Chat Pile und “Who Loves The Sun”: Eine Verwüstung namens Frieden
13.10.2026 | Kai Weingärtner
Every creature led to slaughter, every city under water. Mit einer Stimme, die sich über den Song hinweg von kraftlos zu archaisch entwickelt, legt uns Chat Pile Frontmann Raygun Busch im Chorus des Album-Openers Creature seine niederschmetternde Analyse des Status Quo vor. Die Menschheit reitet sich selbst – und damit gleichzeitig alles um sich herum – immer tiefer in den Morast, und die wenigen Menschen mit genug Macht zur Veränderung füllen sich mit genau dieser Selbstzerstörung die Taschen, statt sie zu Gunsten aller aufzuhalten. Kavitär hallende Drums und dissonante Gitarrenmetronome machen die Tristesse perfekt. Von diesem makroskopischen Sprungbrett aus stürzen sich Chat Pile auf den folgenden neun Tracks von Who Loves The Sun in diverse Facetten dieser traurigen Welt.
Der Sound, den die vier Musiker aus OKC dabei konstruieren, steht weitgehend in der bisherigen Tradition der Band: dreckiger, ausgewaschener Noiserock, der sich mehr als ein paar Mal über die Schwelle in Richtung Sludge und Slowcore bewegt. Das bedeutet aber nicht, dass Chat Pile hier repititiv oder gar langweilig werden. Einige neue Einflüsse markieren Who Loves The Sun doch als eine deutliche Fortentwicklung der bisherigen Platten. Beispielsweise trägt Bassist Stin seine Liebe zu Nu-Metal-Heroen KoRn so deutlich vor sich her wie bisher nie auf einer Chat Pile Platte – zu hören in den knarzenden Downtuned-Bassriffs von Songs wie PEN I S MALL oder Influence. Auch die letztjährige Zusammenarbeit mit dem texanischen Primitive-Guitar-Virtuoso Hayden Pedigo ist nicht spurlos am Sound von Chat Pile vorbeigezogen. So startet der Closer des Albums beispielsweise als verkühlte Akustiknummer und eskaliert erst langsam in Richtung der gewohnt destruktiven Ästhetik der Band, und auch auf Shrine bedienen sich Chat Pile dieser reduzierten Darbringung, um die Verzweiflung der erzählenden Person zu untermalen. Grundsätzlich gilt im Bezug auf die Instrumentierung von Who Loves The Sun aber: Wer die bisherigen Werke der Band mochte, wird auch hier wieder glücklich, wer nicht, wird sich auch von diesem Album nicht bekehren lassen.
Wie eingangs angedeutet, offenbart sich die gesamte Destruktivität eines Chat Pile Albums erst im Zusammenspiel der dystopischen Klangkulisse mit den Lyrics aus der Feder von Raygun Busch. Chat Pile betreiben hier eine bittere Bestandsanalyse, in der sich gleichzeitig ein kluger Blick auf die dem Leid zugrunde liegenden Zustände wie auch eine Reflektion über die eigene Beteiligung an eben jenem Leid erkennen lässt. Dabei scheut Raygun Busch auch nicht vor persönlichen Deep Dives zurück. PEN I S MALL (der Titel liegt einem vandalisierten Schild der “Penn Square Mall” in OKC zugrunde) ist der vielleicht klanglich brutalste Song, den die Band je releast hat und handelt von einem Job als Handyman in einer Mall. Busch reflektiert hier nicht nur die katastrophalen Arbeitsbedingungen des amerikanischen Niedriglohnsektors, sondern auch die eigenen Coping-Strategien und toxischen Dynamiken unter den Arbeiter:innen, mit denen die Zurückgelassenen am Fuße der Trickle-Down-Pyramide sich ihr Schicksal versuchen erträglicher zu machen. Wer hiernach noch was vom Tellerwäscher zum Millionär schwafelt, hat entweder jeden Skrupel verloren oder setzt für die eigene Prophylaxe auf die Zahnfee.
