NuGaze Newcomer Stray Ends: Beliebter als Beethoven
29.10.2026 | Nataly Sesic
Ich treffe die Herren rund um Stray Ends – Sänger und Gitarrist Leo, Bassist Arthur, Gitarrist Luca und Drummer Leo – am 22. Oktober zum Gespräch. Wie der Zufall es so will, sind wir gerade zwei Tage vor ihrem einjährigen Jubiläum als Band zusammen gekommen, um darüber zu sprechen, was Stray Ends in diesen 363 Tagen geschafft hat.
Es ist eine kuriose Situation, dass wir alle fünf in München leben, und doch allesamt getrennt in Zoom sprechen. Aus Zeit- und Organisationsgründen hat es so einfach am Besten geklappt. Und rein zufällig ist ebendas auch die Konstellation der Band selbst.
Die Vier kennen sich schon lange, haben zum Teil schon in der Vergangenheit gemeinsam in Bands gespielt. Die Entscheidung, eine gemeinsame Band zu gründen, kam ganz natürlich aus den passenden Charakteren und gemeinsamen musikalischen Einflüssen. Doch, wie so oft, kommt das reale Leben immer wieder in die Quere. Und so ist die Musik von Stray Ends bisher sehr unromantisch auf dem Laptop von Sänger und Gitarrist Leo entstanden. Die Snippets schickt er rum, stimmt sie ab, und so findet man irgendwie, außerhalb des klassischen Jammens, zu einer funktionierenden Band zusammen. Moderne Probleme bedürfen bekannterweise moderner Lösungen. Und als Künstler:in in der teuersten Stadt Deutschlands fortzubestehen, bedarf Flexibilität.
Arthur hat viele Gedanken zur modernen Münchener Szene – so viele, dass unser Zoom plötzlich abbricht. Wir nehmen an, dass die Münchener Musik-Illuminati unser Gespräch aufhalten wollen.
Spaß beiseite – Wie auch aus Gesprächen mit anderen Künstler:innen aus der Bayernmetropole, höre ich gewisse Zweifel. In einer konservativen Stadt, die ihren kulturellen Fokus lieber auf Bierhäuser und Fussball richtet, hat man es als Musiker:in nicht leicht.
Die bekannten Szene-Locations wie das Backstage verstecken sich am Stadtrand, und trotz viel Liebe und Mühe von Organisationen wie dem Feierwerk, sind bezahlbare Proberäume und Co. rar.
Doch Arthur sieht darin auch eine Chance. Reibung wirft bekanntlich Funken. Ohne die Sicherheit, dass man als Künstler:in hier sofort groß raus kommt, kann man sich mehr auf die Musik konzentrieren, mehr experimentieren, mehr ausprobieren. Schließlich schaut einem eh niemand zu – bis sie es dann doch tun. Und es ist nicht so, als habe München nur Brauereien und Opern. In kleinen Bubbles weitab des Glitzers von Schwabing schlägt ein reges DIY-Herz, getrieben von Not, und von Liebe am Leben gehalten.
Reibung ist ein ganz wichtiger Begriff für Stray Ends. Sänger und Gitarrist Leo betont, dass er den Hörer:innen nicht vorkauen möchte, was sie über die Musik denken sollen; jeder soll die Freiheit haben, die Leerstelle, welche die Band hinterlässt, mit einer eigenen Bedeutung zu füllen. Arthur wirft ein, dass Kunst – sei es Musik oder etwas anderes – in dem Moment, wenn sie die Welt erblickt, nicht mehr den Künstler:innen alleine gehört. Und so wird eine Leerstelle zu einer Einladung, als Hörer:in seine oder ihre eigene Unterschrift zu hinterlassen.
Und so, wie die Münchener Szene ihre Künstler:innen zu Selbstentfaltung verdammt, so experimentieren Stray Ends auch mit Momenten des Unwohlseins, der musikalischen Clashs. Zwischen Einflüssen, die sich oft beißen – so zum Beispiel Bon Iver und Thornhill – soll etwas entstehen, das ganz ihnen gehört.
