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Greta van Fleet und „Palace For The People“: Die Freiheit des eigenen Lebens

14.10.2026 | Frank Diedrichs

Zwischen falschem Gold und großen Träumen: Greta Van Fleet verbinden auf Palace For The People wuchtigen Siebzigerjahre-Rock mit einer entrückten Atmosphäre. Josh Kiszkas theatralischer Gesang lässt die Songs wie Stationen einer Suche nach Glück, Liebe und persönlicher Freiheit wirken. (M)eine mögliche Lesart – und ein Album, das Raum für eigene Gedanken lässt.
Als der Alexandra Palace 1873 in London eröffnet wurde, bekam er den Beinamen „The People’s Palace“. Seitdem kommen dort immer wieder Tausende Menschen zusammen. Heute denkt man beim Ally Pally vielleicht zuerst an die Dartsweltmeisterschaften. In den Siebzigern standen hier aber auch Bands wie The Who, Led Zeppelin oder Pink Floyd auf der Bühne. Greta Van Fleet greifen den Namen des Gebäudes mit ihrem neuen Album Palace For The People auf. Ob sie damit auch dessen Geschichte von Aufbruch, Zerstörung und Wiederaufbau im Sinn haben, weiß ich nicht. Beim Hören musste ich allerdings daran denken, wie oft man im eigenen Leben Dinge hinter sich lassen und wieder von vorn anfangen muss. Schon die ersten beiden Stücke passen für mich zu diesem Gedanken. „Into The Beginning“ beginnt mit orchestralen Gesängen, fast feierlich, einen Vorhang öffnend, bevor sich ein markanter Brush-Sound dazugesellt und die Riffs immer mehr in den Vordergrund rücken. Der Sound wird dichter und mächtiger. „Tear It Down“ setzt diesen Eindruck fort. Die orchestrale Hymne von Aufbau und Einreißen, lässt mich an Dinge, die zu Ende gehen, und an das, was danach kommt. Was bleibt, wenn etwas zerbricht? Und was kann daraus Neues entstehen? Das sind Fragen, die ich mit den beiden Songs verbinde.
Musikalisch stehen Greta Van Fleet weiterhin deutlich in der Tradition des Siebzigerjahre-Rocks. Led Zeppelin, The Who und Deep Purple sind für mich als Einflüsse gut herauszuhören. Trotzdem klingt das Album nicht einfach wie eine Kopie seiner Vorbilder. Die Band nimmt deren große Gesten auf und macht daraus ihren eigenen, ziemlich wuchtigen Sound. Dazu passt Josh Kiszkas hoher, theatralischer Gesang. Er klingt manchmal, als würde er weniger eine Geschichte erzählen als eine Stimmung beschwören. Ich denke allerdings weniger an eine vergleichbare lyrischen Konzeption als mehr an die besondere Fähigkeit des Gesangs, eine Geschichte anzudeuten, ohne sie vollständig erzählen zu müssen. Greta Van Fleet hält die Spannung für meine Ohren in einer dichteren, geschlosseneren Atmosphäre. Dass dieser schwere Sound nicht gleichförmig werden muss, zeigt „Heart and the Beat“. Die Drums geben den Strophen den Takt vor, ohne dass die Gitarren untergehen. Beides greift gut ineinander und lässt Kiszkas Stimme genug Platz. Auch „Field of Stars“ lebt von diesem Zusammenspiel. Der Song beginnt mit einem ungewöhnlichen Akustikriff und geht dann in den vertrauten Hardrock über. Gitarren und Schlagzeug treiben den Gesang nach oben. Dabei kommt mir der Wunsch in den Sinn, etwas erreichen und über sich hinauswachsen zu wollen, ohne dabei zu vergessen, wo man herkommt. Vielleicht lese ich da mehr hinein, als die Band beabsichtigt hat. Für mich passt der Gedanke aber zur Stimmung des Songs. „Boughten Bliss“ bringt mich zu einer anderen Frage: Was macht ein gutes Leben eigentlich aus? Lässt sich Glück kaufen? Das Glücksspiel, das ich in mehreren Songs wiederzuerkennen glaube, passt für mich dazu. Wer auf falsche Versprechen setzt, kann viel verlieren, ohne dem erhofften Glück wirklich näherzukommen. Auch „Lost in the Golden“ geht für mich in diese Richtung. Gold steht schließlich nicht automatisch für etwas Wertvolles. Man kann sich von Glanz und großen Versprechen blenden lassen und am Ende mit leeren Händen dastehen. Wo dieses wahre Gold zu finden sein könnte, lässt sich für mich nicht eindeutig sagen. Vielleicht geht es um etwas, das erst nach einem Zusammenbruch sichtbar wird. Vielleicht bleibt die Suche auch einfach offen. Gerade das finde ich interessant.
