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Konzertbericht

Hurricane Festival 2026: Bell Curve

16.07.2026 | Kai Weingärtner

Das berüchtigt staubige Hurricane Festival im Norden der Republik hat auch dieses Jahr wieder brütende Hitze im Gepäck, vor allem aber einen ganzen Haufen toller Acts, deren Unterbringung in meinem Tagesplan zu einer schier unlösbaren Aufgabe werden wird.

Ich schwitze bereits, als ich mich an meinem Ausgangspunkt in den Zug setze (der ist glücklicherweise sogar klimatisiert – nicht selbstverständlich für einen deutschen Regio). Ein Blick auf die Wettervorhersage lässt keine Besserung vermuten und mir graut es bereits jetzt vor den Temperaturen in meinem Zelt in den kommenden Tagen. Nun gut, viel Zeit zum schlafen werde ich wohl eh nicht haben, denn obwohl ich im Line-Up des Hurricane Festivals in diesem Jahr etwas weniger Sehenswertes finde als noch 2025, gleicht die Verteilung der Acts einer mathematischen Normalverteilung, was wiederum bedeutet, dass der Samstag in diesem Jahr für mich zu einem Bandmarathon wird.

Freitag

Bevor es dazu kommt, muss aber erst noch die Anreise hinter sich gebracht werden, und weil die in diesem Jahr für mich erst verspätet am Freitag morgen stattfindet, verpasse ich nicht nur das massive Gewitter, das glücklicherweise der Staubentwicklung über das Wochenende entgegenwirken wird, sondern leider auch die Acts der Warm-Up-Party. Schade vor allem um Disarstar, der schon seit geraumer Zeit auf meiner Konzertliste steht. Nun ja, sei’s drum, immerhin komme ich so nach dem großen Schwall der Anreisenden am Eichenring an, und nach kurzer Zelt-Aufbau-Action stehe ich in der knallenden Sonne vor der Mountain Stage und schaue mir mein erstes Konzert des Festivalsommers an. Super lange halte ich es allerdings nicht vor der Bühne aus, obwohl Basement eine durchaus sehr gute Show abliefern. Ich bewundere den Großteil der sehr diversen Setlist also schließlich aus dem Schatten eines Getränkestandes, bevor ich später meine Campgenoss:innen finde, die mich für den Rest des Festivals begleiten. Nach kurzer Akklimatisierung und einem kalten Getränk bei den letzten Klängen der Donots steht für mich mit den Alt-Punkern von The Offspring der nächste Act auf dem Programm. Als ich die Kalifornier 2018 auf derselben Bühne zum letzten Mal gesehen habe, war ich schwer enttäuscht von der scheinbaren Lustlosigkeit, die die Band damals an den Tag gelegt hat. Vielleicht war es also meine gedämpfte Erwartungshaltung oder die ansteckende gute Laune der Menschen um mich herum, aber acht Jahre später liefern The Offspring eine richtig spaßige Show ab. Zum glühenden Fan werde ich deshalb sicher nicht mehr, aber die Band konnte sich damit doch etwas rehabilitieren in meiner Wahrnehmung. Komplett ohne Überraschungen verläuft dann die Show von Betterov, zu der ich mich als nächstes begebe. Die findet auf der Zeltbühne statt, was dem Konzert trotz draußen (und drinnen, for that matter) muckeligen 30+ Grad und Sonnenschein eine umnachtete Atmosphäre garantiert. Betterov und seine Band klingen wie immer fantastisch, und auch wenn ich mit “Große Kunst” noch immer nicht so ganz warm geworden bin, bringen mich die alten Songs wie “Platz am Fenster” auch beim zehnten Mal noch an den Rand der Tränen. Der Mann kann einfach texten.

