Foo Fighters und "Your Favorite Toy": Viel Lärm um Nichts
02.05.2026 | Nataly Sesic
Die 2020er hatten die zweifelhafte Ehre einer schier endlosen Welle an "Mask Off"-Momenten in den Medien. Hier wird ein geliebter Musiker als Krimineller enttarnt, da probiert ein Ex-Mmitglied die Familienmitglieder der Band zu überfahren und wir alle erinnern uns sicher an den historischen "Oscar Slap".
Will Smith ist über zwei Jahrzehnte hinweg ein Hollywood-Liebling gewesen, Big Will: ein netter, lustiger Typ, den man einfach mögen muss und überall dabei haben will.
Und dann: The Slap, groß T, groß S. Ein einschneidender Moment im öffentlichen Leben von Smith, der für viele die Frage eröffnet hat, ob der Fresh Prince vielleicht doch nicht der liebe, harmlose Kerl ist, für den ihn alle gehalten haben.
Dave Grohl muss an dem Abend mit einem besonders beklemmenden Gefühl vor dem Fernseher gesessen haben. Als im September 2024 öffentlich wird, dass Grohl nicht nur seiner langjährigen Ehefrau Jordyn Blum fremdgegangen ist, sondern dabei auch ein außereheliches Kind gezeugt hat, wandelt sich auch das öffentliche Image des Foo Fighters-Frontmanns radikal. Seitdem soll Grohl sechs Tage die Woche in Therapie verbracht haben, um mit dem Trauma fertig zu werden.
Normalerweise beginnt man eine Albumkritik nicht damit, die schmutzige Wäsche der thematisierten Künstler:innen zu waschen. Doch im Fall von "Your Favorite Toy" ist die Affäre und das gesamte öffentliche Leben von Dave Grohl nicht nur relevant, sondern zentral.
Es wäre unfair zu behaupten, Grohl habe keine validen Gründe für Therapie. Der Tod von Kurt Cobain ist auch mehr als 30 Jahre später immer noch ein Thema für die Popkultur, geschweige denn für jene, die ihn persönlich kannten.
Nach einigen privaten Verlusten in Grohls Leben, darunter auch der Tod seiner Mutter, stirbt 2022 überraschend Foo Fighters-Drummer und langjähriger Freund Taylor Hawkins.
Sein bewegtes Leben, die Verlockungen und Bürden des Rockstar-Lebens und, ja, auch die existenzielle Angst, die das politische Leben 2026 prägt; all das sind sicher beste Gründe, wenigstens einen kleinen Knacks weg zu haben.
In "But Here We Are" (2023) schafft es die Band, all die Emotionen der letzten Jahre zu bündeln und eines der stärksten Alben ihrer Karriere umzuwandeln. Wenn es mich auch nicht so musikalisch abgeholt hat, wie vergangene Favoriten, so konnte man zumindest spüren, dass es in "But Here We Are" um etwas geht. Umso enttäuschender ist die Leere, die "Your Favorite Toy" auslöst.
Musikalisch soll "Your Favorite Toy" rougher als vergangene moderne Foo Fighters-Projekte klingen, durch weniger Politur den Anschein einer DIY-Platte geben. Für den Einen klingt es sicher wie die Rückkehr zu den authentisch Anfängen der Band. Für mich klingt es wie ein Theaterspiel.
"Your Favorite Toy" ist eins der am schlechtesten gemixten Alben, das ich seit langem in der Profi-Liga der Musik gehört habe. Im Versuch, raw und echt zu klingen, wurde vergessen, dass Musik auch gut klingen soll.
Andererseits freue ich mich als Musik-Kritikerin natürlich, dass die Drums in "St. Anger" endlich mal eine Ruhepause vom Olymp der fragwürdigsten musikalischen Entscheidungen der alternativen Szene bekommen.
Wenn Grohl und die anderen Bandmitglieder über den Albumprozess sprechen, wird immer wieder thematisiert, wie man sich zu "alten Idolen" wie Massive Attack und Pink Floyd rückbesinnt hat. Gitarrist Chris Shiflett erzählt The Guardian, dass Inspiration und Energie im Vordergrund stand; die letzten Alben seien "zu produziert" gewesen, zu wenig spontan. "Your Favorite Toy" sei geradezu aus Grohl herausgeflossen, eine Rückkehr zu seinen Wurzeln und den Wurzeln der Foo Fighters, das einfach "raus musste".
