Great Escapes und „Vice Versa“: Westfälischer Frieden
16.10.2026 | Marco Kampe
Wenn neben den einschlägigen Szene-Portalen auch die Westfälischen Nachrichten über einen Release berichten (no offense!), dann unterstreicht dies die subkulturelle Bedeutung Münsters bzw. die von dort ausgehende, (inter-)nationale Strahlkraft für Krach jeglicher Art. Plattensprung hat über die Jahre stets einen Blick in die Heimat des Westfälischen Friedens geworfen, nur um ebendort mit mehreren Jahrhunderten Abstand maximalen Unfrieden zu zelebrieren.
„Vice Versa“ ist schon für sich genommen eine ästhetische Alliteration und aus der Vergangenheit ist wohl bekannt, dass das Trio um Frederik, Maik & Maik zwar durchaus auf die Pauke schlagen kann, es dabei aber nie an melancholischer Schönheit vermissen lässt. Dass allerdings eine halbe Dekade das letzte vom nun erschienenen Album trennt, lässt aufhorchen. Musiker*innen mit überschaubarer Reichweite führen zumeist authentischere Interviews und so weiß man von vielerlei Referenzen, dass sich (persönliche) Prioritäten ändern können und besonders kleine Acts mit dem veränderten bzw. sich weiter veränderndem Marktgeschehen hadern. Und in der Folge, teils wegen des vorherrschenden Kostendrucks, ihren Geschäftsbetrieb einstellen (müssen), wenn man es nüchtern ökonomisch beschreibt. Umso erfreulicher ist es, dass die „Great Escapes“ ein Mini-Comeback starten. Und erfreulich ist nicht nur die Tatsache, dass nun ein neues Studio-Album vorliegt, sondern auch, wie es sich durch die Gehörgänge schlängelt.
Der Opener „Until It Doesn´t“ wabert zwischen den Americana-Träumereien der Midlands und ernsthaft wütendem Punk-Rock, wobei der Titel auf das Zusammenspiel aus Beginnenden und Endendem abzielt und damit eine gelungene Symbiose mit dem zunächst merkwürdig anmutenden Cover eingeht. Denn was soll uns ein leicht versetzt eingelassener Gully-Deckel anderes sagen, als dass die Zeit gekommen ist, Gewissheiten in Frage zu stellen? „Flickering Lights“ haushaltet mit einer Spur mehr Garagendreck, was den Great Escapes wahrlich guttut. Sie zielen schnittig auf den Punkt und wechseln dabei zwischen effektbelegtem und cleanem Gesang, was der Songstruktur eine zusätzliche Dynamik bereitet.
Zu „Mend“ wurde bereits gut 2 Monate vor Release ein Lyric-Video veröffentlicht, welches mit reduzierten Elementen große Wirkung erzielt und einen ohnehin starken Song weiter beflügelt. Ja, in KI-Zeiten ließen sich auch mit schmalem DIY-Budget pompöse Streifen kreieren. Aber ist das per se gut oder gar notwendig? In diesem Fall ist weniger (wieder) mehr. Nachdem bereits Lyrics angesprochen wurden, darf „Panoply“ nicht unerwähnt bleiben. Ebenfalls mit einem Video versehen, beschreibt es auf gelungene Art und Weise, wie die Sicht auf Gegebenheiten auch die eigene Wahrnehmung prägen kann. Nicht zuletzt am Beispiel individueller Schwächen, wenn man diese danach überhaupt noch als solche bezeichnen möchte. „Waiting For Summer In A Snow Globe“ klingt nach einem hoffnungslosen, zur Verzweiflung treibenden Unterfangen und mag ebenfalls autobiographische Züge beinhalten. Aus ebd. Sinnkrise erwächst glücklicherweise ein reifes Stück Musik, welches den Charme einer Indie-Produktion mit groß angelegten Ideen verstrickt. Das gilt gleichermaßen für „The Athlete´s Demise“ und „Paper Plane“. The Menzingers meets hymnische Refrains, eine hoffnungsfrohe Romanze.
„I Still Do“ lässt ein wenig an die goldenen American-Idiot-Zeiten der 2000er zurückdenken, ohne dabei altbacken oder gar abgekupfert anzumuten. Die goldenen Zeiten dieser Veröffentlichung liegen hoffentlich kurz bevor, denn auch durch die gediegeneren Momente (vgl. „June“) manövriert die Münsteraner Kogge gekonnt und auch der etwas zu früh anklopfende Rausschmeißer („Haddonfield“) weiß zu gefallen. 27min, viele Hits, keine Schwächen. Wenn das Licht angeht, weiß man: Die Wartezeit hat sich gelohnt.
Shoreline haben uns in diesem Jahr mit einem tollen Album beschenkt und wer hier Freude empfunden hat, sollte sich dringend überlegen, auch eine der auf 200 Stück limitierten Vinyl von „Vice Versa“ zu ergattern. Gemessen an der Qualität dieser Musik sollten diese längst vergriffen sein, aber sie sind zum Zeitpunkt dieser Textveröffentlichung noch zu erstehen. Und ein unmittelbarer Support sei den Great Escapes wärmstens gegönnt, denn sie supporten auch ihre Hörer*innen. Nicht zuletzt mit inspirierendem Gedanken- und Liedgut. Vice versa oder manus manum lavat sollte man sagen – Münster darf, wenn nicht schon geschehen, im Taschen Verlag auftauchen.
Wertung
Als Exil-Bielefelder kann und darf ich das Zähneknirschen mit einem Schmunzeln überspielen und gleichsam sagen: Chapeau – das ist richtig gut, was dort, eine gute Stunde Fahrtzeit von der Sparrenburg entfernt, geschaffen wird. Album Nummer 4 kann gerne kommen und vielleicht befinden sich ja noch ein paar 2027-er Live-Dates im Köcher.
Marco Kampe
Der vormalige Fokus auf verzerrte E-Gitarren ist bei Marco einem übergeordneten Interesse an der Musikwelt gewichen. Die Wurzeln bleiben bestehen, die Sprossen wachsen in (fast) sämtliche Richtungen. Darüber hinaus bedient er gerne die Herdplatten oder schnürt sich die Laufschuhe.