Malheur und "Lava": Gegen den Zeitgeist
06.02.2026 | Dave Mante
Disclaimer
Eine wichtige Anmerkung. Leadsänger Merten ist, wie fleißige Leser:innen und Hörer:innen des Podcasts wissen, nicht nur ehemaliger Redakteur, sondern auch guter Freund des Fanzines. Dies fließt natürlich in keinster Weise in die Bewertung ein oder verändert die Sicht auf das Album, es sollte jedoch trotzdem angemerkt werden.
Malheur sind eine neu geschaffene Post-Hardcore-Band aus Münster. Da kommen mittlerweile wirklich alle frischen, deutschen Bands her, oder? Gibt es eigentlich noch andere Städte für bandtechnische Neugründungen, die auch wirklich Impact haben? Egal! Das Trio schlägt in eine Kerbe mit FJØRT, Touché Amoré oder Lessoner, also emotional intelligent und eloquent angerichtete Lyrics mit atmosphärisch knallenden Texten. Dazu heißeres oder druckvolles Geschrei. Die Musik, weswegen euch immer wieder Leute vorschlagen, mal in Therapie zu gehen, ohne zu wissen, dass diese Musik Therapie genug ist. Ihre erste EP „Lava“ erscheint dabei bereits sechs Monate nach Gründung, das allein ist ein Erfolg für sich, aber ist das denn auch gut?
Die EP beginnt mit dem Titelsong. „Lava“ beschäftigt sich mit der aktuellen Generation und dem Kritikpunkt , dass diese nicht gegen die allgegenwärtigen Probleme der Welt tut: „Wir sind alle bisher Nichts, wenn der Vulkan ausbricht.“ Instrumental begleitet durch ein anfänglich drückendes Stück und immer wieder heruntergefahrene, atmosphärisch langsame Klänge. Auffällig ist, dass auf das Drückende, Laute eher ruhiger Gesang und auf das Ruhige schrille Schreie gelegt werden. Guter Anfang. Aber direkt zum Highlight der EP. „Bonmot“ war und ist gleichzeitig die erste Auskopplung von EP und Band und schaffte es schon damals, sehr mit seiner Rohheit und dem emotionalen Gesang zu packen. Hier kommt die Band an einen aktuellen Zenit, hebt sich durch die rauere Stimme sehr ab und es wird auch außerordentlich gut gezeigt, dass hier textlich einiges drinsteckt. Generell ist der Song einer der ruhigeren, welcher vor allem im Refrain ausbricht und durch eine unerwartete Bridge und dynamische Wechsel einen Sound schafft, für den man Malheur irgendwann hoffentlich kennen wird. „Kroesus“ ist ebenso markant, wieder das abwechslungsreiche Instrumental und diesmal ein durchweg lautes Geschrei ins Mikro. „Frevel“ ist da zwei Tracks später eine Bremse, nicht qualitativ, sondern im Klangteppich. Balladiger, sehr ruhiger, hymnenhafter, gesungener Refrain und teilweise fast komplett stille Passagen. Mit „Sorry, muss off“ schlägt das Trio musikalisch in die Touche Amore-Schiene. Der Gesang von Frontmensch Merten klingt übrigens sehr ähnlich zu dem von Jeremy, wenn man mal genauer darauf achtet. Mit knapp über zwei Minuten ist der Track auch wesentlich mehr Hardcore als der Rest. Das Instrumental peitscht hier nochmal richtig und ich hoffe, dass die Band bald mal aussieht wie beim Outbreak Fest, wenn der Song gespielt wird, mit mehr Publikum als Band auf der Bühne.
„Lava“ ist wie eine Mixtur aus einigen Post-Hardcore Größen aber ohne etwas zu kopieren oder eine Idolisierung vorzuziehen, Malheur schaffen es ohne Mühe etwas eigenes zu machen. Egal ob durch durchdachte Texte, dynamische, drückende oder knallende Instrumente oder ein fantastisches Gesamtpaket. Manchmal ziehen sich die Songs etwas, aber das ist wirklich eine Nadel im Heuhaufen.
Wertung
Malheur beeindrucken auf „Lava“ mit Eigenartigkeit und noch mehr mit durchdachten, klugen Texten und einem drückend, emotionalen Instrumental mit einem Hauch bewusst gewollter Rauheit. Deutscher Post-Hardcore begrüßt eine neue Hoffnung in den Namen der großen Reihen, hoffen wir, da kommt ganz schnell mehr.
Wertung
Ein kraftvolleres und zugleich reiferes Debüt als das des Münsteraner Trios malheur habe ich lange nicht mehr gehört. Post-Hardcore, der aus dem Inneren erzählt und spürbar macht, dass mensch der Adoleszenz entwachsen ist und sich nun der Realität stellen muss. Bass und Drums erzeugen dabei einen druckvollen, führenden Sound, der den rauen, verzweifelten Gesang Mertens trägt und ihm den geschützten Raum gibt, all jene Worte herauszuschleudern, die den eigenen Geist sonst zum Zerbersten bringen würden. Die Gitarre setzt bewusst auf Melodie, schafft Momente zum Luftholen und verschafft dem Gesang immer wieder kurze Augenblicke von Klarheit. Einflüsse vonFjørt und Heisskalt sind hörbar, doch die Band emanzipiert sich auf dieser EP spürbar von ihren Vorbildern. Ihr Wechsel zwischen der Wucht des Hardcore und der Verletzlichkeit des Emocore macht diese Songs für mich zu einem außergewöhnlich starken Debüt – eines, das man als solches kaum wahrnimmt, weil die Stücke bereits mit einer Reife auftreten, die sonst eher späteren Veröffentlichungen vorbehalten ist.
Dave Mante
Aufgewachsen zwischen Rosenstolz und den Beatles hört sich Dave mittlerweile durch die halbe Musikwelt, egal ob brettharter Hardcore, rotziger Deutschpunk, emotionaler Indie oder ungewöhnlicher Hip Hop, irgendwas findet sich immer in seinen Playlisten. Nebenbei studiert er Kunstgeschichte, schlägt sich die Nächte als Barkeeper um die Ohren oder verflucht Lightroom, wenn er das gerade fotografierte Konzert aufarbeitet.