The Casualties und „Detonate“: Sprengstoff für den Kopf
29.06.2026 | Marco Kampe
The Casualties sind insofern ein Phänomen, als dass sie sich als Punk-Band trotz internationaler Bekanntheit bis heute zielsicher fernab von Chart-Platzierungen im DIY-Untergrund bewegen und zeitgleich für durchaus kommerzielle Szene-Festivals (u.a. das Vainstream in Münster) gebucht werden. Zugegebenermaßen in wechselnder Besetzung, aber um eine beachtliche Leistung handelt es sich dabei im 36. Jahr nach Bandgründung allemal. Zumal speziell im Punk die Frage der Kredibilität stets wie ein Damoklesschwert über jeder verkauften Platte schwebt.
Auf den ersten Blick wirkt das Album-Cover von „Detonate“ wie eine radikalisierte Ausdrucksform von The Offsprings „Splinter“ aus dem Jahre 2003. Die Schatten eines zerberstenden Kopfes deuten einen bedrohlich anmutenden Raben an, der seine Beute fest im Visier zu haben scheint. Eine düstere Vorahnung macht sich breit. Und das scheint nur folgerichtig, denn The Casualties berichteten in der Ankündigung dieser Platte von einem bleibenden Ohnmachtsgefühl, von einer Melange sich zuspitzender Krisenherde, von Sprengstoff für den Kopf. Und weil einem reinigenden Gewitter durchaus ein Reiz innewohnt, dürfen die Detonationswellen nun die Gehörgänge freipusten.
Ein „Intro“ muss potentielle Hörer*innen griffiger Punk-Musik nicht zwangsläufig abschrecken. Wir sehen uns keiner neuartigen Hans-Zimmer-Inszenierung ausgeliefert, sondern dürfen ein überladendes Stimmengewirr aus Schnipseln der medialen Berichterstattung auf uns wirken lassen. Der letzte Beitrag hallt noch nach, als „Detonate“ ansetzt. In nicht einmal 1,5 Minuten sagt bzw. brüllt der namensgebende Titelsong die Essenz dessen heraus, was The Casualties mit dieser Veröffentlichung ausdrücken möchten. Tongewordene Überforderung, die in Wut überschlägt. Eine Wut, die bis einschließlich Track 13 („Wake Up, Kill, Repeat“) andauert, ehe dieser hochaggressive Rausschmeißer das Publikum in die Post-Album-Ruhe entlässt.
Die Gitarrenarbeit ist einer anfänglichen Sequenz von „People Over Power“ fast virtuos, von progressivem Mid-Tempo-Rock ist man hier dennoch ein gutes Stück entfernt. Eher früher als später überzeugen der hohe Taktschlag, die parolenhaften Gang-Shouts und die satte Abmischung von Grund auf. Zu „The Empire Falls“ gibt es zwar bislang kein offizielles Musikvideo, aber wer nicht gleich beim ersten Hördurchlauf Inspirationen hierfür tankt, der/die kann auch bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben. Es geht rasend schnell nach vorne und „Brick By Brick“ oder das selbstbestärkende „Eye For An Eye“ sorgen im Eifer des (politischen) Gefechts für den stets passenden Soundtrack.
Auf „Ashes Of War“ hat die Band scheinbar gerade noch rechtzeitig die Idee eines Green Day Covers (vgl. „Horseshoes And Handgrenades“) verworfen und ist blitzschnell auf die altbekannten Trademarks umgeschwenkt. „Allies And Assassins“ ist ein Highlight der Platte. Nicht, weil es außerordentliche Neuerungen offenbart. Auch nicht, weil man vor lauter Tiefsinn die eigenen Gedanken nicht mehr geordnet bekommt. Sondern einfach, weil es den Kern von „Detonate“ so ausdrucksstark repräsentiert, dass es in diesem Fall auch gut und gerne um den Titeltrack hätte handeln können. Aber weil der Platz an der Sonne bereits vergeben ist, ist jedes weitere Leckerli dieser Güteklasse willkommen.
„Few The True“ bringt einen Hauch mehr Melodie hinein, die Dropkick Murphys dürfen ebenfalls mal durch die Tür des Tonstudios lünkern. Dies steht der Band gut zu Gesicht, lenkt allerdings, auch wenn „Now And Tomorrow“ in eine ähnliche Kerbe schlägt, nicht vom beschriebenen Kern dieser VÖ ab. Sollten daran Zweifel bestehen, wischen die „Pigs On Fire“ diese mühelos hinfort.
In Summe kommt das Album durchweg ohne Durststrecken aus, das ist die gute Nachricht. Die noch bessere Nachricht ist, dass The Casualties auch ein paar wahrhaftige Genre-Perlen hervorbringen, die sich für die Organisation von US-amerikanischen Protestzügen gegen die dortige Administration bestens eignen dürften. Gründe für Protest gibt es schon jetzt genug, ggf. setzen die weiteren Turnierrunden der FIFA-WM im negativen Sinne noch einen oben drauf. Sollte dies so sein, liegt ja jetzt „Detonate“ zur musikalischen Reinwaschung bereit.
Wertung
„Mit (Hardcore-)Punk habe ich selten Schnittmengen. Inhaltlich ist es mir, trotz nachvollziehbarer Ansätze/Überzeugungen, oft zu radikal, auch wenn die digitale Bemusterung die Lyrics für dieses Werk noch nicht hergab. Dennoch kann ich „Detonate“ viel abgewinnen. Ist das diese viel beschworene Ambiguitätstoleranz? Vielleicht. Zur Übung ebd. sind The Casualties jedenfalls ein guter Anlass.“
Marco Kampe
Der vormalige Fokus auf verzerrte E-Gitarren ist bei Marco einem übergeordneten Interesse an der Musikwelt gewichen. Die Wurzeln bleiben bestehen, die Sprossen wachsen in (fast) sämtliche Richtungen. Darüber hinaus bedient er gerne die Herdplatten oder schnürt sich die Laufschuhe.