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Konzertbericht

Das Angeliter Open Air 2026: Viel St. Pauli, Bier und ein Abschied

20.08.2026 | Uwe Schmidt

Ein lohnenswertes Festival ist das Angeliter Open Air in Taarstedt in Schleswig-Holstein. Als kleines Tagesfestival mit einer Bühne auf dem früheren Bauern-, jetzt Kulturhof Angeln gestartet, ist es seit einigen Jahren ein 2-Tages-Festival mit zwei Bühnen und ein fester Bestandteil meines Festivalkalenders.

Tag 1

Bereits die Anreise begann mit einer glücklichen Fügung und Überführung: Die Schleifähre war tatsächlich einmal nicht in Reparatur! Für die Nicht-Schleswig-Holsteiner: Die Verbindung zwischen Brodersby und Kosel sollte eine neue, solarbetriebene Fähre „Missunde III“ bekommen; das Vorgängermodell „Missunde II“ wurde verkauft. Leider konnte der 3,9 Millionen Euro teure Neubau bei starkem Wind nicht sicher anlegen (wer konnte denn auch ahnen, dass es im Norden windig sein könnte?) und die Anleger wurden umgebaut und die Fähre nachgerüstet. Zwischenzeitlich kaufte man die „Missunde II“ für ein Vielfaches des Verkaufspreises zurück. Ende April 2026 nahm die „III“ dann den Betrieb auf, um gleich wieder wegen eines defekten Antriebsriemens auszufallen. Im Juli konnte sie zunächst wegen Niedrigwassers nicht fahren, dann gab es einen Defekt in der Hydraulik, dann dies, dann das – mal fuhr sie, mal wieder nicht. Inzwischen soll die „II“ überholt werden und wieder dauerhaft eingesetzt werden, bis ein erneuter Neubau („Missunde III Teil 2“?) die neue ersetzen soll. Am Festivaltag fuhr die „III“ jedenfalls und sparte Wegezeit. 

Das Festival selbst begann dann mit 2 x tba: Es soll ja immer noch Festivalbesucher*innen geben, die dies für eine vielbeschäftigte Band halten, die hier sowohl um 16.00 Uhr als auch um 17.00 Uhr spielen sollte, tatsächlich war es leider ein doppelter Totalausfall (wahrscheinlich fuhr die Schleifähre da bereits wieder nicht mehr). Die freie Zeit wurde ausgiebig genutzt, Getränkebons einzutauschen, die Essensstände zu begutachten, am Merch nach Neuem Ausschau zu halten und vor allem das eine oder andere Gespräch mit dem immer freundlichen Servicepersonal zu führen. Und alte Veteranen wiederzusehen, mit denen man früher immer zum Roskilde-Festival nach Dänemark gefahren ist! Den Festivalauftakt machten dann Against The Storm, eine regionale Rockband aus Eckernförde. Handwerklich gut, aber mir fehlte dann ein bisschen mehr „Wumms“ und Schwung. Den bekam ich dann allerdings auf der Hauptbühne bei Le Fly. Der Funke der St. Pauli-Tanzmusik mit ihrem Mix aus Ska, Punk, Funk, Rap und was sonst noch sprang sofort über und es gab kaum jemanden, der nicht mittanzte. Le Fly sind immer eine Empfehlung für einen mitreißenden Live-Auftritt.

Danach stand ich vor der Entscheidung, NØFX oder Pommes – 1:0 für die Pommes! Deine Cousine lieferte dann auf der Hauptbühne ab. Ich habe sie in den letzten Jahren auf dem einen oder anderen Festival gesehen und habe diesmal ihr tolles Intro vermisst, in dem sie alle Rassist*innen, Homophoben, Sexisten und sonstig Verwirrte freundlich bittet, doch den Platz vor der Bühne besser zu verlassen. Doch die auffällig große, an entsprechenden Shirts erkennbare Fangemeinde wurde mit Songs wie „St. Pauli“, „Bang Bang“, „Der Himmel ist `ne Kneipe“ und natürlich der „Königin von Deutschland“ von der quirligen Sängerin beglückt.