Auch Intruder setzt sich mit der Illusion der sozialen Aufwärtsmobilität auseinander, findet dafür allerdings eine ganz andere Sprache. Wer schonmal ein Live-Video von Chat Pile gesehen hat, weiß, dass Raygun Busch sich die Zeit zwischen den Songs gerne mit Popkultur-Empfehlungen – von Robocop bis Toni Morrison – vertreibt. Kein Wunder also, dass er hier dem koreanischen Instant-Classic Parasite gleich einen ganzen Song widmet. Ähnlich dem Film von Bong Joon-ho nimmt auch Busch hier eine durchaus aktionistische Haltung ein, die sich bereits im Chorus des Songs abzeichnet: Someone said a storm is coming / someone told me this house needs haunting. Intruder beherbergt auch erstmalig in der Chat Pile Diskographie ein Gesangsfeature, Claire Hannah und Brittany Sawtelle von der Posthardcore-Band Nightosphere unterstützen den Refrain mit ihren Stimmen und geben dem Song damit eine ganz andere Form der Bedrohlichkeit, als Busch sie hätte allein bewerkstelligen können.
Ähnlich metaphorisch abstrahiert kommt ebenfalls der monumentale Family Funeral daher. Hier schlüpft das lyrische Ich in die Schuhe der griechischen Sagenfigur Medea aus der Geschichte um Jason und die Argonauten. Medea ist Jasons ehemalige Gemahlin und Mutter seiner Kinder. Als sie herausfindet, dass Jason eine andere Frau liebt, rächt sie sich an ihm indem sie ihre gemeinsamen Kinder und Jasons neue Geliebte vergiftet (And so I sent our sons to your new bride / With poisoned gown and coronet / She wore them to her father's room / And everything they touched preceded death). Verkompliziert wird diese abscheuliche Tat dadurch, dass Medea überhaupt erst durch einen Zauber der Götter dazu bewegt wurde, sich in Jason zu verlieben. Deren Idee war, dass Medea Jason mit ihren magischen Fähigkeiten zum Goldenen Vlies und damit zum Thron von Iolkos verhelfen würde. Family Funeral ist somit die Geschichte einer Person, die durch Umstände außerhalb ihrer Kontrolle in eine für die damalige Zeit ausweglose und marginalisierte Position gezwungen wurde, aus der heraus sie keinen anderen Ausweg für ihre Verzweiflung und Wut sieht, als sie in Gewalt auszudrücken.
Chat Pile richten den Blick der Inspiration aber bei weitem nicht nur in die antike Vergangenheit. Einen wiederkehrenden Wetzstein ihrer Anklage findet das Quartett auf gleich mehreren Songs des Albums im alles vereinnahmenden Griff des Tech-Feudalismus. Auf Deep Blue werden die weiten des Ozeans zum Stellvertreter der vereinzelnden Wirkung der modernen Medienwelt, Influence beschreibt passend betitelt die virulente Aushöhlung der eigenen Empathie durch algorithmusgesteuerte Elendspornographie, und mit Christabel ‘26 liefert Raygun Busch ein frustriertes Lamenti angesichts der eigenen Komplizenschaft in der Dynamik aus massenhafter Selbstüberwachung und dem aggressiven Rückzug auf unsere eigenen kleinen Inselrealitäten.
Das letzte übergreifende Thema von Who Loves The Sun ist der Tod; oder vielmehr die fehlende Perspektive über ihn hinaus. Immer wieder verstricken sich Sound und Lyrics des Albums in diesem Widerspruch aus der evidenten Zerstörung unserer – materiellen wie ideellen – Umwelt und der fundamentalen Alternativlosigkeit eben dieser angesichts der Tatsache, dass wir alle nunmal nur diese ein Chance haben, hier irgendwas zu bewegen. Chat Pile finden auf Shrine dafür die desillusionierten Worte:
Live in life beyond the end of trust / Physical space and nothing above us / To be left with so much confusing time / Time enough to build this morbid shrine
Wertung
Chat Pile sind spätestens mit diesem Album für mich zu einer der wichtigsten Stimmen der Metal-Gegenwart geworden. Niemand findet diese Klänge und diese Worte für das, was um uns herum passiert. Who Loves The Sun ist gleichermaßen anklagend und destruktiv, findet für diese klangliche Gewalt aber ein Ventil, das weder ins Verkopfte noch ins Überhebliche abdriftet. Die Künstler machen sich angreifbar und schaffen eine Gratwanderung der Aggressivität, die nicht in breitbeinigem Machismo ausartet, sondern aus einer echten Verzweiflung, aber auch einem unbändigen Willen der Besserung für alle rührt.
Kai Weingärtner
Kai hat in Osnabrück Politik und Kulturwissenschaft studiert, und damit tatsächlich einen Job gefunden. Der verhindert mittlerweile leider, dass er sein ganzes Leben in irgendwelchen stickigen Konzertvenues verbringen kann, die Leidenschaft für alles, was laut ist und idealerweise auch manchmal ein bisschen in den Ohren wehtut, ist aber so groß wie nie.