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Konzertbericht

SZIGET 2026: Noch ein letztes Mal

19.10.2026 | SZIGET 2026: Noch ein letztes Mal

Das letzte Festival der Sommersaison 2026 ist vorbei und zwei Monate später kann ich mich kaum daran erinnern, wie sich Sonne anfühlt. Und so blicke ich zurück auf die schönsten Acts, die fröhlichsten Momente und die Tränchen, die zum Ende der Saison unweigerlich vergossen wurden.

Das SZIGET Festival 2026 hatte rund 360.000 Besucher:innen – so eine Zahl muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen.

Ich habe SZIGET nicht ohne Grund zu meinem letzten Festival des Jahres erwählt: Nicht nur wollte ich schon lange die ungarische Hauptstadt Budapest besuchen, und sah das als meine perfekte Chance. Sondern ich war auch von dem bunten Line-Up angetan, das mir charmant in Magenta und Gelb entgegen zwinkert. Bring Me The Horizon und Zara Larsson auf dem gleichen Line-Up? Nehme ich! Es gibt kaum eine perfektere Verbindung meines Musikgeschmackes als das.

Und so nehme ich den ICE von München nach Budapest, und bin schon jetzt etwas wehmütig, weil ich mich einerseits auf das SZIGET freue, und doch auch verstehe, dass das so etwas wie ein Abschied sein wird.

Der erste Tag fängt mit Bad Nerves schon mit ganz viel Energie an. Man könnte meinen, nach all den Festivals hätte ich gar keine Lust mehr auf Musik. Und es gibt diese Momente definitiv. Aber hier im Pit, mit meinem Blick auf Wolf Alice und mit all den strahlenden Gesichtern im Hintergrund ist es schier unmöglich, schlecht drauf zu sein.

Ich hatte schon bei Lollapalooza die Freude, Zara Larsson zu sehen, und doch gönne ich sie mir noch mal. Sie ist eine dieser Künstlerinnen, die man immer und immer wieder mit viel Freude anschauen kann – weil man ihr ebenso ihre Freude ansieht, zu performen. Ich mache die letzten Bewegungen der Choreo mit, bevor ich in Windeseile – oder vielmehr im Entenmarsch, da das Infield knallvoll ist – gen Lambrini Girls renne. Ein witziger Kontrast zu Zara, aber nicht weniger unterhaltsam. Zum Schluss gönne ich mir noch Avralize, Metalcore aus Deutschland. Ich musste etwas schmunzeln, als der kleine, aber feine Moshpit direkt an der Bühne gestartet wird. Hier ist wirklich für jeden etwas dabei.

Mein absolutes Highlight auf dem SZIGET, schon am ersten Tag, hatte nichts mit Musik zu tun: Der Aldi, von früh bis spät geöffnet, ist an allen Tagen mein Refugium. Wenn man müde und überfordert ist, und den ganzen Tag nur eine Banane gegessen hat, ist so ein Salat plus eiskalter Cola heilig.

©
Nataly Sesic

Tag 2 startet mit einem weiteren deutsche Export: der Berliner Band Giant Rooks, die eine solche Freude ausstrahlen, dass ich kurzzeitig vergesse, dass mir literweise Schweiß den Rücken runter läuft.

Biffy Clyro übernehmen danach die Bühne, und der Kontrast zwischen Sänger Simon Nell, der oben ohne und in Basketball-Shorts über die Bühne hopst und Naomi Macleod, die auf der Tour Bass spielt, und ein elegantes, Gothic-angehauchtes, langes Kleid trägt, bringt mich etwas zum Lachen. Der Tag hielt für mich zwei Highlights bereit: Ikkimel und Ashnikko.

Die DHL-Stage ist viel zu klein für eine so große Persönlichkeit wie Mama Ikki, und so ist kaum Durchkommen, wie voll der Platz ist. Obwohl ihre Songs ausschließlich auf deutsch sind, reißen sich die internationalen Musik-Fans darum, ihre Lieder mitzugröhlen. Es ist vermutlich die stärkste Völkerverständigung seit dem letzten Mal, als schottische Fußball-Fans bei uns in Münche gelandet sind.

Ashnikko ist auf der gegenüberliegenden Stage ebenfalls einer übergroßen Masse an Fans ausgeliefert. Ich gehöre dazu, und vergesse fast, auf den Auslöser meiner Kamera zu drücken, als die Königin persönlich direkt vor mir steht.

Als ich, etwas sonnenverbrannt und müde, in den Fotograben von Paris Paloma schlendere, kann ich mich kaum satt sehen an den wunderschönen Menschen, welche den Wellenbrecher säumen. Ich bin umgeben von glitzernden Gesichtern, Blumenkronen und Fledermausflügeln, zarter Spitze und lächelnden Gesichtern. Als Paris Paloma auftritt und mit so viel Liebe und Inbrunst über ihre Musik spricht, schaue ich nochmal um mich, zu den Menschen, die sich in den Armen liegen und einander die Tränchen abwischen. Und vielleicht habe ich dann plötzlich auch Tränen in den Augen.

Wenn man dauernd am Rumrennen ist, vergisst man manchmal, stehen zu bleiben, innezuhalten und sich vor Augen zu führen, wo man ist. Ich bin umgeben von zehntausenden Menschen, die allesamt die selbe Bühne, die selbe Künstlerin anschauen. Viele von ihnen lieben dieselben Lieder wie ich, freuen sich auf dieselben Acts wie ich. Vielleicht ist es auch einfach Übermüdung, aber ich möchte daran glauben, dass ich in diesem Moment das gespürt habe, was Festivals wirklich so besonders macht.