©
Lars Heinzelmann

Den Tagesausstand gibt standesgemäß der Headliner des Abends: Kraftklub. Meine Beobachtung der Show erfolgt allerdings aus sicherer Ferne und im Sitzen, da ich bereits meinen vorzeitigen Abgang zwecks stressfreier Nutzung der Duschen eingeplant habe. Kraftklub haben für mich über die letzten Jahre immer mehr von ihrem Appeal verloren; nicht, dass ich die Band nicht mag, aber irgendwie kommt schon lange nichts mehr von dem, was die Chemnitzer musikalisch so machen, bei mir an. Man muss ihnen aber lassen, dass sie eine verdammt gute Liveband sind, was sie auch an diesem Abend wieder zur Schau stellen. Und dem Kernpublikum gefällt das nach wie vor, zumindest lassen das die zahlreichen Moshpits, die auf den Videowalls zu sehen sind, vermuten. Wie geplant flitze ich eine knappe halbe Stunde vor Konzertende gen Campingplatz, um frisch geduscht und nach einem kleinen Mitternachtssnack in mein Zelt zu kriechen. Aus dem werde ich am nächsten Morgen von einer Welle Saharaluft hervorgespült, die schon um acht Uhr morgens einen heißen Samstag gibt. Ich bin erwartbar der erste halbwegs wache Mensch in meinem Camp und mache mir erstmal in Ruhe Frühstück. Dabei werde ich tatsächlich von einem momentanen Wetterumschwung überrascht, sodass ich den ersten Kaffee des Tages in angenehmem Nieselregen trinke. Lange hält diese Abkühlung aber nicht an, und ein paar Stunden später, mit der Sonne im erbarmungslosen Zenit, starte ich den längsten Festivaltag, den ich bisher hinter mich gebracht habe. 13 Stunden, neun Bands, gefühlte 70 Liter Wasser und überraschenderweise kein einziger Sonnenbrand.

Samstag

Um 12 Uhr ist das Festivalgelände noch angenehm leer (wer hätt’s gedacht), vor der Bühne haben sich dann aber doch einige frühe Vögel versammelt und warten auf Just Mustard. Und die machen mit dem ersten Ton klar, dass sich das frühe Ankommen gelohnt hat. Die Band aus Irland baut eine Klangwalze aus Post-Punk, Noise und Shoegaze auf, die sich wie kühlendes Neonlicht über die Anwesenden legt. Einzig das gleißende Mittagslicht tut der Atmosphäre einen kleinen Abbruch, im Dunkeln muss diese Show unfassbar sein. Just Mustard spielen sich in gerademal einer halben Stunde ganz oben auf meine Highlight-Liste des Wochenendes und lassen sich dort auch von so manchem Headliner nicht verdrängen. Wenn ihr die Chance habt, diese Band irgendwo in einem kleinen Club zu sehen, nutzt sie, weil in ein paar Jahren füllen Just Mustard (hoffentlich) die großen Hallen Europas. Viel Zeit zum Verarbeiten der Show bleibt mir nicht, denn das nächste Highlight folgt auf dem Fuße und zeichnet einen Trend vor: Gitarrenbands aus Irland. Wer meine Obsession mit Fontaines D.C. kennt, sollte davon wenig überrascht sein, aber Florence Road hatte ich bis dato auch noch nicht auf dem Zettel. Wo Just Mustard ihre musikalische Dampfwalze akribisch Lage um Lage aufbauen, bis sie einen erdrückt, brettern die vier Musikerinnen von Florence Road mit purer Energie und Spielfreude drauf los, was nicht zuletzt dank der überlebensgroßen Stimme von Lily Aron unmittelbar aufs Publikum überspringt. Auch hier gilt die dringende Empfehlung: lieber jetzt noch auf die kleinen Clubshows gehen, bevor die Tickets bald das dreifache Kosten! Tagesprogrammpunkt Nummer drei steht bei meiner Ankunft bereits auf der Mainstage und heißt Destroy Boys. Nachdem sowohl Just Mustard als auch Florence Road ihre Zuschauer:innen auf rein musikalischer Ebene bannen, läuft bei Destroy Boys vieles über den metaphorischen Vorschlaghammer. Der Sound auf der Hauptbühne lässt leider einige Wünsche offen – die Vocals der Frontperson sind erst ab der Hälfte des Sets einigermaßen zu verstehen – davon lässt sich das Quartett aber nicht beeindrucken und brettern mit ungehemmter Hardcorepunk-Energie einfach drauf los. Wie sich das für eine Punkshow gehört gibt es auch jede Menge Statements, die glücklicherweise wenig plattitüdenhaft und tatsächlich sehr scharf und pointiert daher kommen. Als die Band aus Sacramento die Bühne verlässt ist es 15 Uhr. Drei Konzerte down, 6 to go!