„Dreams to Hold“ klingt dagegen wie eine Ermutigung, an den eigenen Träumen festzuhalten. Ich verbinde den Song mit der Vorstellung, dass jeder Mensch seine eigene Vorstellung von einem guten Leben entwickeln sollte, statt nur den Erwartungen anderer hinterherzulaufen. Ganz so einfach macht es sich das Album aber nicht. In „Touch Again“ höre ich eher Zweifel an einem Weg, den man lange verfolgt hat und der sich irgendwann als falsch herausstellt. Vielleicht ist man dann in einem Traum gefangen, der längst nicht mehr der eigene ist. Die Vorstellung, dass es irgendwann wieder hell wird und man einen anderen Weg erkennen kann, gefällt mir. Denn nicht jeder Neuanfang ist von Anfang an als solcher zu erkennen. „Saw You Stand“ und „Heya“ nehmen sich musikalisch deutlich zurück. Schlagzeug und Gitarren halten sich in den Strophen im Hintergrund, der balladenhafte Sound lässt dem Gesang mehr Raum. Inhaltlich verbinde ich die Songs mit Liebe und der Frage, wie viel davon echt ist. Wenn die Instrumente im Refrain wieder kräftiger werden und Kiszkas Stimme nach oben treiben, wirkt das auf mich, als würde sie mit ihrer Verzweiflung nicht allein gelassen. Das gefällt mir an diesen beiden Songs. Greta Van Fleet müssen nicht ständig alles auf Anschlag drehen, um Wirkung zu erzielen. Manchmal funktioniert es gerade dann, wenn sie sich zurücknehmen. Mein persönlicher Favorit ist „Play Your Games“. Hier passen Gitarren und Schlagzeug für mich besonders gut zusammen. Der Song hat Druck, ohne dass die einzelnen Instrumente in diesem Druck verschwinden. Dazu kommt Kiszkas Gesang, der sich immer weiter nach oben schraubt. In den hohen, gepitchten Schreien höre ich eine Nähe zu Robert Plant heraus. Vor allem aber bleibt bei mir der Gedanke hängen, die eigene Zeit nicht einfach verstreichen zu lassen. Man kann das Leben nicht auf später verschieben, bis irgendwann alles passt. Es findet jetzt statt. Genau deshalb funktioniert der Song für mich so gut. „Call My Own“ greift einige der Motive wieder auf, die sich für mich durch das Album ziehen: Gefangensein, Glücksspiel und die Suche nach etwas, das endlich glücklich machen soll. Kann man ein erfülltes Leben durch einen Münzwurf gewinnen? Oder wird die Suche nach Liebe und Glück irgendwann zu einem endlosen Spiel, wenn man immer glaubt, das Entscheidende liege noch irgendwo da draußen? Ich weiß nicht, ob Greta Van Fleet den Song genau so gemeint haben. Für mich fügt er sich jedenfalls gut in diese Gedanken ein. Mit „Born Into This“ endet das Album für mich passend. Ich verstehe den Song als Erinnerung daran, dass wir unser Leben selbst gestalten müssen. Das heißt nicht, dass wir alles in der Hand haben oder jedes Problem lösen können. Aber wir können Verantwortung dafür übernehmen, wie wir mit dem umgehen, was uns begegnet. Auch Demut bedeutet für mich nicht, sich unterzuordnen, sondern die eigenen Grenzen zu kennen. Vielleicht steckt gerade darin eine Form von Freiheit. Und damit bin ich wieder beim Gedanken vom Anfang: Manchmal muss etwas eingerissen werden, damit etwas Neues entstehen kann. Die Frage ist, was man behalten möchte und was man besser hinter sich lässt.
Palace For The People ist für mich ein Album über Glück, falsche Versprechen und die Suche nach einem Leben, das zu einem selbst passt. Greta Van Fleet verbinden diese Gedanken mit einem schweren, dichten Rocksound, der seine Wurzeln in den Siebzigern nicht versteckt. Nicht jeder große musikalische Gestus ist überraschend, und manches wirkt auf mich ziemlich monumental. Trotzdem höre ich das Album gern, gerade weil sich die Songs für mich zu einem größeren Zusammenhang verbinden. Dafür brauche ich keine durchgehende Geschichte und kein eindeutig festgelegtes Konzept. Was der Titel Palace For The People genau mit den Songs zu tun hat, bleibt offen. Vielleicht geht es tatsächlich um die Freiheit, das eigene Leben nicht von falschen Versprechen bestimmen zu lassen. Vielleicht geht es auch schlicht darum, immer wieder neu anfangen zu können. Das sind Gedanken, die ich aus dem Album mitnehme. Ob sie auch die Absicht der Band treffen, kann ich nicht sagen. Aber eine Platte muss für mich nicht jede Frage beantworten. Manchmal reicht es, wenn sie mich auf Gedanken bringt, die über die Musik hinausgehen.
7.5

Wertung

Vielleicht liegt es daran, dass ich mich immer wieder gern im Rocksound der 70er-Jahre verliere und Bands wie The Who, Led Zeppelin oder Pink Floyd liebe. Vielleicht war Palace For The People aber auch einfach das richtige Album zur richtigen Zeit. Jedenfalls haben mich der harmonische Zusammenschluss von Drums und Gitarren und die stimmliche Bandbreite Josh Kiszkas sofort gepackt. Als Liebhaber vielschichtiger Lyrics, die Raum für eigene Interpretationen lassen, bin ich beim Hören zudem immer wieder bei Gedanken über das eigene Leben gelandet. Für mich passt hier vieles zusammen. Absolut empfehlenswert!
Frank Diedrichs

Frank Diedrichs

Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.

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