Vielfalt ist bekanntlich das Salz in der Suppe des Lebens, und nachdem sich ein Depp zu viel über Halseys Rock For People-Set beschwert hat, musste ich irgendwo hin, wo „Pop“ kein Schimpfwort ist. Gemeint ist das Lollapalooza, das seit 2015 in Berlin stattfindet. Auf dem Gelände des Olympiaparks versammeln sich auch in diesem Jahr am 18. und 19. Juli 2026 Acts aus aller Welt, um diese besonders schönen Sommertage zu feiern.
Was sofort auffällt, ist, wie jung das Publikum ist. Das soll nicht bedeuten, dass auf Metal-Festivals allesamt Ü30 sind; das eine oder andere Baby mit bunten Kopfhörern habe ich auch beim Rock For People entdeckt. Doch es ist eine Frage des Ausmaßes. Bei Teddy Swims stehen Kids im Durchschnittsalter von 13 gespannt die Barrikade entlang. Während der Fotograf neben mir einer Gruppe verärgerter Teenies, die wegen uns drei Songs lang weniger sehen werden, erklärt, wieso wir hier stehen, verteile ich ein paar Sticker. So richtig habe ich nie gelernt, mit Kindern zu interagieren, aber jeder mag schließlich Sticker, oder?
Man könnte hier Aussagen darüber machen, dass ein Pop-Publikum in der Regel jünger ist, was sich meiner Erfahrung nach nicht bestätigt. Ich glaube jedoch, Eltern sind oft eher dazu bereit, ihre jungen Kinder zu Pop-Festivals zu schicken oder zu begleiten. Die wenigsten Menschen halten heute an der satanischen Panik rund um Rock und Metal fest, jedoch hält sich der Glaube, Metal sei „düster“ und „deprimierend“ bei Eltern, die nicht selbst im Genre sind. Meine Mutter gehört dazu, und tatsächlich durfte ich erstmals mit 17 – und nur in Begleitung meiner gesamten Freundesgruppe – zu einem dieser hochgefährlichen Metal-Konzerte.
Im Vergleich dazu sind Pop-Festivals wie das Lollapalooza auf den ersten Blick bunt und voller Glitzer – viel weniger unheimlich als diese Metal-Shows mit den Pentagrammen und den Panda-Fratzen.
Und so könnt ihr euch sicher vorstellen, was für ein Gesicht ich gemacht habe, als Berliner Rapper Baran Kok als erster Act des Tages auf die Bühne tritt, und mit derart anzüglichen Texten um sich wirft, dass ich mit 32 Jahren rot werde.
Ich möchte betonen, dass ich die Fähigkeit jeder Künstlerin und jedes Künstlers unterstütze, sich auszudrücken. Baran Kok spielt mit dieser Freizügigkeit sehr absichtlich und gezielt. Als einer der ersten offen schwulen Rapper der Szene geht er ganz konfrontativ mit dem Thema um, und ich feiere das. Und dann schaue ich rechts neben mich und sehe ein maximal achtjähriges Mädchen mit Schmetterlingen auf den Wangen, die einen verwirrten Blick mit ihrer knallroten Mutter austauscht.
Baran Kok ist nicht der einzige sexuell provokative Act an diesen zwei Tagen. Ich sehe zu, wie Lily Allen im Rahmen ihres „West End Girl“-Sets eine ganze Sammlung an Dildos, Butt Plugs und sonstige Implementen aus einer Tasche zieht. Vicky besingt unter der Abkürzung FSK „ficken, saufen, kotzen“. Ich war mir noch nie so sehr der Bedeutung von Songtexten oder der Bühnenshow bewusst, wie hier, umgeben von Kindern – nicht nur Teenagern, sondern Kindern –, die das alles kontextlos aufsaugen.
Es ist nicht so, dass es im Metal um Sonnen und Blumen geht, auch in unserem Genre werden ganz schön düstere Themen behandelt. Doch in der Regel sind diese Themen in so viel Dramatik und Metaphorik verpackt, dass man als Kind vielleicht den Vibe aufsaugt, aber nicht das haarsträubende Detail.
