Dean Fertita von Queens Of The Stone Age: After All This Time
08.10.2026 | Nataly Sesic
Wenn man das Internet nach Informationen über Dean Ferita absucht, findet man vor allem zwei Dinge: erstens eine lange Liste aller Bands und Projekte, an denen er beteiligt war. Und zweitens Interviews und Reddit-Threads, in denen Dean für seine virtuose Arbeit gelobt wird. Ich nenne ihn „the musicians' musician“ und er lächelt. Das ist das beste Kompliment, das man kriegen kann, findet er.
Deans Musikkarriere beginnt 1997 mit The Waxwings, einer Indie-Rockband aus Detroit, Michigan, wo er die Rolle des Leadsängers und Lead-Gitarristen übernimmt. Nach der Trennung 2005 spielt Dean Keyboard und Gitarre für Brendan Bensons Solo-Projekte ein und tourt mit The Raconteurs.
Sein größter Erfolg sind laut Dean die Beziehungen, die er in seiner 30-jährigen Karriere mit Künstler:innen aufbauen konnte, die er bewundert und respektiert. Die Möglichkeit, mit diesen Menschen zu sprechen, zu musizieren, die Liebe zur Kunst zur Teilen, macht erst seine Arbeit besonders wertvoll, so Dean.
Seit 2007 ist Dean ein fester Bestandteil von Queens Of The Stone Age. Auch hier ging es um eine menschliche Begegnung: Auf Tour mit The Raconteurs freundet sich Dean mit Soundtechniker Hutch an – der ebenfalls den Sound für Queens Of The Stone Age macht. Bald bittet ihn Hutch, der Band als Keyboarder und zweite Gitarre beizutreten.
Dabei sollte es nicht bleiben: Auf dem 2013er Album „...Like Clockwork“ spielt Dean Klavier, Gitarre, Synthesizer, Slide-Gitarre und Klavinet – nicht umsonst bezeichnete ihn mehr als ein Interview, das ich online entdeckt habe, als musikalisches Toolkit.
Als ich ihn darauf anspreche, winkt er ab. Er ist sich sehr bewusst darüber, was für ein Privileg es ist, sein Geld mit dem verdienen zu können, was er liebt. Er lebt seinen Kindheitstraum – das ist etwas ganz Besonderes. Er schätzt es, bis heute mit Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, deren Liebe für Musik ebenso nie abgeflammt ist, und die auch all die Jahre später noch bereit sind, sich kreativ weiterzuentwickeln und über ihre Grenzen zu gehen. „Mein Leben sieht heute ganz anders aus als noch vor 30 Jahren,“ sagt Dean. „Aber ich umgebe mich immer noch mit denselben Menschen, und es ist richtig cool, gemeinsam diesen Lebensweg gehen, und ihn musikalisch festhalten zu können.“
Trotz aller Fortschritte rund um Streaming, Fernsehen, Radio und Internet denkt Dean, dass sich seine Herangehensweise an Musik in all der Zeit nicht verändert hat.
„In meinem Herzen bin ich immer noch dieselbe Person, die damals zum ersten Mal die Gitarre in die Hand genommen hat,“ sagt Dean.
Ich schmunzle ein bisschen über die Bescheidenheit, mit der Dean über sein Rockstar-Leben spricht. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, ich spreche mit einem Handwerker, der zwar stolz auf seine Arbeit ist, doch das alles sehr praktisch sieht. Es ist sein Handwerk und seine Arbeit, etwas, in das er viel Zeit und Mühe gesteckt hat, und das er nach all den Jahren noch liebt. Doch es passt nicht zum Bild randvoll gefüllter Stadien und kreischender Fans. Vielleicht ist es ebendiese Schlichtheit, die es Dean als Künstler, und auch Queens als Band erlaubt hat, mit beiden Füßen auf der Erde zu bleiben.
