Cave Peractorum IX: 1993 oder der letzte Sommer
16.04.2026 | Frank Diedrichs
In den sozialen Medien wird gerade das Jahr 2016 nostalgisch aufgeladen. Menschen in den Zwanzigern erzählen von einem letzten Sommer, von Übergängen und vom Erwachsenwerden. Mein Kollege Kai hat kürzlich seine persönliche Sicht des Umbruchs geschildert. Dabei fällt mir auf, dass sich diese Form der Erinnerung verändert hat. Was früher ein rein persönlicher Rückblick war, wird heute zunehmend von Plattformen mitstrukturiert, die vergangene Orte Bilder und Orte nicht nur speichern, sondern aktiv wieder ins Bewusstsein holen. Erinnerung ist neben dem inneren Prozess seit 2016 auch immer ein kuratiertes Angebot, denn der Algorithmus entscheidet mit, was erinnerungswürdig ist. Vielleicht ist im Rückblick dies der entscheidende Unterschied zu 1993.
Mein Sommer 1993 endete, bevor er überhaupt richtig begann. Am 1. Juli 1993 trat ich meinen Dienst bei der Bundeswehr in der Kaserne Butzweiler Hof in Köln-Ossendorf an. Wenn ich heute auf diese Entscheidung blicke, empfinde ich eine deutliche Distanz, da ich Wehrpflicht und militärische Logiken inzwischen klar ablehne und mich die Selbstverständlichkeit, mit der Krieg oft höher gewichtet wird als Frieden, wütend macht. Und dennoch irritiert mich, dass ich diese Entscheidung bis heute erklären kann, vielleicht sogar besser als damals.
Im Jahr 1993 wurde ich zwanzig Jahre alt, war durch meine späte Einschulung häufig älter als meine Mitschüler:innen und hatte rückblickend in vielem das Gefühl, zeitlich leicht versetzt zu sein – nicht nur schulisch, sondern auch in meiner Entwicklung. Meine Pubertät verlief zäher, mein Zugang zu Alkohol setzte später ein, und erst mit dem Wechsel auf das berufliche Gymnasium erreichte ich so etwas wie einen Höhepunkt dieser Phase, die vor allem durch Widerstand geprägt war. Schule und Elternhaus wurden zunehmend zu Gegenpolen, gegen die ich mich nicht laut auflehnte, sondern eher gleichgültig stellte.
Ein Bild hat sich dabei besonders eingeprägt: Mittagspause auf dem Schulhof, mehrere Jungen, darunter ich, sitzen mit ein, zwei Zehnerträgern Dortmunder Union von der Tanke auf dem Schulhof und „bereiten“ sich auf den Nachmittagsunterricht vor. Die Reaktionen der Lehrkräfte reichten von genervt bis resigniert, aber uns hat das alles nicht erreicht. Ermahnungen liefen ins Leere, Monologe, die unser Gewissen erreichen sollten, verhallten. Selbst mein Schulleiter, mit dessen Sohn ich sehr eng befreundet war und der mich gut kannte, verlor irgendwann den Glauben daran, dass ich mein Abitur bestehen oder ein nützlicher Teil der Gesellschaft werden würde. Rückblickend muss ich sagen, dass ich diesen Zweifel damals teilte, auch wenn ich ihn niemals ausgesprochen hätte. Saufen war wichtiger. Erinnert sich jemand an die Aussage von Schorsch Kamerun und seiner Vorstellung eines gelungenen Lebensentwurfs? In diesem Entwurf steckte ich fest.
Was ich lange als Rebellion beschrieben habe, erscheint mir heute weniger eindeutig, denn neben der demonstrativen Gleichgültigkeit lag darin auch ein erheblicher Anteil an Orientierungslosigkeit. Es ging mir nicht schlecht, im Gegenteil: Ich wuchs in stabilen Verhältnissen auf, hatte ein eigenes Zimmer, ausreichend Freiheiten und Eltern, die mir vieles durchgehen ließen, ohne es ständig zu kommentieren. Ihr Lebensentwurf folgte klassischen Mustern – Arbeit, Hausbau, Urlaub an der Ostsee –, und auch wenn ich mich davon innerlich absetzte, fehlte gleichzeitig etwas, das ich damals nicht benennen konnte: ein echtes Gegenüber, das Erwartungen formuliert oder Orientierung anbietet.
So wurde meine „Scheißegalhaltung“ nach außen hin zur Pose, während sie nach innen eher als Schutz diente, um mich nicht mit Fragen auseinandersetzen zu müssen, auf die ich keine Antworten hatte. Denn was ich wollte, wusste ich nicht – und vielleicht wollte ich es auch gar nicht wissen, weil das bedeutet hätte, mich festlegen zu müssen. Stattdessen lebte ich in einem Zustand, der sich gut anfühlte, solange man ihn nicht hinterfragte: eine feste Beziehung, Freundschaften, Fußball am Wochenende, Feiern an den Abenden. Es war ein funktionierender Alltag, aber keiner, der in die Zukunft wies.
Das Abitur, das ich schließlich nur knapp über eine mündliche Nachprüfung erreichte, passte in dieses Bild, denn es war weniger ein Erfolg als ein gerade noch verhindertes Scheitern, das mir zwar formell Möglichkeiten eröffnete, innerlich jedoch keine Richtung gab. Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint mir diese Zeit weniger als Phase des Aufbruchs, sondern vielmehr als ein gut kaschierter Stillstand.
