Pia United und "Peng!": Pianiere hört die Signale
26.02.2026 | Frank Diedrichs
Tatsächlich betiteln PIA UNITED auch ihr zweites Album — wie schon „Tach!“ — als Debüt. Ein Blick auf die Tracklisten macht diese Selbstbezeichnung nachvollziehbar: Bestand „Tach!“ überwiegend aus Coverversionen wie Heute hier, morgen dort, Störtebeker oder Keine Macht für niemand und lediglich drei eigenen Songs, enthält „Peng!“ nur noch zwei Fremdkompositionen und dafür eine Fülle eigenen Materials.
Auf ihrem zweiten „Debüt“ zeichnen PIA UNITED ein Bild vom Zustand Deutschlands — ein ernüchternder Realitätscheck eines Landes, das von „Meinungspolizisten und Geschmacksterroristen […], Dystopien-Verdichtern und Perspektiven-Vernichtern“ geprägt scheint. Bereits der Opener Sirenendeutschland entfaltet ein Panorama kruder gesellschaftlicher Mechanismen, die Menschen in einen permanenten „Notwehrmodus“ versetzen. Besonders beklemmend ist dabei die Erkenntnis, wie vertraut uns diese Strategien vorkommen — „Fantasie narkotisiert, Wahrheit diffamiert, Presse bombardiert“ — und wie ohnmächtig man ihnen dennoch gegenübersteht.
PIA UNITED treffen damit einen Nerv der Gegenwart. Auch andere aktuelle Veröffentlichungen zeichnen ein düsteres, von Resignation geprägtes Gesellschaftsbild. Songs wie Pialepsie, Heute mal radikal, Peng! oder Zuckerpuppe greifen diese Diagnose auf und erweitern sie um Perspektiven auf Streaming-Ausbeutung, digitale Abhängigkeit und die totale soziale Durchleuchtung.
Eine besondere Stärke der Band liegt darin, diese Beobachtungen nicht mit Verbitterung, sondern mit bissigem Humor zu präsentieren. Das Album strotzt vor kreativen Wortschöpfungen, die trotz aller Schärfe immer wieder ein Lächeln provozieren: „spotifrei“, „Schnüffelbäckerei mit ihrem Cookie-Keks-Rezept“, „neonkindernfantastisch“, „gutbetuchte Armenschlucker“ oder „falsche Fährten-Aktivisten“. Gerade durch diese ironische Zuspitzung beziehen Pia United klar Position. Resignation ist keine Option — „Rückzug ist keine Option“ heißt es programmatisch in Reluvotion. Radikalität beginnt dabei im Kleinen: im Ausschalten des Smartphones (Heute mal radikal) oder in der Erkenntnis, dass selbst die perfekt inszenierte Scheinwelt Risse zeigt (Risse in der Wand).
Mit Die 10 Gebote der Jungpianiere, Rouladenanbrennsong und Was ist Punkrock legt die Band zudem ihre eigene Motivation offen: Zusammenhalt, Remmidemmi und Punk als Haltung. Besonders Was ist Punkrock liefert eine überzeugende Antwort auf die Frage nach dessen Notwendigkeit — Punk als „dauerhafter Widerspruch“, als etwas Gefährliches, das gerade deshalb unverzichtbar bleibt.
Auch diesmal finden sich wieder Coverversionen auf dem Album. Container Love (Phillip Boa) wirkt wie eine liebevolle Verbeugung vor einem Indie-Klassiker, während Skandal im Sperrbezirk (Spider Murphy Gang) die immer wieder durchscheinenden NDW-Einflüsse der Band deutlich macht.
Musikalisch bewegen sich die Songs zwischen 80er-Punk, Fun-Punk und Neuer Deutscher Welle. Punkrock bildet das Fundament, doch schräge Hooks und der ironische Vortrag von Sängerin Frollein Höhne lassen die NDW-Einflüsse immer wieder aufblitzen. Ihre frech-provokante Performance sorgt dafür, dass die Stücke trotz aller Gesellschaftskritik nie in düsteren Ernst kippen, sondern ein rebellisches, lebensbejahendes Gefühl transportieren.
Erstaunlich ist, wie schnell die Band zu einer geschlossenen Einheit gefunden hat. Schließlich existiert diese Konstellation aus der vergleichsweise jungen Frontfrau und Multiinstrumentalistin Frollein Höhne sowie den seit den 1990er-Jahren in der Punk-Szene verwurzelten Musikern Der General, Costja Chaos (United Attentäter) und Sir Herle (Fahrenheit 212) erst seit 2023.
„Peng!“ wirkt deshalb wie das Ergebnis eines intensiven, konzentrierten Songwritingprozesses — und verdient den Titel eines (zweiten) Debüts vollkommen: ein wütendes, kluges und zugleich äußerst unterhaltsames Album.
Wertung
Mit Peng! liefern PIA UNITED ein ebenso witziges wie bissiges Album ab, das den Geist des 80er-Punk in die Gegenwart überführt und dabei gesellschaftliche Missstände scharf, aber mit Augenzwinkern kommentiert. Ein zweites Debüt, das seine Energie aus Haltung, Wortwitz und spürbarer Spielfreude zieht.
Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.