Das Pell-Mell Festival wird mindestens im Jahr 2027 nicht stattfinden. Da das bereits im letzten Jahr kommuniziert worden ist, nimmt diese Tatsache in diesem Jahr sogar eine eher positive Rolle ein. Die Lücke im Kalender wird uns wohl allen erst im nächsten Jahr so richtig bewusst werden. Am diesjährigen, ersten Septemberwochenende wird der Fokus von Publikum, Bands und Veranstaltern erst einmal auf eine stimmungsvolle Verabschiedung gelegt.
Der Freitag des Festivals gestaltet sich für uns aus beruflichen Gründen immer etwas schwieriger, sodass wir gegen 17:30 Uhr nach keinen eineinhalb Stunden Fahrt die Drive-In-Ticketkontrolle passieren und im Anschluss kaum Zeit zur Orientierung benötigen: Bühne, Merch, sanitäre Anlagen, Verpflegung, alles steht grob am gewohnten Platz. Der Plan, den Festivaltag mit Treptow aus Berlin zu beginnen, geht somit bestens auf.
Treptow
Treptow geistern schon seit einiger Zeit mit zwei ihrer bekanntesten Songs in meinen Playlisten herum: "Nachts auf dem Fahrrad" und "Dein viel zu lautes Leben", die heute erwartungsgemäß am Ende des Sets gespielt werden. Dass die Band nur zu zweit auf der Bühne ist, war mir im Vorfeld nicht bekannt. Ansonsten bieten Treptow einen unterhaltsamen Start in mein Festivalwochenende, tauschen die Instrumente, lassen den ganzen Platz ins Wochenende schunkeln und Sänger Philipp Taubert steht bei "Nachts auf dem Fahrrad" (zum Pell-Mell!) logischerweise mit Helm auf der Bühne. Eine kurzweilige Show, die für ordentlich Stimmung vor der zweiten, kleineren Bühne sorgt. Da die Bands auf dem Pell-Mell Festival beide Bühnen abwechselnd bespielen, folgt eine kurzweilige Pause in der Schlange vor der "Rockwoschdbude".
Mein erster Gedanke zur Band Samurai Pizza Cats: Die müssen neu sein! Eine kurze Recherche ergibt das Jahr 2021 als Gründungsjahr, optisch erinnert das Backdrop direkt an die frühe Zeit von Electric Callboy und hätte damals bei Callejon oder Caliban grafisch genauso auftauchen können, nur dass die Texte meiner Wahrnehmung nach nicht ganz so daneben sind wie die von EC damals. Musikalisch schließt sich das Ganze nach einem Digimon-Intro in Form von "Leb deinen Traum" (schön wie viele Menschen das hier mitsingen können) an diese Assoziationen an, zu heftigen Parts gesellen sich cleane Gesangsmelodien und elektronische Elemente. Da ich selbst alle drei oben genannten Bands vor etwa 15 Jahren live gesehen habe, schaue ich mir den Auftritt erst einmal ergebnisoffen an und kann die "jungen Leute" vor der Bühne komplett verstehen, die diese Musik aktuell feiern. Und ganz ehrlich, mir ist es so lieber als bei ganz vielen anderen Bands und Künstler*innen da draußen. Den von der Band verbreiteten Hass gegenüber Pizza mit Ananas möchte ich nicht so ganz verstehen, der auf die Bühne fliegende Schuh könnte den gleichen Gegenwind zu dieser These symbolisieren. Zur Fanbase kann ich mich aber trotz unterhaltsamer Show nach dem Gruppenfoto bereits nicht mehr zählen.
VENUES aus Stuttgart übernehmen erneut die kleinere Moonshine Stage, welche praktischerweise direkt ans Verkaufszelt für Getränke anschließt. Nach dem wie immer mit einem Lachen auf den Lippen gereichten Getränk finden wir uns im hinteren Zuschauerbereich ein und lauschen dem Post-Hardcore einer Band, bei der sich vor Allem Robin als Mann für das gesanglich Grobe sowie Sängerin Lela angenehm auf der Bühne ergänzen. Mit der Dunkelheit setzen die ersten Regentropfen ein, die sich bis zum anschließenden Konzert von Itchy in einen amtlichen Guss steigern.
