Im Festivaljahr 2026 konnten wir tumblr-Millennials uns über zahlreiche Line-Ups freuen, die speziell dazu dienen, unsere Nostalgie zu wecken und uns so das Geld aus den bereits halb geöffneten Taschen zu ziehen. Southside macht der Ära alle Ehre: Billy Talent, Halsey, Yungblud, Twenty One Pilots, Papa Roach, Florence + The Machine...Ist das ein Line-Up oder meine Pinnwand von 2014?
So oder so konnte ich es mir nicht nehmen lassen, meine sieben Sachen zu packen und von München gen Neuhausen zu wandern. Und da es an diesem Juni-Wochenende richtig warm werden sollte, waren drei dieser sieben Sachen Sonnencreme.
Am Bahnhof Neuhausen angekommen, steuere ich zielstrebig in Richtung Shuttlebus, der in regelmäßigen Abständen zu den zwei Camps fährt. Auf dem Weg dorthin werde ich von zwei Polizisten aufgehalten, die anhand meines Froschhuts richtig erraten haben, wo es für mich hingeht. Einer der Polizisten lacht über den Regenmantel, der um meine Hüfte geknotet ist. Den würde ich bei den Temperaturen nicht brauchen, sagt er.
Hier kommt mein Jim Halpert-in-The-Office-Blick-in-die-Kamera. Daran erkennt man eventuell schon, dass dieser Kommentar später nochmal relevant wird.
Bei meiner Ankunft ist auf dem regulären Campingplatz bereits beste Laune. Weit und breit sieht man dekorierte Zelte, ich entdecke mehr als eine Bierpong-Konstruktion, und irgendwo in der nahen Ferne schreien sich zwei besonders nervtötende Songs über knisternde Lautsprecher entgegen. Honey, I'm home.
Als besonders wichtige Pressefrau (lies: Pappnase im Dienst) habe ich einen Platz auf dem VIP-Campingplatz bekommen.
Ich denke mir nicht viel dabei. Bei Rock For People bedeutete „VIP“ dass ich kostenlos die Keramiktoiletten benutzen durfte.
Das Southside VIP ist eine ganz andere Geschichte. Das Ressort ist aufgeteilt in mehrere Bereiche: Parkplätze für Autos und Camper, Zeltplätze, bereits aufgebaute Zelte, Strandhütten und mein Highlight: die Chillout-Area in der Mitte. Hier konnte man sich einen Kaffee gönnen, entspannt auf Strandmöbeln oder Liegematten im Schatten sitzen und sich sogar in zwei Whirlpools abkühlen. Es gab kostenlos W-LAN, separate WCs und Duschen, Steckdosen, und wer es sich richtig gut gehen lassen wollte, konnte eine Massage buchen. Das ist in der Tat VIP.
Ich habe den größten Teil der Tage auf dem Festivalgelände verbracht und so den Bereich nur morgens genutzt. Aber alleine die Möglichkeit, morgens um 8 Uhr entspannt im Schatten sitzen und sich ausruhen zu können, war schon eine enorme Erleichterung.
Doch wir sind nicht hier zum Faulenzen, sondern um Acts zu fotografieren! Und Southside hat einiges an Acts zu bieten. Neben den eingangs genannten Favoriten freuen wir uns auf weitere erstklassige Acts wie Nothing But Thieves, Wolf Alice, ALEXISONFIRE, Natasha Bedingfield und A Day To Remember.
Oder wir hätten uns auf A Day To Remember gefreut. Wäre da nicht der Sturm gewesen.
Selbst jene, die 2026 nicht auf Southside waren, haben bestimmt gehört, dass das Gelände am Freitag wegen eines Sturms evakuiert werden musste. Was die Polizisten vom Vortag wohl dazu sagen?
