100 Kilo Herz und "Hallo, Startblock": Echos aus den leeren Räumen des Lebens
29.08.2025 | Frank Diedrichs

Ende des Jahres 2023 gibt die Band bekannt, dass Steffen von Grundhass die Position von Rodi als Sänger übernimmt. Sie macht aber gleichzeitig deutlich, dass Steffen keine Kopie seines Vorgängers sein soll, sondern durch den Wechsel soll Steffen sein eigenes Profil entwickeln.
Dies hört mensch dem neuen Album „Hallo, Startblock“ sofort an. Der brass-punkige Sound ist weiterhin ein entscheidendes Merkmal der Band und doch mischen sich auch ruhigere Passagen, wie der Klavierpart in 3:00, in das Repertoire der Musiker. Auch die Texte, weiterhin die Gesellschaft in den Fokus nehmend, bekommen in Songs wie Der letzte Tag, Mit dir oder Eh ok eine sehr persönliche Richtung. Der Opener pendelt sich im Refrain in der Mitte zwischen den guten und den schlechten Erfahrungen des Lebens ein, wobei ein „eh ok“ auch eher nach Resignation als Euphorie klingt. Mit 3:00 haben 100 Kilo Herz keine ausdrückliche Anti-Alkohol-Hymne geschrieben, sondern zeichnen den Niedergang nach, zu dem Alkohol führen kann.
Der Zusammenhalt in der Community und unter Ausgegrenzten wird ebenso aufgegriffen. Sei es, dass niemand alleine bleibt (Komm mit uns), oder die Ablehnung des scheinbar Normalen (Dazugehören). Gerade die gesellschaftskritischen Songs bleiben mit der Benennung von Gruppen im Wagen, zu groß ist inzwischen der Teil der Gesellschaft geworden, der durchdreht, Fakten vertauscht (Muss man wissen) oder verschleiert. Nur in Leben und Sterben lassen wird explizit mit Rheinmetall und Lockheed direkt mit der Waffenindustrie abgerechnet. Wir sind hier nicht in Seattle, eine offene Anspielung an den gleichlautenden Tocotronic-Song, greift den Niedergang und die Spießigkeit der „plumpen Provinz“ auf und spannt einen Bogen zum Album „Stadt, Land, Flucht“. Bereits am Sound erkennt mensch die Zusammenarbeit mit der Band Jack Pott, die dem Song ihren musikalischen Stempel aufdrückt.
Das Motiv eines scheinbaren Unterganges erscheint in einigen Songs des Albums. Wie ein roter Faden zieht sich das Motiv des letzten Tages durch die Texte. Den Beginn macht Der letzte Tag, bei dem die 100 Kilo Herz von den Musiker:innen von ELL begleitet werden, mit dem Wunsch, dass die Sonne am nächsten Morgen nicht wieder aufgehen würde. Auch Mit dir greift das Ende auf, legt den Fokus aber auf die Zweisamkeit, auf das Zusammensein mit dem/den Menschen, die zu einem stehen. Ob mit dem letzten Tag der uns alle treffende klimatische Kollaps gemeint ist (Im selben Boot) oder der Rückgang demokratisch-sozialer Strukturen, bleibt subjektive Interpretation. Wird in Allez noch kurz ungläubig auf das Aufgehen der Sonne geblickt und die Erkenntnis formuliert, dass es eigentlich egal ist, Dem Untergang geweiht zu sein, schließt dieser Song das Album mit der Aufforderung, nicht aufzuhören, auf den Trümmern [der Gesellschaft] zu tanzen, um all dem Zusammenbruch Hoffnung und Positivität entgegenzusetzen.
Mit ihrem vierten Album beweisen 100 Kilo Herz erneut, dass kritische Texte in tanzbarem Brass-Punk verpackt werden können. Die Bläser klingen euphorisch und verströmen Hoffnung, die Gitarren und Drums unterstützen enthusiastisch den Sound. Mensch wird nicht drumherum kommen, der Aufforderung des letzten Songs nachzukommen und auf den Trümmern unserer Welt zu tanzen. Die Texte kehren sich nach innen, ohne die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Kritik außer Acht zu lassen. Steffen hat auf diesem Album diesen Texten seinen eigenen Ausdruck verliehen und das Versprechen, ein eigenes Profil zu erschaffen, mehr als erfüllt.
Wertung
Mit dem vierten Album „Hallo, Startblock“ haben mich 100 Kilo Herz wieder komplett abgeholt. Die Texte sind am Puls der Zeit und am eigenen Herzen. Ihr Brass-Punk hält die Hoffnung aufrecht, trotz aller Schwermut in den gesellschaftlichen Entwicklungen. Steffen Neumeister, der die gesangliche Nachfolge von Rodi angetreten ist, schärft das Profil der Band, deren Songs sich zwischen Pop Punk a la Madsen und traditionellem Ska Punk bewegen, ohne diese zu kopieren. Immer wieder eine Freude, 100 Kilo Herz zuzuhören.

Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.