Seien wir mal ehrlich: Kids können heutzutage Hardcore Pornos in 4K auf ihren Handys schauen, wir als Gesellschaft haben es absolut verpasst, Kinder zu schützen. Ich habe zu meiner Zeit mit 10 Jahren Videos von Enthauptungen im Internet konsumiert und heute kriege ich in engen Räumen Panikattacken. Die Magie der modernen Technik.
Gleichzeitig habe ich an diesen Tagen ein flaues Gefühl im Magen. Sicher, es ist an den Eltern, ihre Kinder zu schützen, und schließlich kommt unter 18 hier niemand ohne Erlaubnis oder Aufsicht rein. Man kann als Veranstalter:in, Besucher:in oder Journalist:in also freudig jegliche Verantwortung von sich schieben. Und obwohl es absolut an den Eltern ist, sich damit auseinanderzusetzen, was ihre Kinder konsumieren und mit ihren Kindern gemeinsam damit umzugehen, so denke ich an meine Mutter, die weder die Zeit, noch das sprachliche, medielle oder kulturelle Wissen hatte, sich ernsthaft mit meiner Musik auseinanderzusetzen.
Ich möchte den Kids nicht das Konzert vermiesen, wirklich nicht. Aber es würde sich zumindest lohnen, darüber nachzudenken.
Ich wende mich ab von meinem wedelnden Zeigefinger und hin zu den Freuden des Festivalwochenendes. Und da gibt es Vieles zu berichten.
Das Lollapalooza in Berlin ist eins der größten Musikfestivals Europas mit 50.000 Tagesbesucher:innen. Auf zwei Main Stages – der essence- und der TK Maxx-Stage – finden an diesen zwei Tagen Künstler:innen aus aller Welt statt. Und obwohl das Lollapalooza sich ein Pop-Festival nennt, so versammelt das Line-Up Acts aus Pop, Rock, Indie, Rap, R&B und Electronica, ganz zu schweigen vom Kunst- und Fashion-Programm, das die weiteren Bühnen auf dem Gelände des Berliner Olympiaparks schmückt.
Ich war überrascht, wie multinational das Line-Up ist. Neben den klassischen Weltstars aus dem englischsprachigen Ausland wie Lorde und Lily Allen, rocken der türkische Superstar Edis und, meine persönlichen Lieblinge dieses Wochenenende, Atarashii Gakko aus Japan, die Bühne.
Die brasilianische Künstlerin Anitta trotzt dem Regen am Samstag und heizt den Olympiapark ordentlich auf. Kubaner Pitbull dreht bei seinem DJ-Set auf. Und die erste Reihe geht zum Rock der neuseeländischen Band Balu Brigada ab. Tatsächlich habe ich schon lange kein so national diverses Festival-Line-Up gesehen. Und während sich die Metal-Festivals, auf denen ich dieses Jahr unterwegs war, schwer tun, mehr als eine FLINTA*-Person mit einer Headliner-Position zu beehren, kuscheln hier Pitbull und Tom Odell wie ganz selbstverständlich mit Zara Larsson, Ayliva und Lily Allen in den oberen Rängen. Und wer jetzt behauptet, das läge daran, FLINTA*-Personen würden keine harte Musik machen... Da ist er wieder, mein erhobener Zeigefinger.
Der Vorverkauf für die Edition 2027 ist schon voll im Gange, jedoch bisher ohne Headliner-Ankündigung.
Festival-Kolleg:innen Rock im Park/Rock am Ring und Southside/Hurricane haben ebendiese Woche schon ihre ersten Acts geteilt – welche nicht nur gut ankommen (gemeint ist, wie so oft, Ronnie Radke, und was der schon wieder auf meinem Line-Up zu suchen hat). Es bleibt spannend, welche Künstler:innen 2027 den Olympiapark wieder zum Tanzen bringen. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die Pop-Auszeit im neuen Jahr.