Die Sterne und "Wenn es Liebe ist": Siegt die Vernunft am Ende doch?
09.02.2026 | Frank Diedrichs
Was hat dich bloß so ruiniert – 1996 hat mich dieser Song mit voller Wucht erwischt. Er lief während meiner ersten Semester, auf benebelten EW-Partys, und begleitete Gespräche über Kindheit, Privilegien, Ideale und die Frage, ob wir sie nicht längst verraten hatten. Schon damals spielten Die Sterne einen Indie-Pop, der strukturiert war, aber nie kühl – tanzbar und trotzdem nachdenklich.
Dreißig Jahre später erscheint mit WENN ES LIEBE IST das dreizehnte Studioalbum. Musikalisch knüpft es hörbar an die 1990er an, wirkt dabei aber nicht rückwärtsgewandt. Das liegt auch an den Besetzungswechseln, die den Bandsound verschoben haben. Die Sterne klingen heute kantiger, manchmal trockener, mit viel Rhythmus, präzisen Keyboards und immer wieder gesprochenen Passagen. Rock taucht auf, verschwindet wieder, alles wirkt kontrolliert, aber nicht glatt.
Ich nehm das Amt nicht an beschreibt das Gefühl, von gesellschaftlichen Erwartungen überfordert zu sein. Die Weigerung, immer zuständig zu sein, immer die Lösung liefern zu müssen. Der Song bleibt dabei eher zurückhaltend, fast sperrig – als wolle er selbst keinen Anspruch erheben.
In Ändern wir je den Akkord geht es um die Frage, ob Vernunft doch noch siegen muss. Anders als Tocotronic es einst in Pure Vernunft darf niemals siegen formulierten, wirkt diese Hoffnung hier beinahe trotzig. In einer Zeit, die von Unvernunft und Verdrehung geprägt ist, liest sich der Song klar als Kommentar gegen Verschwörungserzählungen und Faktenverweigerung – auch ohne es auszusprechen.
GNZRZND spielt in einer Barszene, die schnell unangenehm wird. Ein lebendiger, fast beschwingter Rhythmus treibt den Song voran, während der Text Misogynie und Übergriffigkeit sichtbar macht. Der männliche Protagonist macht Komplimente, redet sich selbst ein, alles sei harmlos, schiebt es auf den Alkohol. Die Frau reagiert kaum, der Barbetrieb läuft weiter. Am Ende wird der Sound aggressiver, eine Gitarre setzt ein, das wiederholte „Bye, bye, bye“ klingt zynisch. Der Song hört gefühlt nicht auf – und genau das macht ihn so eindringlich.
Der Titelsong Wenn es Liebe ist wird stark von den Keyboards getragen. In den Strophen eher hoch und fragil, im Refrain tiefer und schwerer. Der Song fragt danach, was man in Beziehungen alles hinnimmt: in der Liebe, im Alltag, in der Lüge und Selbstverblendung. Oft wohl zu viel – auch wenn es am Ende heißt: „Ich will ja nichts gesagt haben.“
Open Water ist ein besonderer Moment des Albums. Keyboarderin Dyan Valdés übernimmt Songwriting und Gesang komplett. Der gewohnte Bandsound bleibt da, tritt aber zurück. So entsteht Raum für einen Text über Gewalt in Beziehungen, Selbstzweifel, Schuld, aber auch über Neuanfänge. Offenes Wasser steht hier für Gefahr und Verletzlichkeit, aber auch für Freiheit.
Eine der eindringlichsten Zeilen findet sich im gleichnamigen Ich habe nichts gemacht (ausser weiter). Der Song beschreibt dieses ständige Weitermachen, die Wichtigkeit von Aufgaben, die sich am Ende oft leer anfühlen. Viel Bewegung, die aber nichts anderes zu sein scheint, als ein getriebenes Voranschreiten im Strom von Belanglosigkeiten.
Fan von Irgendwas greift dieses Gefühl wieder auf. Eine Computerstimme legt nahe, dass uns ständig eingeredet wird, Langeweile sei gefährlich. Man müsse etwas tun, etwas sein, etwas verehren. Wasserski, Segeln, Fan-Sein – alles wirkt wie ein Zwang, der uns beschäftigt hält. Und hinterlässt den faden Geschmack, zwischen Aktivismus und Bedeutungslosigkeit gefangen zu sein.
Fast fröhlich und gut tanzbar kommt Es war nur ein Traum daher. Rückblickend erzählt der Song, dass das Leben trotz seiner Brüche und Unvollkommenheit lebenswert ist.
Easy auf Rezept verbindet musikalische Leichtigkeit mit schweren Themen: Arbeit, Krieg, Selbstdarstellung. Der Satz „alle Menschen sind am Verzweifeln, plattformübergreifend“ bleibt hängen, gerade weil der Song so zugänglich wirkt.
Der über neun Minuten lange Abschlusstrack Immer noch sprachlos verzichtet fast vollständig auf klassische Songstrukturen. Wiederholungen, Rhythmen und Klangflächen tragen den Titelgedanken. Es geht um Situationen und Entwicklungen, zu denen einem die Worte fehlen. Auch Die Sterne scheinen hier keine Antworten mehr zu haben – und genau das macht den Song so konsequent.
Für mich ist WENN ES LIEBE IST ein Album über Überforderung, Beziehungen und das ständige Weitermachen. Es tröstet mich nicht, aber es spiegelt vieles, das ich kenne. Der Sound ist weiterhin stark rhythmusbetont, wiederholt sich, hält Spannung und löst sie selten auf. Vieles bleibt stehen, manches wird bewusst anstrengend. Gerade deshalb funktioniert das Album für mich so gut.
Wertung
Die Sterne zeigen, dass sich lange bestehende Bands weiterentwickeln können. Ich möchte bei WENN ES LIEBE IST nicht von einer Neuerfindung sprechen, aber der Sound des Albums ist reifer, greift ungewohnte musikalische Elemente auf, bleibt dem präzisen Rhythmus, der die Songs seit je her prägt, treu. Haupttexter Frank Spilker schafft es erneut, pointiert und prägnant zu formulieren, auch wenn er die Hörenden am Ende des Albums in der Sprachlosigkeit zurücklässt. Manchmal zwangen die Songs mich aus- und durchzuhalten, blieben hartnäckig mit ihrer Struktur, schafften es aber immer wieder, mich in den Fokus zurückzuholen. Auch nach 35 Jahren sind Die Sterne noch hörenswert.
Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.