Itchy
Erst im letzten Jahr erlebten wir Itchy nur wenige Kilometer entfernt auf dem Limewood Festival in einem Bürgerhaus. Die große Bühne unter freiem Himmel bringt heute Abend Vor- und Nachteile mit sich. Die letzten Open-Air-Gefühle des Sommers funktionieren nun einmal auch nur (Überraschung!) unter freiem Himmel. Dass dieser Himmel aber über große Teile des Auftritts literweise Wasser auf uns runter schüttet, darauf hätte ich gut und gerne verzichten können. Da stehe ich also, die Klamotten kleben längst triefend nass auf der Haut, und Itchy feuern mit "Faust" einen Opener raus, der vor der Bühne einen lang anhaltenden, ganz besonderen Regentanz auslöst. Den vom Publikum zu pfeifenden Mitmachpart, den die Band als "der größte Dreck" betitelt, schieben wir einfach auf das Regenwasser auf den Lippen. Davon abgesehen weiß man bei Itchy ziemlich genau, was man bekommt: Viel auf die Ohren, einiges für die Augen und eine ganz klare politische Haltung. Sibbi macht trotz des Wetters nicht vor dem Ausflug auf den Gitarrenkoffer auf dem Publikum halt, während sich der Aschesportplatz in Obererbach langsam aber sicher in ein Moor verwandelt. Mit den letzten Klängen endet trotz drei ausstehender Bands mein erster Festivaltag wetterbedingt heute Abend etwas früher als geplant, und dennoch nach dieser Show glückselig, bereits gegen 22:30 Uhr. Wie sagt man so schön: Morgen ist ja auch noch Tag.
Samstag
Irgendwie ist es eine kleine Tradition geworden, den Festivalsamstag in der Altstadt von Limburg an der Lahn zu beginnen. Am frühen Nachmittag schlendern wir zwischen den malerischen Fachwerkhäusern hindurch, lauschen den vielen Stadtführungen im Vorbeigehen (ein Guide erzählt gerade von Neid und Missgunst der Bürger*innen in längst vergangenen Zeiten), lassen uns auf dem Kornmarkt ein Kaltgetränk schmecken und erreichen das Festivalgelände anschließend etwa gegen 17:00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt läuft das Programm vor Ort bereits seit vier Stunden und die Bands Kaff Panda, Left Betrayed, Lost In Hollywood und Stesy sind bereits aufgetreten. Die letzten Klänge von Stesy bekomme ich am besagten Getränkestand neben der Moonshine Stage sogar noch mit, warte aber aus gänzlich geschmacklichen Gründen lieber etwas abseits auf den Auftritt der Monsters of Liedermaching. Dass mein Geschmack nicht die Meinung der breiten Masse ist, zeigt die zugegebenermaßen für diese Uhrzeit doch ziemlich wilde Party vor der zweiten Bühne, inklusive Polonaise.
