu Zeilen wie „the blue flood’s hiding in sight“ und „the right-wing jerks, they rally and scream“.
Vielleicht ist es genau diese Spannung, die in Run For Your Life kippt. Die Angst vor der Realität wird hier nicht nur thematisch greifbar, sondern auch klanglich verdichtet: verzerrtere Gitarren, ein drängenderes Schlagzeug – und dann dieser Moment, wenn die Orgel einsetzt. Spätestens hier fällt es schwer, sich diesem Feel-Good-Punk’n’Roll zu entziehen, obwohl die Lyrics mit „dead inside“ eine ganz andere Richtung einschlagen.
Diese innere Leere setzt sich fort in Falling. Der Song nimmt Tempo auf und erzeugt Druck. Die Gitarren und das Schlagzeug werden noch treibender, während die orgelhaften, hektisch wirkenden Keys fast den Charakter eines 80er-Arkadespiels annehmen. „Black hole in you“ wirkt dadurch nicht wie ein Ausbruch, sondern wie ein Zustand – beobachtet, fast akzeptiert.
Der innere Druck, selbst erzeugt, aber auch durch Bad Seeds gepflanzt, bekommt musikalisch wieder mehr Kontur. Der Song ist kantiger, rhythmischer, erdiger – der Bass arbeitet stärker, die Gitarren greifen direkter ineinander. Orientierungslosigkeit entsteht hier nicht durch Leere, sondern durch Reibung.
Sich dennoch auf den Weg ins Licht zu machen – vielleicht die Versinnbildlichung der Euphorie – bleibt schwierig. These Days klingt offener, fast indiehaft, trotz scharfer Gitarrenriffs und warmen Keyboardflächen, die Hoffnung andeuten, ohne sie zu behaupten. „[To] lose your shadows on the way“ ist möglich, aber nie einfach.
Mit Keep On endet die erste Hälfte des Albums schließlich in einem trotzigen Optimismus. Musikalisch reduziert auf das Wesentliche wirkt der Song wie ein kollektiver Schritt nach vorne. Treibende, snarende Drums, klare Gitarren, und eine Orgelline, die richtig viel Spaß macht, begleiten diesen Schritt.
Die B-Seite knüpft daran an, verschiebt den Fokus aber stärker ins Innere.
Die gesellschaftliche, emotionale Erschöpfung in Lazy Hearts fordert den fehlenden Widerstand aus dem Opener ein. Er formuliert die Aufforderung, sich von Konventionen wie Ansehen oder Besitztum zu befreien und die eigenen Träume nie aufzugeben. Auch wenn das bedeutet, das gesellschaftliche Faul-Sein in den Fokus seines Lebens zu stellen. Dieser geforderte gesellschaftliche und emotionale Ausbruch aus der Erschöpfung in Lazy Hearts zeigt sich auch im Sound: Gitarren, die mit den dezenten Tamburins eine gemeinsame Melodie bilden, bedeuten weniger Attacke. Dennoch wirkt der Song wirkt kraftvoll – aber nicht lazy.
Deadbeat geht noch einen Schritt weiter. Mal rücken die Keys in den Vordergrund, die Gitarren treten zurück, nur um im nächsten Moment die Dominanz im Sound zu tauschen. Das lyrische Ich verliert sich im Rhythmus der Lyrics, während Sängerin Bimmie sich im Rhythmus des Songs verliert – und genau dies macht den Song so direkt.
So kann es nur zum Showdown kommen. Hier bauen sich die Gitarren schichtweise auf, das Schlagzeug arbeitet dynamischer, fast dramaturgisch. Es ist der Moment der Konfrontation – „High Noon“ mit sich selbst.
Diese Kämpfe, so macht Lifetime deutlich, begleiten uns ein Leben lang. Der Song öffnet sich klanglich, lässt den Keys mehr Raum, wirkt weiter, fast größer. Jeder euphorische Moment verspricht, dass wir verpasste Chancen noch aufgreifen können – aber dafür müssen wir ins Herz tauchen, und „that’s the hardest part“.
Crying My Heart Out bildet den emotionalen Kern des Albums. Musikalisch zurückgenommen, getragen von Keys und cleanen Gitarren, liegt der Fokus klar auf der Stimme, die in den Strophen gesprochen eine ganz andere Eindringlichkeit bekommt. „The heart attack“ wird hier zum zentralen Motiv – ein Song, der wie kein anderer die Ambivalenz zwischen Euphorie und Melancholie hörbar macht: sich von Manipulationen, Lügen oder Schuldzuweisungen zu befreien, kann genauso schmerzhaft sein, wie Prozesse der Heilung, Intuition oder das Weitermachen.
Bietet Electric Night eine zufriedenstellende Antwort? Vielleicht nicht. Aber der Song verschiebt die Perspektive ein letztes Mal. Die Gitarren überlassen den anderen Instrumenten das Feld, auch das Schlagzeug hält sich dezent hinter dem Klatschen zurück, die Keys schweigen. Die Euphorie des chorhaften Gesangs der Band wirkt hier fast rauschhaft – nicht als Lösung, sondern als Zustand. Und so endet das Album wohltuend lebensbejahend: „I don’t believe in dying, no!“
Wertung
Von Dave empfohlen, reingehört und begeistert. So platt und heruntergebrochen könnte ich das Album beschreiben. Aber damit würde ich dem Sound von EUPHANCHOLIA und erst recht nicht der Band gerecht werden. Powerpop-Punk, der Spaß macht, der aber durch seine Lyrics immer wieder zeigt, dass in jeder euphorischen Phase auch immer ein Stück Melancholie versteckt sein kann. The Melmacs sind für mich persönlich die erste starke Neuentdeckung in 2026. Und diese Orgel... Wahnsinn. Danke Dave!
Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.