War Child Records und "HELP (2)": Für den guten Zweck
04.03.2026 | Nataly Sesic
Im November 1984 kommen unter der Anleitung von Musikern und Aktivisten Bob Geldof und James "Midge" Ure mehr als 40 bekannte irische und britische Musiker:innen zusammen, um gemeinsam die Welt zu verändern. Unter dem (Song)Titel "Do They Know It's Christmas?" nehmen Geldof und Ure eine der beliebtesten Singles der britischen Charts auf. Die Verkäufe der CD sollen Äthiopien zugute kommen, das zwischen 1983 und 1985 von einer verheerenden Hungersnot getroffen wurde, die mehr als 1,2 Millionen Menschenleben ausgelöscht haben. Unter den Künstler:innen, die sich als Spontan-Band "Band Aid" hier zusammengetan haben, sind Ikonen wie David Bowie, Paul McCartney und, ikonisch auf seine eigene Art und Weise, U2s Bono, der die Zeile "Tonight, thank God it'a them / Instead of you" niemals ganz aus seiner Biografie streichen können wird.
Band Aid und "Do They Know It's Christmas" sammelte innerhalb von einem Jahr mehr als 8 Millionen Pfund in Spenden für Äthiopien und wurde weltweit zahlreich "kopiert". In den USA bekannterweise unter dem Titel "We Are The World" (1985) unter der Anleitung von Michael Jackson und Lionel Richie, wo es 80 Millionen Dollar sammelte und für viele der Stars – zum Beispiel Bruce Springsteen und Bob Dylan – die einzige Number One-Single ihrer illustren Karrieren war. Und somit ist ihr einer Number-One-Hit "We Are The World" und zugleich eins der meist gehassten Lieder der Musikgeschichte. Aber das nur so nebenbei, zu meiner eigenen Belustigung.
Die Rezeption von Benefiz-CDs wie diesen sind, diplomatisch gesagt, stark durchwachsen. So bezeichnete Melody Maker "Do They Know It's Christmas?" als aufgeblasen, während Deadline sogar darauf hinwies, dass viele der Zeilen in dem Lied recht rassistisch gegenüber Äthiopien sind und Afrika als diversen Kontinent missrepräsentiert. Geldof zuckt zu Kritik wie dieser bis heute nur mit den Schultern. Dieser "kleine Pop-Song" hat, so Geldof "Tausende, wenn nicht sogar Millionen von Menschen am Leben gehalten".
Selbst Publikationen wie NME und Sounds, die "Do They Know It's Christmas" positiv gegenüberstehen, betonen den guten Zweck und lassen die musikalische Qualität an sich vorbeiziehen. The Smiths Sänger Morrissey, der nicht zur Aufnahme eingeladen wurde, fand die ganze Sache sowieso blöd.
Über Qualität lässt sich bekanntlich streiten. Doch Geldof selbst gibt 2010 in einem Interview mit Daily Telegraph an, dass er für zwei der schlechten Lieder der Geschichte verantwortlich ist – "Do They Know It's Christmas?" und "We Are The World". CDs wie diese kauft man nicht, weil man gute Musik schätzt, sondern den guten Zweck.
Auf "HELP" (2) muss man diese Unterscheidung glücklicherweise nicht treffen.
Das Compilation-Album von War Child Records versammelt ein fast schockierend herausragendes Lineup, das, anders als Geldof vor 40 Jahren, auf die Kreativität der Künstler:innen setzt, statt auf einen schnell zusammengeschusterten gemeinsamen Song. Darunter: Arctic Monkeys, Damon Albarn, The Last Dinner Party, Beth Gibbons, Beck, Olivia Rodrigo, Depeche Mode…Eigentlich könnte ich jede:n einzelne:n Künstler:in und jeden Track nennen.