Monsters of Liedermaching
Auf den mit 45 Minuten angesetzten Slot der Monsters of Liedermaching bin ich wirklich gespannt. Die letzten Besuche bei der Truppe waren allesamt vollwertige Konzerte und auch wenn heute nur fünf der sechs Musiker vor Ort sind (Burger fällt terminlich bedingt leider aus), erwarte ich gespannt die Festivalsetlist und auch, wie die Band bei einem Festivalpublikum mit Schwerpunkt Punkrock und Metal wohl ankommen wird. Anstatt Stühle nehmen die verbliebenen Monsters heute auf Bierzeltbänken platz und ernten mit "Auflaufform" die ersten Lacher. Es folgt eine ausgewogene Mischung aus Stücken vom anstehenden Album "Sutsche" sowie uns bereits bestens bekannten Songs. Dass zwei Gäste zu Tottes "Prädikat Punk" eine gegen die AFD gerichtete Fahne auspacken, nimmt dieser zum Anlass D-Dur zu spielen "bis ihr auf der Bühne seid!", sodass beide samt Fahne für einen Song hinter der Band posieren dürfen. Ich beobachte einen einzelnen am Boden sitzenden Ruderer zwischen den Leuten sowie den Cousin meines Cousins, der mit Sombrero auf dem Kopf jubelnd auf seinen Sombrero-Kollegen steht, bestens zu sehen auf meinem Foto. Irgendwie schaffen es die Monsters of Liedermaching doch immer und überall, die Leute in ihren Bann zu ziehen - so auch auf dem Pell-Mell Festival.
Rantanplan
Auch Rantanplan sind in unserem Festivalplan fest vorgesehen. Zwei Mal durfte ich die Band bereits sehen, heute folgt nach dem Balarock Festival und einer Show im Siegener Vortex der größte der drei Auftritte. Torben und die Band hinter ihm machen einen frischen Eindruck und da die Revolution, wenn Rantanplan beteiligt sind, auf dem Pell-Mell Festival zu 100% tanzbar ist, beobachte ich viele mitsingende und sich vor der Bühne bewegende Menschen. Bei den gesprochenen Worten zwischen den Songs schalte ich zwar beim Thema kosmische Strahlungen im Falle einer Besiedelung des Mars kurz ab, bin bei der Pointe, unsere eigene Erde umso mehr zu pflegen und zu hegen, natürlich komplett auf der Seite der Band. Auch finde ich es schön, dass die auf dem letzten Album erschienenen Coversongs "Kids" (MGMT) und "All You Fascists Bound To Lose" aus dem Jahr 1944 ihren Weg in die Setlist finden. Jan Delays "St. Pauli" vervollständigt das Trio der Cover.
Anstatt Caliban betreten die Veranstalter die Hauptbühne nach dem Auftritt von VMZT auf der Nebenbühne. Es folgen ein paar Worte zur Geschichte des Pell-Mell Festivals und der Entwicklung, die das Festival über 20 Jahre hinweg bis ins Jahr 2026 genommen hat. Tim merkt dabei an, dass immerhin mit über 4.500 Zuschauern mehr als neunmal so viele Menschen auf dem Sportplatz stehen, als in Obererbach überhaupt wohnen. Der ausgesprochene Dank an Vereinsmitglieder, Ehrenamtliche, Rettungskräfte und auch die Bands bekommen die Veranstalter des Festivals mit Applaus und breitem Grinsen aus den Reihen quittiert. Am Ende der Rede steht ein Statement: Das Pell-Mell Festival wird wiederkommen! Wann und in welcher Form das passiert, wird sich zeigen. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.
Caliban
Mein letztes Konzert von Caliban muss ewig her sein! "Back From Hell" hat im letzten Jahr zumindest den Weg in mein Plattenregel gefunden, also empfinde ich vor dem Konzert eine gewisse Vorfreude darauf, mir noch einmal so richtig schön die Ohren durchpusten zu lassen. Anders als vor 24 Stunden hat es heute nicht ein einziges Mal geregnet, dementsprechend voll ist der Platz, als die Band die Bühne betritt und ein brachiales Set eröffnet. Da ich sowohl das Album "Back From Hell" als auch zum Beispiel "Gravity" zur Vorbereitung noch einmal ausgiebig angehört habe, kann ich "I AM PARALYZED!" ("Paralyzed") als auch "Insomnia" zur richtigen Stelle lauthals mitbrüllen und falle bei der herrschenden Lautstärke damit nicht einmal auf. Zwei Fünftel meiner Gruppe ergreift zügig die Flucht, ich widerum reiße mir den eigentlich benötigten Gehörschutz sogar nach einigen Songs wieder aus den Ohren, um die ganze Wucht auf mich einprasseln zu lassen. Etwa eine Dreivierstelstunde stehe ich da, lasse das Blitzlichtgewitter auf der Bühne auf mich wirken und muss allen auch bei uns zu lesenden Vorwürfen der Eintönigkeit entgegenbringen: Ich hatte richtig Spaß!