Für Sänger und Gitarrist Leo ist jetzt, insbesondere in Zeiten der K.I.-generierten Musik, dieses Experimentieren und dieser Wunsch nach Reibung wichtiger denn je. Einst hat er davon geträumt, Hits zu schreiben, hookige Songs, die ins Ohr und in die Charts gehen – das, was künstliche Intelligenz durch den Diebstahl und die Analyse von Jahrzehnten an Hits perfektioniert hat. Und plötzlich ist der sagenumwobene Hit, von dem vermeintlich jede:r Künstler:in träumt, irrelevant.
Jetzt geht es mehr darum, Disrupter zu sein. Es erinnert an den Ethos von 1991, als Nirvana, angewidert von dem Fake-Optimismus der Medien und dem artifiziellen Glitzer der Glam Rocks, die Wände einer Sporthalle runtergerissen haben. Und wenn man sich so umschaut in 2026, dann ist der Vergleich gar nicht so weit hergeholt: Irgendwo zwischen K.I., Toxic Positivity und politischer Krise, blankpolieren Popstars, nostalgischen Neuaufwäschen und strengem Medientraining, braucht die Musik etwas mehr Echtheit. Etwas mehr Mut zu Neuem. Etwas mehr Reibung eben.
Was uns im Gespräch auffällt, ist vor allem dieser Durst nach neuen Klängen, nach Experimenten und gerne auch drastischen Fehlschlägen. Zu viel von Metalcore 2026 klingt nach Architects, zirka 2016.
Ich habe mal gelesen, "Sempiternal" von Bring Me The Horizon sei ein tolles Album, das sie Szene völlig zerstört hat. Denn seit "Sempiternal" möchte jede:r Künstler:in des Genres sein oder ihr eigenes "Sempiternal" kreieren. Auch mein Liebling "The Death Of Peace Of Mind" von Bad Omens läuft seit Release in nur minimal verändertem Kostüm tausendfach durch die Streamer.
Die Musik ist klasse, und ja, Kunst lebt von von Imitation und Inspiration. Doch vielmehr als nur Liebe, spürt man eine gewisse Angst.
Deutschland ist bekanntlich konservativ über die Politik hinaus; in den Medien sehen wir immer wieder, dass lieber bekannte Formate – zum Beispiel im Fernsehen – neu aufgezogen werden, statt sich an neuen Produkten zu versuchen. Und sicher füllt das die Taschen der jeweiligen Zuständigen. Doch ich, wie auch die absolute Mehrheit der jungen Menschen, habe seit 10 Jahren keinen Fernseher mehr angeschaltet. Und vielleicht ist das schlimmer, als mal einen Flop feiern zu müssen.
Zum Abschluss frage ich die Vier, worauf sie in ihrer Bandreise besonders stolz sind.
Sänger und Gitarrist Leo ist stolz, dass er es geschafft hat, seine teilweise sehr verknoteten Gedanken zusammenzufassen, und in eine EP zu falten, auf die er wirklich stolz ist. Als klassischer Perfektionist und Overthinker hat er zig halbfertige Lieder auf seiner Festplatte; Songs, die erst aus ihm rausgeflossen sind, und an denen er dann einfach nicht weitergekommen ist. Etwas verschämt beichtet er, dass er gerne mal die Kommentare auf den sozialen Medien zu ihrer Musik liest. Das soll man ja eigentlich nicht machen, man soll die Bestätigung doch in sich finden und nicht außen von Fremden. Aber es ist dann doch schön zu wissen, dass man jemanden erreicht hat.
Arthur, der neben der Musik auch Artwork zur EP beigesteuert hat, ist richtig happy, dass die EP jetzt bald rauskommt. Das vergisst man manchmal, wenn man so fokussiert auf die Arbeit selbst ist – wie wild und besonders und wundervoll es doch ist, eine eigene EP zu haben.
Drummer-Leo ist richtig stolz, dass sie zusammen Musik machen, die er so sehr feiert, dass er sie sich in der Freizeit selbst anhört.
Und Luca kann es kaum erwarten, dass sie in ihrem neuen Proberaum zusammenkommen und gemeinsam Musik zu machen.
Diese Vorfreude kann ich nur teilen.
Die EP "places I wouldn't go with a gun" von Stray Ends kommt am 13. November 2026 digital only via superpol records raus.
Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.