Genesis Owusu und “Redstar Wu & the Worldwide Scourge”: No further questions
16.06.2026 | Kai Weingärtner
Es gibt Alben, zu denen schreiben sich Rezensionen wie von allein. Da ist von der ersten Minute an klar: so finde ich das, so möchte ich ausdrücken, warum ich das so finde. Dann gibt es Alben, die brauchen Zeit, die hinterlassen keinen klaren ersten Eindruck, sind vielschichtig, öffnen sich erst nach wiederholtem Hören so richtig. “Red Star Wu & The Worldwide Scourge” passt so recht in keine dieser beiden Kategorien. Bereits anhand der ersten Singles war mir klar, dass ich diese Platte höchstwahrscheinlich lieben werde. Genesis Owusu’s einzigartiger Mix aus flirrenden Beats, knurrigem Post-Punk, progressivem Rap und Soul haben mich auf seinen ersten beiden Alben begeistert, und das hat sich auch auf Album Nummer 3 nicht geändert. “Redstar Wu & The Worldwide Scourge” ist ekstatisch, wild, unvorhersehbar und macht extrem viel Spaß. Die Frage ist also weniger: finde ich das gut? Sondern eher: Wie möchte – oder vielmehr, kann – ich das ausdrücken?
Eine große Stärke des Albums ist seine klangliche Vielfalt. Genesis Owusu lässt sich auch hier wieder nicht in irgendwelche Genrekäfige einsperren und die Sounds der Songs reichen von samtweichen Lounge-Vibes (“Hellstar”) über knarzige Punk-Gitarren (“Death Cult Zombie”) und funkige Basslines bis zu Retro-Beats und Spoken Word. Jeden dieser Aspekte nebeneinander zu besprechen, würde ein Bild ergeben, dass das Album bruchstückhafter dastehen lässt, als es tatsächlich ist. “Redstar Wu & The Worldwide Scourge” folgt einem klaren Konzept, auch wenn sich die einzelnen Songs teils stark voneinander unterscheiden. Schon das Artwork der Platte lässt vermuten, wohin dieses Konzept ausschlagen könnte. Der bereits namentlich erwähnte rote Stern prangt auch hier im Zentrum der Platte, auf den Pressebildern zum Album inszeniert sich Genesis Owusu mit einem roten Barette und zitiert damit politische Revoluzzer wie Che Guevara und die Black Panther Bewegung. Der politische Anspruch ist klar: “Redstar Wu & The Worldwide Scourge” will eine Hymne sein für die Revolution, und benennt die zu überkommenen Zustände und deren Vollstrecker unmissverständlich. Wenn Genesis Owusu je ein Blatt vor dem Mund hatte, ist an diesem mittlerweile ein Baum gewachsen, aus dessen Krone er nun für alle laut und deutlich verkündet, auf welcher Seite er steht.
In Zeiten, in denen Künstler:innen politischen Akteuren explizit verbieten müssen, ihre Musik für menschenverachtende Propaganda zu nutzen, macht Genesis Owusu Musik, bei der es so eklatant offensichtlich ist, wes Geistes Kind hier singt und rappt, dass selbst die ignorantesten Neo-Faschisten sich hier als Feindbild gesehen fühlen müssen. Und das Beste daran ist: Es ist weder preachy noch esoterisch. Owusu benennt die Antagonisten seiner Kunst klipp und klar, teilt gegen Tech-Oligarchen, Faschos und Kanye West aus, bleibt dabei aber leichtfüßig, gut gelaunt und schlagfertig. “Stampede” lässt sich ganz klar als Protestsong lesen, als Aufruf zum Widerstand. Er funktioniert auf einer rein musikalischen Ebene aber gleichzeitig auch als ansteckender Party-Banger. Dieser Spagat zwischen klarem Haltungsbekenntnis und mitreißender Ekstase funktioniert, weil Genesis Owusu – ich unterstelle hier mal, ganz bewusst – auf tiefschürfende Diskursanalysen oder bittere Anklagen verzichtet. “Redstar Wu & The Worldwide Scourge” ist die Revolution eines Einzelnen, der seine ganz persönlichen Ansichten und Werte für alle sichtbar zur Schau stellt, ohne den großen Lösungsentwurf, ohne Brandrede, stattdessen mit alltäglichen Mittelfingerzeigen und der Ermutigung, mitzumachen.
Wertung
Genesis Owusu bleibt auch auf seinem dritten Album einer der spannendsten Künstler, die wir aktuell haben und beweist auf seiner bissigsten Platte bis dato, dass Punk kein Musikstil ist, sondern eine Haltung gegossen in Kultur.
Kai Weingärtner
Kai hat in Osnabrück Politik und Kulturwissenschaft studiert, und damit tatsächlich einen Job gefunden. Der verhindert mittlerweile leider, dass er sein ganzes Leben in irgendwelchen stickigen Konzertvenues verbringen kann, die Leidenschaft für alles, was laut ist und idealerweise auch manchmal ein bisschen in den Ohren wehtut, ist aber so groß wie nie.