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Christian Hedel

Für den ersten richtigen Stilbruch sorgen PA69, die ihrer trotz mittlerweile mindestens 160 Grad Celsius komplett angezündeten Crowd mit Staples wie “Spargelzeit” und “Biertornado” massiv einheizen. Nach den musikalischen Highlights des frühen Nachmittags wirkt diese Show wie aus einem anderen Universum. Spaßig ist diese absurde Party-Rap-Mischung aber allemal. Auf dem Weg zurück zur Hauptbühne kommen wir kurz bei Natasha Bedingfield vorbei, die auf dem Rücken ihres Songs “Unwritten” nochmal ein Comeback hingelegt hat. Mein Ziel ist allerdings ein anderes, denn angesichts des 20-jährigen Jubiläums von “Old Crows/ Young Cardinals” erhoffe ich mir von den Kanadiern Alexisonfire eine Setlist für die Ewigkeit. Als ich im Schatten des FOH die Show anschaue, wird meine Erwartung leider enttäuscht. Nicht nur, dass der Sound weiterhin stark zu wünschen übrig lässt und Alexisonfire auch meinem Wunsch in Sachen Setlist nicht nachkommen, sie beenden ihr Set auch 15 Minuten früher als angekündigt. Naja, immerhin tun sie das mit “Young Cardinals”, was aus mir tatsächlich noch sowas wie springen herauskitzelt. Es folgt das erste Timetable-Ärgernis des Tages, denn in den folgenden zwei Stunden spielen gleich drei Bands, die ich mir gerne angeschaut hätte, von denen ich dank der Running Order eine (Orville Peck) komplett und eine weitere mindestens teilweise verpassen werde. Viel Zeit zum Aufregen bleibt nicht, denn OG Keemo startet sein Set prompt bei unserer Ankunft an der Mountain Stage. Der beste Rapper deutschlands inspiriert sogar bei menschenfeindlichen Temperaturen durchgehende Moshpits, und beweist in der Interaktion mit seinem Produzenten und DJ Funkvater Frank auch noch, dass er neben der Musik auch noch ein verdammt witziger Typ ist. Es macht einfach jedes Mal wieder Spaß, diesen beiden offensichtlich besten Freunden auf der Bühne zuzugucken. Fürs Moshpit reicht meine Energie an diesem Nachmittag leider nicht, schließlich muss ich schon vor Ende der Show zum nächsten Act weiter hasten.

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Anna Vis

Zurück vor der River Stage macht sich lichttechnisch der Sonnenuntergang bemerkbar und verspricht, das Konzert von Wolf Alice in eine magische Veranstaltung zu verwandeln. Auch wenn ich dem aktuellen Album der Brit:innen nicht allzu viel abgewinnen konnte, will ich mir die Chance auf einen Auftritt der Band nicht entgehen lassen. Und Wolf Alice enttäuschen nicht. Zwar werden auch hier meine Setlist-Wünsche nicht erhört, aber mit “Last Man On The Earth”, “Smile”, “Play The Greatest Hits” und “How Can I Make It OK?” schaffen es doch einige Tracks meines All-Time-Favourites “Blue Weekend” auf die Bühne. Wolf Alice klingen noch dazu absolut fantastisch und hätten der untergehenden Sonne nicht passender huldigen können. Da ich mir den Auftritt des Co-Headliners Papa Roach spare, habe ich nach der Wolf Alice Show zum ersten Mal an diesem Abend genug Zeit, mir kurz etwas zu essen zu holen. Eine Entscheidung, die sich sogleich als richtig herausstellt, denn ich habe offenbar gar nicht gemerkt, wie viel Energie mir der Tag bis dahin entzogen hat. Da kommt so ein Pre-Headliner-Burrito gerade recht. Was nun folgt ist vielleicht der beste Konzert 1-2-Punch, den ich je gesehen habe. Seit seinem Release im Herbst des letzten Jahres läuft “Everybody Scream” bei mir in Quasi-Dauerschleife rauf und runter, und keinem Konzert des Wochenendes habe ich mich so sehr entgegen gesehnt wie dem von Florence and the Machine. Mit den letzten Lichtstrahlen des Abends, umhüllt von einer ganzen Menge Nebel und begleitet von vier großartigen Tänzer:innen betritt Florence Welch gleich dem Anblick einer keltischen Gottheit die Bühne und entfesselt eine Stimmgewalt, die ich so selten gehört habe. Meine Berührungspunkte mit der Musik von Florence and the Machine außerhalb von “Everybody Scream", von dem an diesem Abend nur eine handvoll Songs auf die Setlist verirren, beschränkt sich auf “Dog Days Are Over”, sodass ich große Teile des Konzerts mit musikalischen Erstkontakten verbringe, was der Show allerdings keinesfalls schadet. Welch hat ihr Publikum von Sekunde eins um den Finger gewickelt, und jede noch so kleine Geste wird mit fast schon ritueller Ekstase quittiert. 

