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Konzertbericht

Konzertbericht Acres: Auf Irrwegen

05.11.2026 | Nataly Sesic

Irren ist menschlich. Und manchmal führen alberne Irrtümer zu den schönsten Erlebnissen. Und so macht sich Nataly an einem schummrigen Abend im Oktober auf den Weg ins Münchener Feierwerk, um die Band Archers live zu sehen. Nur um festzustellen, dass heute die Band Acres spielt.

Schon einige Tage vor dem Konzert wurde ich von einer seltsamen Vorahnung verfolgt. 

Nachdem ich einige Songs vom Debütalbum von Archers gehört – und genossen – habe, ging ich online, um zu schauen, ob die Band die nächsten Monate in die Bayernmetropole kommt. 

Und siehe da: ein Konzert von Archers, in weniger als einer Woche, im Feierwerk hier in München. Schicksal nennt man sowas. 

Ich schreibe also Katrin R., der Pressefrau des Feierwerks, mit der Bitte um eine Pressekarte, und bekomme prompt die Zusage. Danke, Katrin! Der Termin ist in meinem Kalender eingetragen und ich freue mich auf Donnerstag.

Kurios wird es, als ich einer Freundin von dem Konzert erzähle. Kaum habe ich den Satz "Ich gehe am Donnerstag zu Archers" ausgesprochen, beschleicht mich ein komisches Gefühl. Irgendwas stimmt an dieser Aussage nicht, ich weiß nur nicht, was. Das lässt mich nicht mehr los. Ich google, wie zuvor, "Archers Konzert München" – und plötzlich wird mir der Ursprung meines mulmigen Gefühls sehr klar. 

Google, von Jahr zu Jahr weniger hilfreich, konnte kein baldiges Konzert der Band Archers in München entdecken, und so bekam ich stattdessen ein Ergebnis mit ähnlicher Schreibe: nämlich die Band Acres, die, wie ihr alle schon vermutet, am Donnerstag im Feierwerk auftritt. 

Ich stürze zurück zu meiner Mail, die ich an Katrin geschrieben habe. In einem Moment völliger Verwirrung habe ich in der Tat die Anfrage für Acres gestellt. Das war wohl ein Fall von fahrlässigem Copy-and-Paste.

Ich sitze einige Minuten etwas bedröppelt vor dem Laptop. Ich habe noch nie ein Lied der Band Acres gehört, geschweige denn von den Support Acts. Eigentlich war geplant, dass ich, passend zur Veröffentlichung des Debüts von Archers, einen Konzertbericht schreibe. Das kann ich mir offensichtlich in die Haare schmieren.

Ich beginne zu überlegen: Soll ich Katrin von dem Missverständnis erzählen und absagen? Das wäre recht peinlich für mich – die Frau muss mich für bescheuert halten. Zurecht. 

Ich checke die Feierwerk-Seite und erkenne an den Beschreibungen, dass ich mich zwar in der Band geirrt habe, vom Genre her aber alle vier Acts bestens in mein Profil passen. 

Und so entscheide ich mich kurzerhand, von dem Missverständnis nicht peinlich berührt, sondern freudig-aufgeregt zu sein.

Ich blicke zurück auf meine Konzert-Historie der letzten anderthalb Jahre bei Plattensprung. 

Ich bin immer laut, wenn es darum geht, unbedingt schon zu den Vorbands jedes Konzerts zu kommen, um coole neue Künstler:innen zu entdecken. Ich habe zum Beispiel damals Bilmuri als Vorband von Sleep Token entdeckt. Dann war ich auf einem Bilmuri-Konzert, wo South Arcade die Vorband war. Das ist die Magie des Support-Acts. 

Gleichzeitig fällt mir auch auf, wie wenige Überraschungen mein Konzertleben in meiner Musikjournalismus-Zeit für mich parat hatte. Der Grund ist ganz banal: Ich habe nur begrenzt Zeit, und so, wenn ich mir die Mühe mache, zu einem Konzert zu gehen, es zu fotografieren und darüber zu berichten, dann suche ich mir in der Regel Favorit:innen aus, deren Diskographien ich schon in- und auswendig kann. Das hat weniger damit zu tun, dass ich nur große Acts begleiten will, sondern oftmals, dass diese Konzerte sowieso in meinem Kalender standen, weil ich Fan bin, und ich so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Ich tue mein Bestes, regelmäßig neue Acts zu entdecken, aber wenn es um Konzertbesuche geht, gewinnt in der Regel mein Pragmatismus. 

Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal, dass ich eine Band gesehen habe, ohne streberhaft zuvor den Act durch-analysiert und durchgehört zu haben. Das gehört bekanntlich zur Professionalität des Berufs dazu, sich gut vorzubereiten. Gleichzeitig behandelt man so aber auch jedes Konzert wie einen Job – so richtig mit freiem Kopf genossen habe ich ein Konzert schon lange nicht mehr.

Was für eine traurige Erkenntnis. 