Seit 1995 tun sich die Großen und Glamourösen der britischen Musikszene zusammen, um im Rahmen eines Charity-Albums Geld für Kinder in Krisengebieten zu sammeln. Diese Gelder fließen in die Organisation War Child UK, welche Nothilfe, Bildungsangebote und viele weitere Maßnahmen zum Schutz von Kindern weltweit anbietet. Bei seiner ersten Veröffentlichung – mit Künstler:innen wie Portishead, Oasis und Massive Attack – sammelte War Child mehr als 1,2 Millionen Pfund für Kinder während des Bosnienkriegs.
Das Album entstand in den Abbey Road Studios in London innerhalb einer Woche unter der Leitung des vielfach preisgekrönten Executive Producer James Ford und dem renommierten Filmemacher und Oscar-Preisträger Jonathan Glazer. Glazer kann nur in wärmsten Tönen über die Produktion berichten: "It has been such a privilege to be part of bringing a team together to film this incredible collective effort."
Ford, der mit Leukämie kämpfte, während das Projekt zustande kam, ist dankbar für Künstler:innen, die sich engagiert haben. Obwohl er keine Namen nennt, so kann er sich den Kommentar nicht verkneifen, dass so manche Künstler:innen, die angefragt wurden, abgelehnt haben. Der Grund: Das sei ihnen einfach zu politisch. “It was actually a great insight into the industry: which people are willing to do something", so Ford. In Zeiten, in denen ein politisches Rückgrat wichtiger ist denn je, ist die Entscheidung "unpolitisch" zu sein, richtig peinlich – findet Ford, und finde ich.
"Opening Night" (erschienen am 22.01.26) ist die erste Single von Arctic Monkeys seit rund vier Jahren. Drummer Matt Helders hebt hervor, dass die Single ohne War Child gar nicht (jetzt) zustande gekommen wäre. In einem Interview mit Zane Lowe für Apple Music 1 sagt er, dass er hofft, dass die lang erwartete neue Single Fans zum Diskutieren bringen wird – und so unumgänglich Aufmerksamkeit für War Child generiert.
Pulp, die 2025 ihr erstes Album seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht haben, sehen ihren Beitrag zu "HELP (2)" auch als Tribut für liebe Menschen in ihrem Leben, die sie verloren haben; darunter auch Basis Steve Mackey, der 2023 verstorben ist. “When Steve passed away, it’s a kind of cliche, but it gives you a reality check”, so Pulp-Sänger Jarvis Cocker. “It made us realize that we had a chance to be creative. We had time to create something, while we could."
100 Prozent der Erlöse kommen War Child UK zugute und unterstützt Kinder in der Ukraine, dem Sudan und Gaza.
Meine Highlights der Platte sind:
Arctic Monkeys - Opening Night
Damon Albarn, Grian Chatten & Kae Tempest - Flags
The Last Dinner Party - Let's do it again!
Beth Gibbons - Sunday Morning
Arooj Aftab & Beck - Lilac Wine
Depeche Mode - Universal Soldier
Arlo Parks - Nothing I Could Hide
English Teacher & Graham Coxon - Parasite
Big Thief - Relive, Redie
Fontaines D.C. - Black Boys on Mopeds
Cameron Winter - Warning
Olivia Rodrigo - The Book Of Love
Wenn ich ganz ehrlich bin, besteht "HELP (2)" eigentlich nur aus Highlights. Und ich finde, vor allem in Zeiten wie diesen: Wenn du etwas Schönes siehst, sprich es aus.
Wertung
Selbst wenn man keinen großen Sinn in Wohltätigkeit sieht, so ist "HELP (2)" ein musikalisches Meisterwerk, das viele der größten musikalischen Sternchen der alternativen Szene an einem Ort versammelt. Es ist wichtiger denn je, dass jeder Einzelne – und Musiker:innen sind davon nicht ausgenommen, ganz im Gegenteil – über Politik spricht und versucht, positiv beizutragen. Wer denkt, dass Musiker:innen sich nicht in Musik einmischen sollen, vergisst, dass selbst diese Szene-Sternchen allem voran und uu allererst Menschen sind.
Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.