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Reviews

Fat Dog und “Cancel Me (I’m Tired)”: Aren’t we all?

20.10.2026 | Kai Weingärtner

In den düsteren Zeiten, in denen wir leben, bleibt manchmal nur eine ausgeklügelte Mischung aus Zynismus, Realitätsverweigerung und Hedonismus, um der eigenen Gefühlslage wieder habhaft zu werden. Fat Dog bieten den Soundtrack zu dieser Coping-Strategie.

Die Londoner Konzertvenue The Windmill darf sich mit einer Reihe an Acts schmücken, die von dort aus den Sprung in die Herzen der Indiewelt geschafft haben. Black Country, New Road, The Last Dinner Party, Squid, The Orchestra (For Now). Feingeistige, bisweilen chaotische Musik, emotional leitfähig und bei hornbebrillten Musikjournalist*innen mindestens ebenso hoch im Kurs wie bei Brixtoner Scene Kids. Fat Dog wollen sich nicht so recht einordnen lassen in die “Windmill scene” wie sie von einigen betitelt wird. Ihr aggressiv gut gelaunter Elektropunk steht in direkter Opposition zu den so oft abgründigen Sounds und Gedanken, die andere Bands dieses Dunstkreises ausformulieren – so zumindest der Schein. Tatsächlich könnte man Fat Dog auch attestieren, aus denselben Umständen angesichts der Optionen “fight, flight or freeze”, einfach mit Inbrunst die erstere Möglichkeit gewählt zu haben, und seither halb tanzend halb marodierend durch die Straßen des noch vereinigten Königreichs zu pilgern.

Cancel Me (I’m Tired) ist das Zweitlingswerk der Band um Frontmann Joe Love und folgt auf das ebenso ironisch benannte Debüt WOOF.. Auch Cancel Me (I’m Tired) hält mit dem eigenen Nihilismus zu keiner Sekunde hinter dem Berg, trieft doch hinter der flotten Tanzbarkeit der Songs die Verbitterung ihrer Protagonist:innen nur so hervor. Diese Spannung zwischen Text und Subtext, die erst mit dem letzten Track Aliens ansatzweise gebrochen wird, ist es, die Fat Dogs Musik davor bewahrt, platt oder cheesy zu wirken. Wo sich viele ihrer Zeitgenöss*innen für rohe Selbstoffenbarung entscheiden, gehen Fat Dog den Weg des meisten Widerstands und verweigern sich mit erhobenen Fäusten der Tristesse. Vertont wird das in einer wilden Mischung aus Elektro-Punk, Dance und Melodien aus dem Klezmer. Wer sich beim Hören des Albums fragt, “Verdammt, wieso werde ich diese Melodien einfach nicht mehr los?!”, findet die Antwort in dieser musikalischen Tradition der aschkenasischen Jüd:innen.

Klezmer ist eine säkulare Musikrichtung, die bereits im 15. Jahrhundert in den jüdischen Communities Ost- und Mitteleuropas entstand und bis heute vor allem auf Hochzeiten, Familienfeiern und anderen festlichen Anlässen gespielt wird. Charakteristisch für die Klezmermusik ist die melodische Nachahmung der menschlichen Stimme, die sich bei Fat Dog zum Beispiel in den Saxophon-Melodien wiederfindet, sowie die ebenfalls durch osteuropäische und westasiatische Kulturen beeinflussten Skalen (welche genau das sind, wie die funktionieren oder warum sie so verdammt catchy Melodien hervorbringen, keine Ahnung, da müsst ihr eure*n lokale*n Musikwissenschaftler*in fragen, ich weiß nur: es schiebt), besonders deutlich zu hören zum Beispiel auf Bad Dog. Wenn man sich einmal eine Live-Darbietung dieser Art Musik angeschaut hat, scheint auch die beinahe religiöse Intensität einer Fat-Dog-Show nicht mehr ganz so schleierhaft zu sein.

Statt mit liturgischen Motiven ergänzen Fat Dog dieses Klanggemich allerdings durch zynisch ad absurdum geführte Alltagsbeobachtungen (Call It What You Want), manische Tiraden über die Tücken des Tour-Alltags (Smile and Wave), oder frustrierte Absichtserklärungen (Go Fuck Yourself). 

Wie bereits angesprochen wird die Tracklist von Cancel Me (I’m Tired) immer wieder aufgebrochen durch minimal entschleunigte Songs. So kommt Heart Of Darkness folkig und melancholisch daher, behält aber die Ohrwurmmelodien, die den Rest der Platte prägen konsequent bei. Etwas rumpeliger, aber dennoch deutlich entschlackt, geht es in Snakes zu, der sich dem Folk inklusive Pfeifmelodie und Saloonpaino hingibt. Der Cowboyhut, den Joe Love in jedem zweiten Pressefoto trägt, kommt eben auch nicht von ungefähr. Es ist ein Zeugnis des musikalischen Gespürs der Band, das sich all diese Stoßrichtungen auf den gerade einmal 35 Minuten des Albums nicht konstant gegenseitig torpedieren. Stattdessen bleibt am Ende von Cancel Me (I’m Tired) neben klarem Wiederholungsbedarf lediglich dieses diffuse Gefühl der leichten Überforderung, und der Drang dieser in wilden Tanzbewegungen Ausdruck zu verleihen. Wer Fat Dog bis jetzt noch nicht auf der Liste der zu erlebenden Konzerterfahrungen hatte, sollte das spätestens mit diesem Album ändern.

8

Wertung

Fat Dogs patentierter Mix aus partytauglichem Elektro-Punk, 80er-Synthsounds und den infektiösen Klezmer-Melodien funktioniert auch auf Album Nummer 2 noch hervorragend. Mehr noch, "Cancel Me (I'm Tired)" bringt sogar eine klangliche Diversität mit, die man auf "WOOF." nur vermuten konnte. Diese ruhigeren Momente der Platte schmälern zwar die geballte Ekstase, die die Band mit ihrem Vorgänger (und vor allem mit ihren Liveshows) heraufzubeschwören wusste, geben aber auch wohlverdiente Atempausen zwischen all den Rumpelnummern. Und spätestens auf der Bühne werden wohl auch diese Atempausen in Moshpits und Tanzwut konvertiert werden.
Kai Weingärtner

Kai Weingärtner

Kai hat in Osnabrück Politik und Kulturwissenschaft studiert, und damit tatsächlich einen Job gefunden. Der verhindert mittlerweile leider, dass er sein ganzes Leben in irgendwelchen stickigen Konzertvenues verbringen kann, die Leidenschaft für alles, was laut ist und idealerweise auch manchmal ein bisschen in den Ohren wehtut, ist aber so groß wie nie.

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