Und so schließe ich die Feierwerk-Seite und beschließe, Acres als Konzertfan zu besuchen. Ich höre mir weder die Songs des Headlines, noch der drei Support-Acts an, recherchiere nicht. Sogar meine Kamera lasse ich zu Hause. Folgend werde ich etwas verwirrt sein, was man eigentlich bei Konzerten mit seinen Händen macht, aber auch das gehört zum Lernprozess.

Ich tingle an diesem warmen Herbstabend ins Hansa 39 ohne jegliche Vorbereitung und Erwartungen – außer, eine schöne Zeit zu haben.

Der Abend beginnt mit Lifespark, einer selbsternannten Heavy Pop-Gruppe aus Koblenz. Das Quartett strahlt eine wahnsinnige Freude und Dankbarkeit aus, als sie auf die Bühne treten. Sie liefern den perfekten Einstieg in den Abend und schaffen es, die noch spärlich gefüllte Halle mit ihrer Energie sofort auf ihre Seite zu ziehen. 

Ich lache etwas, als Sänger David Lukacs der Crowd verspricht, dass sie den nächsten Song bestimmt kennen, und dann "Unwritten" von Natasha Bedingfield anstimmt. Ein Blick um mich herum verrät, dass die Gen Z-Kids etwas verwirrt sind, bis es zum TikTok-viralen Refrain kommt. Ich, dagegen, bin alt, und gröle den Hit von 2004 nur zu gerne mit.

Als nächstes kommt What Lies Below aus den USA. Hier ist dann nicht mehr viel Natasha Bedingfield und "feeling the rain on your skin", denn es wird deutlich heavier. Die Band setzt auf teils kurze, thrashige Songs, die zum Moshen einladen. Und so schaffe ich es, schon bei Band 2 von 4 meinen Nacken völlig überzustrapazieren. Das sind gute Schmerzen, behaupte ich auch jetzt, während ich immer noch die steifen Muskeln massiere.

In der Pause habe ich die Chance, meine Konzert-Kolleg:innen etwas näher zu beobachten. Auch das kam bei meinen Konzertbesuchen der letzten Zeit eher zu kurz; während den Pausen war ich oft damit beschäftigt, schon mal einen ersten Blick auf die Fotos zu werfen oder mich mit den anderen Fotograf:innen und der Security zu unterhalten. Dieses Mal spiele ich ganz bewusst Mäuschen und schaue zu, was um mich herum so vor sich geht. 

Inzwischen ist das Hansa gut gefüllt, die Crowd hat sich in ihre diversen Grüppchen aufgeteilt, die Merchstände werden von neugierigen Fans belagert. Ich sitze direkt hinter einem Pärchen, das sich gerade gegenseitig Grafiken zeigen, auf denen alle Linkin Park-Albumcover aufgeführt sind. Es ist viel zu laut um zu verstehen, worüber die Beiden so angeregt sprechen. Meine Theorie ist, dass sie gerade in diesem Augenblick von Linkin Park erfahren haben, und jetzt sofort alles über diese Band wissen müssen. Soll ich ihnen sagen, dass die Band eine neue Sängerin hat, oder sollen sie das lieber alleine herausfinden?

Der letzte Support des Abends kommt von Wayside, einer Alternative-Band aus Australien. Musikalisch sind wir hier hier sehr nah an den Deftones dran, besonders an "private music". Wir sind in der Tat so nah dran, dass ich erst gar nicht checke, dass der vorletzte Song ein Cover von "Drive" ist. Als Deftones-Fan werde ich gut unterhalten. 

Nur leider sind die Drums im Vergleich zum Gesang so laut, dass Sänger Thomas Davenport vor allem bei den ruhigeren Songs völlig verschwindet. Ich versuche zwischen zwei Songs, das Bassistin Izzy De Leon zu kommunizieren. Es ist leider zu laut im Raum, und so verläuft sich unsere Interaktion. Das kommt auf meine immer-wachsende Liste an awkward social interactions, fürchte ich. 

Schließlich treten Acres auf die Bühne. Ein Herr im Acres-Shirt hat mir in der Pause zuvor den Stil der Band als "Bad Omens, aber weniger Pop" beschrieben. So richtig überzeugt bin ich von dieser Beschreibung nicht. Ich höre eher die Einflüsse der Pop-Punk-Szene der frühen 2000er raus. Doch ich fange mich, bevor ich zu tief in die Analyse gehen kann. 

Ich mache endlich meinen Kopf aus und versuche, mich in der Musik zu verlieren. Schließlich habe ich noch nie was von Acres gehört – und stehe doch hier in der ersten Reihe, neben einem Typen, der alle Songs mitschreit. Perfekt eigentlich. 

Ich pumpe mit der Faust wenn die Energie hochgeht und heule, wenn's emotional wird. Bis zum Ende des Sets vergesse ich, dass ich ja eigentlich Notizen machen sollte.

Der Abend endet schon kurz vor 23 Uhr. Ich bin beruhigt, denn morgen früh muss ich um 8 Uhr an der Uni sein. Ich springe in Richtung Bushaltestelle, ausgelassen und froh, dass ich mir heute mal wieder die Chance gegeben habe, Konzerte zu lieben. 

Danke, Acres. 

(Und herzliche Grüße an Archers, die hoffentlich bald mal wieder nach München kommen)

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