An diesem Tag wird es gen Abend nochmal emotional für mich: Florence + The Machine hat mir nun schon zum zweiten Mal den Fotopass verwehrt, und so bin ich gezwungen – ich armes Mädchen – das Konzert aus der Masse zu betrachten. Florence Welch bringt mit jedem Auftritt die Welt zum Beben, und ich habe nie gelernt, ihre Magie in Worte zu fassen. Vielleicht kann man sie damit beschreiben, dass ich mit der ganzen Masse um mich herum kuschele, weil wir uns alle einfach richtig lieb haben, wenn „Shake It Out“ im Hintergrund läuft.

Etwas weniger mystisch aber nicht weniger tanzbar geht mein Abend mit LEAP zu Ende. Die britische Rockband ist mir erstmals durch Instagram Reels aufgefallen, und so finde ich es umso spaßiger, sie nun von der virtuellen in die reale Welt holen zu können. Die Jungs sind waschechte Rockstars, und so gönne ich mir ein bisschen Kreischen, bevor ich vor meinem letzten Festivaltag ins Bett falle.

©
Nataly Sesic

Bring Me The Horizon ist eine meiner Lieblingsbands, und so gönne ich mir ausnahmsweise einen Presse-Perk, um sie zu sehen: Nämlich besteige ich den eisblau erleuchtete VIP-Bereich, der gen Bühne ausgerichtet ist. Kürzlich hat Bring Me The Horizon online für Aufmerksamkeit gesorgt, weil sie eine richtig schön nostalgische No-Barricade-Show gespielt haben. Passend zum Re-Release von „Count Your Blessings“ scheinen die Briten wieder etwas mehr zu ihrer härteren Vergangenheit zu finden. Und so kann man sich sicher meinen Gesichtsausdruck vorstellen, als das Set mit „Dehumanized“ öffnet und „Antivist“ mit „Pray For Plagues“ ersetzt wird. Mehr als eine Stimme online war begeistert, dass Bring Me The Horizon einen waschechten Deathcore-Track auf einem vermeintlichen Pop-Festival bringt. Mir tut vor allem der Nacken vom Headbangen weh.

Bei mehr als 35 Grsd sind die Festivaltage eine Herausforderung. Das Festival hat vorgesorgt: Schon früh morgens, wenn ich meine alten Knochen aus meinem Zelt zerre und über das Gelände wandere, treffe ich Herren auf Maschinen, die ich jetzt einfach mal als „Wassertrekker“ bezeichne, und welche die geteerten Wege mit Wasser abspritzen. In regelmäßigen Abständen findet man auf dem Gras Wassersprenkler, die einerseits da sind, um das sonnengebräunte (negativ) Gras zu bewässern, und andererseits von Besucher:innen für eine spontane Pool-Party verwendet werden. Auch Wasserstationen gibt es überall. Es ist ein unangenehmer Kontrast: Der Wasserspiegel der Donau ist so niedrig wie schon seit Jahrzehnten nicht, und doch wäre das Festival ohne diese Maßnahmen nicht möglich.

Doch nicht nur das Wetter beschwert die Stimmung. 2026 ist ein besonderes Jahr in Ungarn. Nach nunmehr 16 Jahren befreit sich das Land aus einer Diktatur, die neue Regierung verspricht Veränderung und Demokratie, und sowohl wir aus dem nahen Ausland, als auch die Ungar:innen hoffen. Ich könnte hier viel über die politischen Krisen und Ängste sprechen, die mich, und sicher auch viele von euch, seit Jahren umtreiben. Etwas ironisch feiert meine politische Verzweiflung 2026 ihr 10-jähriges Jubiläum. Doch auf das Festival konzentriert bedeutet der Regierungswechsel auch eine Chance. Die alte Regierung unter Orban war nie gut auf das Festival zu sprechen und war so für eine Zusammenarbeit und finanzielle Unterstützung ausgeschlossen. Auch bedeutete die LGBTQ+-feindliche Ideologie der Orban-Regierung, dass Teile des Festivals für Minderjährige nicht zugänglich waren. So zum Beispiel der Magic Mirror, der seit mehr als 30 Jahren queeren Künstler:innen eine Bühne gibt.

Ich verlasse SZIGET 2026 mit Nackenschmerzen und völlig zertanzten Füßen. Leider kann ich den letzten Festivaltag nicht miterleben, weil mich mein Studium nach Kroatien ruft.

Obwohl ich hundemüde bin, und zuhause wahrscheinlich erst mal zum Physiotherapeuten und HNO muss, bin ich beim Weg über die Brücke ganz schön geknickt.

Festivals sind magisch. Sie sind farbenfrohe, überlaute, überwältigende und doch nährende Portale in eine Welt, in der unsere Freude, unser Spaß und unser körperliches Wohlbefinden im Vordergrund steht. An diesen vier Tagen hat niemand den Begriff „Slack“ erwähnt oder wegen eines fiesen Chefs Tränen vergossen. Stattdessen haben wir lauwarmes Bier in der prallen Sonne getrunken, haben uns umarmt, gesungen, sind viel zu spät schlafen gegangen und haben uns doch gefreut, morgen früh wieder von Neuem zu starten.

In einer Welt, in der die nächste politische, soziale und wirtschaftliche Krise unweigerlich hinter jeder Ecke auf uns zu warten scheint, ist es umso schöner, für ein paar Tage seinen Kopf auszuschalten und einfach zu sein. Das können wir alle gebrauchen.

SZIGET kehrt 2027 vom 10.-14. August zurück. Noch hält man sich bezüglich Acts bedeckt, doch die Spannung steigt. Es ist zu erwarten, dass die erste Bandwelle schon im Oktober kommt. Tickets gibt es schon jetzt zum Early-Bird-Preis zu kaufen.

©
Nataly Sesic

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