Als ich mich an diesem ganz und gar nicht sommerlichen Augustabend in den Regio nach Münster setze, um mir in der traditionsreichen Sputnikhalle die Gehörgänge auskärchern zu lassen, weiß ich noch nicht so richtig, auf welche der beiden Acts ich mich am meisten freuen soll. Klar, Fontgröße und Spielzeiten auf den Tourplakaten suggerieren da eine ganz klare Hackordnung, aber andererseits begleiten mich Show Me The Body auch schon deutlich länger als Deafheaven, die ich so richtig erst mit ihrer letzten Platte “Lonely People With Power” für mich entdeckt hatte. Als die beiden Bands ihre gemeinsame Tour im Frühjahr angekündigt hatten, freute ich mich zwar über den Stopp in Münster, die Konstellation aus musikalischen Schlagrichtungen schien mir aber doch recht wild – ein Eindruck, der sich im Verlauf des Abends als absoluter Geniestreich des Bookings herausstellen sollte. Denn oft leiden Supportbands ja darunter, dass sie dem Mainact zu ähnlich sind. Als Publikum kommt man da dann schnell in einen unfairen Vergleich, der in den meisten Fällen (und oft vermutlich auch kalkuliert) zugunsten der Hauptband ausfällt. Im Falle von Show Me The Body vis á vis Deafheaven ist ein direkter Vergleich aber dermaßen weit hergeholt, dass es als Zuschauer:in doch sehr schwer fällt, die Auftritte der beiden Acts nebeneinander zu stellen und zu bewerten. Beide Bands bringen eine elektrisierende Energie auf die beengte Bühne der Sputnikhalle, beide nehmen ihr Publikum von Sekunde 1 an mit, aber beide erreichen diesen Punkt auf so unterschiedliche Weise, dass ein direkter Vergleich quasi unmöglich ist.
Als Show Me The Body ganz ohne Tamtam und bei gleißendem Licht die Bühne betreten, dröhnt aus den Boxen das Intro ihrer neuen Platte “Alone Together”, die auch den Großteil ihrer circa 35-minütigen Setlist einnehmen wird. Drei Typen, alle mit ihrem eigenen Style, alle unverkennbar New York. Mit grimmigen Blicken stürzen sich die drei in jedes Riff, jede zähneklappernden Basslauf, jedes brachiale Fill. Es sind zehn Minuten vergangen, wir befinden uns im vierten Song ohne Pause, und es wird noch mindestens zwei Songs – einer davon der eingangs etwas entschleunigte Fan-Favourite “Arcanum” – dauern, bis Julian Cashwan Pratt zum ersten Mal das Wort ans Publikum richtet: “Ey yo, we’re from New York. Thanks for havin’ us so fuckin’ far from home.” Und schon mit dem letzten Wort knattert der nächste Song los. Da steht eine Band, die wirklich jede Sekunde aus ihrem Supportslot rausholen will. Beim finalen Song entledigt sich Pratt seines Banjos und nutzt die neu gewonne Freiheit, um den doch recht begrenzten Raum auf der Bühne zu erkunden. Viel weiter als auf einen der beiden seitlichen Boxentürme kommt er dabei nicht, aber dem Publikum ist das sichtlich egal, ihre Augen und Schreie folgen Pratt gebannt. Das Rezept ist aufgegangen, eine reduzierte Show, die sich auf das Wesentliche der Musik konzentriert und dabei die Energieregler bis auf Anschlag dreht. Aufmüpfig, schnörkellos, individualistisch.
Trotz der nicht gerade hochsommerlichen Außentemperaturen ist es mittlerweile sehr heiß in der Sputnikhalle, sodass ich die Umbaupause für eine Cola an der frischen Luft nutze, während ich mir ausmale, wie Deafheaven wohl dieses Tempo toppen wollen. Meine leise Sorge erweist sich als völlig unberechtigt, denn Deafheaven wissen dem Münsteraner Publikum mindestens genauso gut einzuheizen wie Show Me The Body.
Auch hier werden wir erst einmal mit einem Intro vom Band begrüßt. Statt triumphalen Brass-Klängen kündigen sich Deafheaven aber mit den unbehaglichen Klängen ihres Album-Openers “Incidental I” an, und das bei komplett zugenebelter und in eisblaues Licht getauchter Bühne. Auch der Look der Band ist ein anderer, denn hier dominiert standesgemäß die Metal-Trendfarbe Nummer 1: schwarz. Spätestens als Deafheaven dann mit ihrem ersten richtigen Song “Doberman” loslegen, verschmelzen die fünf Musiker zu einer akustischen und ästhetischen Einheit. An dieser Stelle ein ganz großes Shoutout an die Tonleute dieses Konzerts, denn sowohl Show Me The Body als auch Deafheaven klingen an diesem Abend absolut fantastisch, etwas dass ich über viele andere Besuche in der Sputnikhalle leider nicht sagen kann. Zurück zu Deafheaven. Mein Hyperfokus auf deren letztes Album macht sich bezahlt, denn das hier ist unverkennbar eine “Lonely People With Power” Show. Klar, “Sunbather” darf nicht fehlen, aber bis auf zwei Songs davon und einmal “New Bermuda” dominiert die 2025er Platte die knapp 90-minütige Runtime. “Magnolia”, “The Garden Route”, “Amethyst”; hier werden keine Hits ausgelassen. Auch Deafheaven beschränken sich in Sachen Zwischenrede auf ein Minimum, George Clarke nutzt lediglich die üppig gesäten instrumentalen Build-ups zum ein oder anderen “Münster, are you with me?” Wie dieser Mann diese Art von Vocals für diese Zeit durchhalten kann, können sich weder ich noch sein spätestens ab Minute 10 komplett durchgeschwitztes T-Shirt erklären. Normalerweise bin ich kein großer Fan von diesen Crowdwork-Phrasen, aber heute Abend bin ich zu diesem Zeitpunkt schon so sehr in ekstatischer Hypnose dieser großartigen Performance gegenüber, dass es mich überhaupt nicht stört. Die zweite Hälfte der Setlist wird durch die anderen beiden “Incidental” Interludes gegliedert, bevor Deafheaven uns mit “Winona” – dem einzigen namentlich angekündigten Song – in die Nacht entlassen.
Zum Pech für meine Plattensammlung (aber zum Glück für meinen Geldbeutel) haben weder Show Me The Body noch Deafheaven Vinyl am Merch dabei, sodass ich die Sputnikhalle zwar ohne physisches Andenken, aber dafür beseelt von den Erinnerungen an eines der besten Metal-Konzerte, die ich bisher gesehen habe, in Richtung Bahnhof verlasse…