Queens Of The Stone Age haben es geschafft, seit 1996 im Alternative-Rock mitzumischen. Und das, obwohl so viele Bands, mit denen sie damals gestartet sind, heute getrennt und aufgelöst sind. Es gibt kein Zauberwort, um eine Band zusammenzuhalten, sagt Dean. Man muss lernen, einander als Menschen und als Künstler:innen, und die Welt, in der die Musik spielt, zu akzeptieren. Ob solo oder gemeinsam, Queens hat ihm immer die Freiheit gegeben, mitzuziehen, oder sich zurückzunehmen, hat es ihm stets erlaubt, seinen eigenen Interessen zu folgen, ohne Eifersucht oder Ego – denn egal, was passiert, die Band ist wie eine Heimat für sie alle. Das Ziel ist stets der nächste Schritt nach vorne, die nächste gute Idee, der nächste Zentimeter Wachstum. „Ich spüre, dass mir die Band vertraut,“ so Dean..
Das neue Album („Perfecth“, VÖ 30.10.26) beruft sich auf ein Prinzip namens Kintsugi, eine traditionelle japanische Handwerkskunst, bei welcher zerbrochene Keramik nicht im Müll landet, sondern mit Gold oder Silber repariert wird. Die Philosophie dahinter drückt aus, dass Macken uns nicht schwächen, sondern stärker machen.
Für Dean passt das perfekt zum neuen Album. Er erinnert sich daran, damals bei der „Catacombs“-Tour von der Bühne getreten zu sein und gedacht zu haben, dass er nicht weiß, wie es mit ihm, der Band, der Welt jetzt weitergeht. „Perfecth“ hat es Queens erlaubt, sich so ehrlich und verletzlich wie noch nie mit ihrer Liebe zur Musik und der Band auseinanderzusetzen. „Wir haben es zusammen durchgestanden,“ sagt Dean. Dann fügt er nachdenklich hinzu: „Wir haben so Vieles zusammen durchgestanden.“
Die Single, „Insignificant Other“, entsteht am Ende der Times New Roman Session. Das war eine Idee, die einfach raus musste, sagt er. Es ist vielleicht auch Deans liebster Track auf dem Album, denn „Insignificant Other“ hat sich wie der erste Funken eines neuen Projekts angefühlt – und das ist immer richtig spannend, auch nach 30 Jahren.
Das neue Album ist unter anderem in Joshs Heim-Studio entstanden, und Dean blickt sehr positiv auf den Prozess zurück. Sie haben es sich erlaubt, für diese Platte wirklich in sich zu gehen und offen zu sein. So sind manche Aufnahmen viel roher und emotionaler rausgekommen, als gedacht. Sicher, man hätte technisch „bessere“ Takes gehabt, doch das echte Gefühl, das auf den Songs rüber kommt, kann man nicht einfach replizieren.
Zum Abschluss frage ich Dean, ob er als Künstler und Queens Of The Stone Age als Band noch ein Ziel haben, das sie unbedingt erreichen wollen. Gibt es nach so vielen Jahren in der Musikszene noch neue Höhen zu erklimmen?
Die Antwort kommt sofort: Ja. Aber er hat keine Ahnung, wie er es in Worte fassen soll. Dieses Gefühl, immer weiter machen zu wollen, ist der Grund, wieso man immer wieder neue Alben macht. Der Wunsch, noch einen Schritt weiter zu gehen, sich noch ein klein wenig mehr zu strecken. Er glaubt, sobald er und die Band das Gefühl haben, dass es dort draußen nichts Neues mehr zu schaffen und erleben gibt, wäre das das Ende von Queens Of The Stone Age.
„Das ist erst euer neuntes Album,“ erinnere ich ihn streng. Dean nickt pflichtbewusst. „Wir müssen unbedingt weitermachen.“
„Perfecth“ am 30.10.2026 bei MATADOR RECORDS.
Nataly Sesic
Unter Freund:innen weiß man: Wenn du neue Musik auf die Ohren brauchst, fragst du Nataly. Als Maximalistin im wahrsten Sinne des Wortes liebt sie „too much“: sei es Pop der 2010er, Rock der 80er oder mysteriöse Subgenres irgendwo zwischen tumblr und Totalausfall; Nataly hat dazu eine Meinung - und sicher einige Fun Facts parat. Wenn sie nicht gerade auf einem Konzert ist, macht Nataly die Hallen ihrer Universität unsicher, schreibt oder liest Bücher oder hat selber die Gitarre in der Hand.