Powermetal-Kollege Noah-Manuel Heim und ich haben uns brav in seinem Auto versteckt. Ganz zufällig waren wir direkt neben dem Marketing-Manager von Fritz Kola geparkt, der uns mit Getränken versorgt hat. Der Sturm ging so lange, dass mehrere Acts ihre Auftritte absagen oder kürzen mussten. Halsey gehörte zu jenen, deren Set größtenteils eingestampft wurde. Ich hatte sie kurz vorher mit eben dieser Bühnenshow bei Rock For People gesehen und fand es enorm schade, die Show nur gekürzt sehen zu können. Halsey selbst war sichtlich geknickt und es tat mir für alle leid. Man kann das Wetter nicht kontrollieren und ich weiß, dass alle ihr Bestes gegeben haben, damit das Festival weiter gehen kann. Gleichzeitig verstehe ich die enorme Enttäuschung bei Künstler:innen und Besucher:innen. Es ist eine Situation, in der niemand gewinnt oder gewinnen kann.
Tag 2 beginnt staubig und ist im Sinne des Wetters das genaue Gegenteil vom Vortag. Die Sonne peitscht nur so auf uns hinab, und alle bedienen sich reichlich an den überall vorhandenen Sonnencreme-Stationen.
Der zweite Festivaltag steht ganz im Zeichen Rock und Alternative:
Zebrahead beginnen meinen musikalischen Tag mit einem absoluten High. Ich behaupte, es ist gar nicht möglich, auf einem Zebrahead-Konzert mies drauf zu sein.
Thematisch kontrastiv aber mit ebenso viel Energie tritt Grandson auf.
The Offspring machen zwar wenig Show, doch auch hier schafft Nostalgie es, vieles abzufedern.
Auf der Blue Stage erfreue ich mich besonders an den frechen Kanadierinnen von The Beaches, die mit einer derartigen Leichtigkeit spielen, dass es sich weniger anfühlt wie ein Festival, und mehr wie eine Hausparty.
Basement verstehen es auf der Red Stage ebenso, ein überraschend intimes Feeling zu kreieren.
Das Highlight des Tages jedoch war Alternative-Favorit und Ozzy-Osbourne-Ziehson Yungblud. Ich habe zuvor kaum etwas von seiner Musik gehört, doch seine unvergessliche Bühnenpräsenz und die unübersehbare Freude, die er versprüht, machte mich zu einem Fan.
Mein Abend endet ebenso erfreulich mit Kraftklub auf der Green Stage. Nicht nur ist der Auftritt cool und energisch, sondern Sänger Felix rennt auch noch direkt an mir vorbei, weil er dringend ein Eis will.
Genug Festival für einen Tag.
Tag 3 hatte nochmal eine Überraschung für uns bereit: Kaum war der Festivaltag angebrochen, begann es wieder zu regnen. Zuerst waren es nur kleine Tropfen und wir im Bühnengraben lachten in Erinnerung an Freitag.
Und dann waren es plötzlich keine kleinen Tropfen mehr.
Ich floh in den Pressebereich. Ich fürchte mein einziger Regenschutz für die Kamera war eine leicht krümelige Ziplock-Tüte. Meine Kamera und ich waren also erst mal drinnen gefangen.
Als der Refrain von „Unwritten“ von Natasha Bedingfield von draußen ertönt, stecke ich endlich wieder – grinsend – meinen Kopf aus dem Pressezelt. Das Festival kann weitergehen.
Und keine Sekunde zu früh: Ich renne zur Blue Stage für meine Göttin, Florence + The Machine. Wie immer liefert Florence eine mythisch-unvergessliche Show ab, und dank unseres gemeinsamen Sonnenrituals hatten wir den restlichen Tag auch kein Problem mehr mit Regen.
Danke, Florence!
Southside 2026 endet für mich mit dem Auftritt von Twenty One Pilots. Ich weiß nur wenig über die Band, außer, dass ihre Fangemeinde groß und hochengagiert ist. Schon morgens campen die Fans an der Green Stage, bewaffnet mit Skimasken und selbstgemachten Plakaten.
Als Tyler Joseph in voller Skimontur – bei knapp 30 Grad – auf einem Brett inmitten der Meute steht und sein Mikrofon wie ein Lasso schwingt, rastet das Publikum aus. Ich kann es verstehen.
Ich wandere still und klammheimlich zu den letzten Tönen der Festivalkulisse zurück zu meinem Zelt, das den zweiten Sturm nicht wirklich überlebt hat. Während ich zu den lieblichen Tönen von Martin Solveig und „Hello“ einschlafe, freue ich mich bereits auf nächstes Jahr.
Das Southside Festival kehrt 2027 vom 18.-20. Juni zurück. Tickets gibt es hier.