Immer wieder spreche ich über Grohl und seine Arbeit an dem Album, als handele es sich bei "Your Favorite Toy" um ein Solo-Werk, und nicht um das inzwischen 12. Album einer alteingesessenen (wenn auch rege durchgetauschten) Band. Wenn man die Geschichte der Foo Fighters betrachtet – die regulären Trennungsgerüchte, das Chaos im Austausch und der Trennung von Bandmitgliedern, zuletzt 2025 von Drummer Josh Freese –, so weiß man, Grohl ist die Foo Fighters, und er macht kein Geheimnis daraus, insbesondere nicht, wenn er die Band als Plattform für sich selbst verwendet.
Grohl möchte sich erklären, zeigen, was er in der Therapie gelernt hat – nämlich dass er eigentlich gar nicht Schuld an seiner Affäre ist, sondern dass das Rockstarleben ihn dazu gezwungen hat. In Tracks wie "Child Actor" und "Spit Shine" dreht sich Grohl unentwegt im Kreise der performativen Selbstgeißelung, ohne je ehrlich zu wirken, geschweige denn den Anschein zu machen, irgendwas über sich selbst oder die Welt gelernt zu haben.
Im Album-Opener "Caught In The Echo" spricht Grohl von einer "emancipation / from all of my confusion", nur um "If You Only Knew" zu lamentieren, dass niemand seinen Schmerz versteht, und wenn doch, dann würden sie ebenso handeln wie er.
In "Amen, Caveman" erinnert sich Grohl plötzlich daran, dass die Welt sich nicht nur um seine persönlichen Fehlschläge dreht, sondern dass sich Rockmusik irgendwie auch mit dem politischen Hier und Jetzt beschäftigen soll. Mit wenig evokativen Stichwörtern, die hoffentlich einfach zum Mitschreien bei Konzerten auswendig zu lernen sind, werden die Hörer:innen zum selbstmitleidigen Finale in "Asking For A Friend" geleitet.
Es ist nur allzu ironisch, dass "Your Favorite Toy" mit der wiederholten Phrase "Save Your Promises" endet. Ebendas denke ich mir nämlich auch.
Wertung
Wenn "Your Favorite Toy" Grohls öffentliches Image retten sollte, hat es versagt.Wenn "Your Favorite Toy" ein gutes Album sein sollte, hat es versagt.Wenn "Your Favorite Toy" ein Vorgeschmack auf das ist, was man in der Zukunft von den Foo Fighters zu erwarten hat, und, wenn wir ehrlich sein, seit "Concrete And Gold" auch schon erwartet, stellt sich mir die Frage, wieso ich überhaupt noch einschalten soll.
Wertung
Das neue Foo-Fighters-Album wirkt wie von einer Band, die genau weiß, wie ein Foo-Fighters-Album zu klingen hat – und genau darin ihr größtes Problem hat. Vieles folgt vertrauten Mustern: die kalkulierten Steigerungen, Grohls verlässlicher Wechsel zwischen zurückgenommener Strophe und aufgeladenem Refrain, der bewährte Stadion-Sound. Das funktioniert einwandfrei – und bleibt gerade deshalb erstaunlich egal.Dabei scheint immer wieder der Wille durch, mehr zu wollen als bloße Selbstkopie. Einzelne Momente irritieren, andere setzen auf verfremdete Stimmen oder brechen den gewohnten Klang leicht auf. Doch diese Ansätze wirken selten konsequent zu Ende gedacht. Statt echter Reibung entsteht oft der Eindruck vorsichtiger Variation – als taste sich die Band an die eigene Komfortzone heran, ohne sie wirklich zu verlassen. Gerade hier hätte man sich gewünscht, dass neue Impulse innerhalb der Band deutlicher hörbar werden.So pendelt das Album zwischen routinierter Selbstvergewisserung und halbherzigen Experimenten. Ich erkenne die Foo Fighters wieder, die ich seit Mitte der 90er verfolge – eine Band, die für mich immer auch den Übergang vom Grunge zur massentauglichen Variante des Alternative Rock markiert hat. Nur klingt das hier inzwischen weniger nach Entwicklung als nach Verwaltung des eigenen Erbes.Das eigentliche Problem liegt aber tiefer: Die Songs bleiben auffallend körperlos. Kaum ein Moment entwickelt Sog, kaum etwas zwingt dazu, sich mitreißen zu lassen. Für eine Band, die einmal für unmittelbare Wucht stand, ist das ein erstaunlich blasser Befund.Unterm Strich ist das kein misslungenes Album, aber ein erstaunlich ambitionsarmes.
Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.