Nun gab es eine persönliche Entscheidung zu treffen: Los Fastidios oder Ignite – denn leider zog sich der Soundcheck der italienischen Oi-Punks etwas hin, so dass beide fast zeitgleich begannen und ich dann ohne „Antifa Hooligans“ zu den kalifornischen Hardcore-Jungs bin. Das Fazit fällt kurz aus: Bei den Männern um Sänger Eli Santana weiß man, was man bekommt! Das wusste ich dann bei Diggen+Rasta Knast nicht ganz so genau. Der ehemalige Slime-Sänger Diggen war etwas missgelaunt und begann das Konzert mit „Da führen wir 2:0 (er meinte den FC St. Pauli) und spielen doch nur 2:2 in Kiel, Scheiße!“, startete dann für die anwesende Slime-Gemeinde mit „Alle gegen Alle“ und „Störtebeker“. Leider waren einige wenige schon etwas mehr als angeschlagen und eine von denen begoss eine Fotografin mit Bier. Da ich ohnehin kein Freund von Coversongs bin (was jetzt vielleicht etwas hart gegenüber Diggen ist), verließ ich den vom Fussball frustrierten Sänger und die allgemein vom Leben frustrierte Zuschauerin (man gibt Fotograf*innen ein Bier aus statt man kippt ein Bier über ihnen aus!) und wechselte zu den schwedischen Truckfighters. Gitarrist Niklas „Dango“ Källgren stürmte auf die Bühne, zog sein Truckfighters-Bandshirt aus, schmiss es in die Menge und war dann den ganzen Gig am Laufen und am Springen – skandinavisches Workout mit Musik. „In the name of the Fuzz“ meinte Sänger Oskar „Ozo“ Cedermalm und hatte Recht. Beseelt von diesem Gitarrengewitter fuhr ich zurück nach Kiel, wenn ich dadurch auch den Auftritt von Teluxe verpasst habe, das Projekt vom neuen Slime-Sänger Tex Brasket und Lucas Uecker von Liedfett (ob sich Diggen und Tex wohl ausgetauscht haben?).

Tag 2

Zur Anreise: Die Schleifähre fuhr immer noch! Tag 2 begann für mich nicht mit Die Andersons, da ich wie gesagt kein Freund von Coversongs bin. Stattdessen gab es melodische plattdeutsche Musik von Leedgut und danach, um schon einen Song vorwegzunehmen, „Ready for the ball“ irische mit Fiddlers Green. Live immer wieder mitreißend und mit einer netten Setlist, u.a. „Bottoms up“, Greens and Fellows“ und natürlich das unvermeidliche „Wild Rover“. Höhepunkt war ein Solo von Geiger Tobias Heindl auf einer Leiter stehend mitten im Circle Pit! 

Dann wie an Tag 1 die Frage Pommes oder Musik – 2:0 für die Pommes. Lag aber auch daran, dass dann Grell spielten, als Neumünsteraner ja regelmäßig in meiner Heimatstadt Kiel auftretend und somit zu verschmerzen. Falls die geneigte Leser*innenschaft sie noch nicht kennen sollte: Unbedingt reinhören! Mein Anspieltipp ist „Wimpernschlag“. Nach den Pommes dann ein bisschen Musikgeschichte und Emotionalität: Das letzte Konzert der Rainbirds stand an! Unterstützung hierbei bekam Sängerin Katharina Franck daher vom weiteren Gründungsmitglied Michael Beckmann. „Apparently“, „On the balcony“, „Jamais Jamais“, um nur einige Songs zu nennen. Neben mir meinte einer: Wow – so gut hätte ich das gar nicht erwartet – er hatte Recht. Der Gesang Francks immer noch so unverwechselbar und markant wie damals und die Soli absolut brillant. Und dann der historische Moment, den alle Boomer (wie ich) erwarteten: Das letzte Mal „Blueprint“ live – back to 1987. Ein Meer von Handys schoss in die Höhe, als eins der bekanntesten Riffs der deutschen Musikgeschichte erklang. Und ich teile mit Euch gerne nochmal den Ohrwurm: „I sneak around the corner with a blueprint of my lover / Yeah, with a blueprint of my life, I would better run for cover“. Danach Jubel, eine letzte Verbeugung und die Rainbirds waren Geschichte.

Dann kamen mit LEAP die britischen Grell – nur schon deutlich erfolgreicher. Charismatisch sind sie und auch musikalisch war das anständiger Rock. Kein Wunder, dass sie die Leaplingsband eines befreundeten Fotografen sind… 

Dann gab es für mich wieder Punk: Bad Cop Bad Cop aus den USA beendeten ihre Europatournee – quasi noch ein Abschied. Und die vier Frauen um Sängerin Stacey Dee hatten richtig Bock und Spielfreude! Ob die Taarstedter Dorfpolizisten, die sich immer mal wieder auf dem Gelände blicken ließen, ebenfalls zugeschaut haben, vermag ich nicht zu sagen. Besonders emotional war der Song über „Victoria“: „When her father arrived, letter in hand, he cried, ran out the house to find his little girl took her life“. 

Ein skurriler musikalischer Gegenpol danach, zumindest für meine Ohren: Bullhorn aus Australien sind eine neunköpfige Band, die Brass mit Rap-Elementen mixt. Genau für solche Entdeckungen lohnen sich die kleinen Festivals! Bei Kodder im Anschluss sorgte dann der ehemalige COR-Sänger Friedemann mit seiner Kodderschnauze wieder für eine ordentliche Prise Punk. 

Den Abschluss für mich machten dann Jaya The Cat (Blackballed habe ich leider verpasst). „Amsterdam“, „Closing time“, „How the story goes“ – um nur einige der gespielten Songs zu nennen. Und natürlich passend zu meinem Festivalende „Hello Hangover“: „Hello Hangover, how you doin, my old friend?“ 

Kein Hangover, sondern viele Erinnerungen an das diesjährige Angeliter und ein stiller Dank an all die Menschen, die dies ermöglichen und hierfür arbeiten. Wir sehen uns 2027 wieder!

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