Destination Anywhere
Da das Beste, wie uns bestens bekannt ist, zum Schluss kommt, finden wir uns bereits vor dem Ende des laufenden Konzertes am anderen Ende des Platzes ein: Destination Anywhere schließen sich den leicht überziehenden Caliban auf der Moonshine Stage an und spielen nur eine Woche nach ihrem eigenen Jubiläums-"Destival" auf dem "besten Festival der Welt und einem zweiten Zuhause!" (Zitat von Sänger David Conrad). Dass Destination Anywhere fast in jedem Jahr auf dem Pell-Mell zu Gast war, zeigt die geringe Beteiligung an der Frage, wer die Band heute Abend eigentlich zum ersten Mal sieht: Zögerlich gehen vereinzelte Hände in die Luft. Doch ob Neuling oder Fan: Der Party, die der Auftritt schon mit dem Opener und dem folgenden "Komm, hör doch auf" auslöst, schließen sich vor der Bühne alle zügig an. Ich halte mich nach zwei Tagen Festival aus den Circle Pits heraus und mich dafür mit ausgiebigem Springen warm. Wenn um einen herum sowieso alle textsicher am Start sind, fällt auch meine Hemmschwelle umso schneller, jede einzelne Zeile der Bühne entgegen zu schreien. Mich beschäftigt nach dem Auftritt in der letzten Woche die gleiche Frage wie bei den Monsters of Liedermaching am späten Nachmittag: Wie wird die Band die vergleichsweise (und sowieo zu) kurze Dreiviertelstunde füllen? Eine Änderung zum Konzert im Vortex: Ich greife zum "Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist"-Cover bei einem als Bierdose verkleideten Menschen eine Dose Helles ab, bevor dieser sich kopfüber ins Getümmel stürzt - das scheint ein reines und mir noch unbekanntes Festivalelement zu sein. Wie beim Thema Setlist schließt sich aber zum Ende der zwar kurzen, aber dennoch unglaublich energiereichen Show, die Band spielt immerhin ihr zweites Konzert am heutigen Tag, ein weiterer Kreis zum Auftritt der Monsters: David greift im Publikum einen Sombrero ab und steht kurzzeitig damit auf der Bühne, bevor der Hut Teil des Bühnenbilds wird.Irgendwie verfolgen mich die Dinger dieses Wochenende. Könnte aber auch daran liegen, dass ich die ganze Sombrerogang kenne.
Fazit
Liebes Pell-Mell Festival! Als wir uns im Jahr 2019 kennenlernten, fühlte ich mich sofort wohl bei euch! Das fing mit dem jährlichen Kontakt zu Tim an und hörte bei jedem bestellten Getränk vor Ort auf. Nicht ein einziges Mal lief auf diesem Sportplatz in Obererbach auch nur irgendetwas so ab, dass es von meiner Seite aus etwas zu bemängeln gäbe. Bei euch durfte ich in familiärer Umgebung Bands sehen, deren Shows eure Location immer den Charme gab, den eine Halle in Dortmund, Frankfurt oder Köln einfach nicht liefern kann. In 2019 waren es Montreal, in den Jahren danach folgten zum Beispiel Emil Bulls, Betontod, Skindred, Deine Cousine, 100 Kilo Herz, Siamese und in diesem Jahr Itchy, Rantanplan und Caliban. Genießt die Pause, sortiert euch neu und seid euch gewiss, dass nicht nur ich die Rückkehr dieses Vorzeigefestivals sehnsüchtig erwarten werde. Auf euch!