1993 ist für mich kein Jahr, das sich sauber erzählen lässt. Eher ein Zustand, der sich im Nachhinein in Bilder und Musik zerlegt. Damals war das alles gleichzeitig da – Schulhof, Bier, Gleichgültigkeit, Freundschaften, völlige Orientierungslosigkeit – ohne dass ich das einordnenkonnte. Musik lief da nicht nebenbei. Sie war einfach da.
Was ich im Sommer selbst gehört habe, war eher das, was im Radio, auf Kassetten oder im Freundeskreis lief: ein Mix aus allem, ohne klare Linie. Vieles davon bekam erst später ein Gesicht, als sich die Musik dieses Jahres verdichtete.
Als Nirvana im Herbst 1993 In Utero veröffentlichte und Pearl Jam kurz darauf mit Vs. nachlegte, wurden diese Alben für mich rückblickend zu einer Art Verdichtung dessen, was mein Sommer bereits gewesen war: nicht Aufbruch, sondern Spannung; nicht Rebellion, sondern Erschöpfung. Diese Musik klang nicht mehr nach Protest, sondern nach etwas Unaufgelöstem, das keinen Ausgang kennt.
Auch R.E.M. mit Automatic for the People und Radiohead mit Pablo Honey gehören für mich in diese rückblickende Verdichtung. Da ist weniger Lautstärke, mehr Rückzug – eine Form von Melancholie, die sich nicht mehr erklärt, sondern einfach da ist. Vielleicht passt genau das besser zu mir damals als alles andere.
Und dann sind da diese Songs, die heute fast unangenehm genau treffen, weil sie weniger Musik sind als Selbstbeschreibungen im Nachhinein. Ich war „Creep“, habe bei „Everybody Hurts“ geweint, war Becks „Loser“ – und gleichzeitig einer der „Two Princes“, ohne dass ich daraus irgendetwas gemacht hätte, außer weiterzumachen wie bisher. Diese Begriffe waren damals keine Deutung, eher Etiketten, die im Rückblick hängen geblieben sind.
Vielleicht ist genau das der Punkt: Ich habe damals nicht auf Musik reagiert, umgekehrt war es eher so, dass die Musik schon etwas kannte, das ich selbst noch nicht greifen konnte. Mein Sommer war Unentschiedenheit, Leerlauf, dieses „ist halt so“. Und die Musik hat das nicht erklärt, sondern einfach genauso geklungen.
Ein Moment, der mir bis heute nachgeht, ist die Übergabe meines Abiturzeugnisses am 11. Mai 1993. Ich war stolz, es überhaupt geschafft zu haben, und zugleich blieb dieser Stolz merkwürdig leer, weil er kaum geteilt wurde. Meine Eltern waren beim Abschlussball nicht dabei. Obwohl ich heute weiß, dass das Verhältnis zu ihnen insgesamt gut war, hat sich genau dieser Moment eingeprägt. Vielleicht, weil ich damals zum ersten Mal deutlicher gespürt habe, wie sehr ich auf eine Form von Anerkennung gehofft hatte, die nie ausgesprochen wurde.
Der Sommer, der darauf folgte, war kurz und gleichzeitig von einer eigentümlichen Leichtigkeit geprägt. Mit dem Schülerferienticket reisten wir durch Niedersachsen, ohne Plan, ohne Ziel, begleitet von Musik und Bier, getragen von einem Freiheitsgefühl, das sich im Nachhinein eher als Abwesenheit von Verbindlichkeit beschreiben lässt. Es war ein letztes Aufschieben dessen, was ohnehin bevorstand.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir meine Entscheidung für die Bundeswehr heute weniger widersprüchlich, als ich lange angenommen habe. Sie war weder Ausdruck von Überzeugung noch von Abenteuerlust, sondern vielmehr eine Konsequenz aus dem, was vorher gefehlt hatte: klare Strukturen, eindeutige Erwartungen und eine Richtung, die nicht von mir selbst entwickelt werden musste. Insofern war dieser Schritt weniger ein Bruch als eine Fortsetzung unter anderen Vorzeichen, eine Bewegung weg vom diffusen Zustand der Orientierungslosigkeit hin zu einem System, das genau diese Leerstelle füllte.
Dass ich diese Entscheidung bis heute verstehen kann, bedeutet daher nicht, dass ich sie aus heutiger Perspektive teile, sondern vielmehr, dass ich den damaligen Mangel an Alternativen und an innerer Klarheit besser erkenne. Der Sommer 1993 war mein letzter Sommer – nicht, weil danach plötzlich alles anders wurde, sondern weil ich aufgehört habe, mir leisten zu können, nicht zu wissen, wie es weitergeht.
Ich habe viele Jahre Tagebuch geführt. Ob durch Zufall, Schicksal oder Ironie, bezieht sich der letzte Tagebuchbucheintrag genau auf den 11. Mai 1993. Er spiegelt vielleicht genauer als alles andere wider, wie ich mich in diesem Sommer gefühlt habe. Ich wurde mir bewusst, dass etwas aufgehört hat zu existieren: „Am 11. Mai ist endgültig meine Schulzeit zu Ende gegangen. Ich habe mein Abitur bestanden. Aber bis heute bin ich mir immer noch nicht im Klaren, was sonst noch in meinem Inneren zu Ende gegangen ist.“
Damals liefen im Hintergrund Songs wie „Creep“ von Radiohead oder „Everybody Hurts“ von R.E.M. – ohne dass ich sie als Kommentar verstanden hätte. Heute wirken sie eher wie eine nachträgliche Übersetzung dessen, was in diesem Satz nur angedeutet ist: dass etwas zu Ende ging, ohne dass ich wusste, was es war.
Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.