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Christoph Eisenmenger

Nach knapp anderthalb Stunden entlässt uns die Band mit “Free” zurück in die Realität außerhalb der kollektiven Dissoziation von Florence and the Machine. Beflügelt von dieser Konzerterfahrung wiesele ich mich durch die trottende Menge in Richtung Mainstage aus deren Richtung ich bereits die Klänge von Twenty One Pilots vernehme, die ärgerlicherweise schon vor gut 20 Minuten ihr Set begonnen haben. Na gut, bei knapp zwei Metern Körpergröße ist “wieseln” vielleicht das falsche Prädikat, stellt euch das eher vor wie Manni in der Anfangsszene von “Ice Age”, nur mit deutlich besserer Laune. Auf halbem Weg zur Bühne inspiriert mich dann der anklingende Bass von “Jumpsuit” sogar zu einem kurzen Lauf, was ich angesichts der noch immer relativ hohen Temperaturen sofort bereue. Auch ohne joggen finde ich kurze Zeit später noch einen guten Spot im hinteren Bereich der Bühne (vorne ist längst kein Durchkommen mehr), wo ich mir die letzte Hälfte des Konzerts ansehe. Twenty One Pilots sind das Paradebeispiel für eine Blockbuster-Band. Der Sound ist massiv, die Produktion übermenschlich, die Performance perfekt. Und auch wenn ich die Durchläufe der letzten Platte “The Breach” an einer Hand abzählen kann, bin ich sofort wieder gefangen in der dystopischen Welt der Band. Was passiert, wenn Tyler Joseph schreit, kann ich nur schwer in Worte fassen. Es ist einer dieser musikalischen Momente, der mir sofort in die Knochen fährt. Da kann auch der böseste Growl eines Black-Metal-Songs oder der heftigste Breakdown nicht mithalten. Gegen halb eins geht dann auch dieses letzte Konzert des Tages standesgemäß mit “Trees” und den dazugehörigen Trommeln zu Ende, und ich schleppe mich gerädert aber euphorisch zurück zu meinem Zelt.

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Julia Schwendner

Sonntag

Auch am nächsten Tag werde ich wieder unsanft von der sich anbahnenden Sauna in meinem Zelt geweckt und flüchte schnellstmöglich an die noch relativ frische Luft außerhalb. Der musikalische Gewaltmarsch des letzten Tages sitzt mir noch in den Knochen, was es mir nicht unbedingt leichter macht, mich schon wieder bereits um 12 Uhr aufzuraffen, um die Show von Ecca Vandal zu sehen. Wie so oft erweist sich die Musik aber als mehr als würdige Kompensation für das Verlassen des schattigen Pavillons. Ecca Vandal, die an diesem Tag nur mit ihrem Drummer unterwegs ist, bringt bereits zu früher Stunde das Charisma einer altgedienten Ausnahmekünstlerin mit. Die Australierin nimmt beinahe die komplette Mainstage in Beschlag, durchbohrt das Publikum immer wieder mit anstachelnden Blicken und liefert einen Banger nach dem nächsten ab. Der Sonntag verspricht einen beinahe genauso spaßigen Start wie der Samstag. Ganz so vollgepackt ist er aber zum Glück nicht, weshalb es nach dieser Show nochmal kurz zurück in die Umarmung des Campingstuhls geht, bevor ein paar Stunden später die nächste Band auf dem Plan steht – und damit leider auch die erste Enttäuschung des Wochenendes. Denn The Beaches aus Toronto sind zwar sehr sympathisch, ihre Show allerdings leider sterbenslangweilig. Die Hoffnung, die tanzbaren Gitarrensongs der Band würden live nochmal ein bisschen mehr scheppern, löst sich schnell in Wohlgefallen auf. Glücklicherweise ist die nächste Station wieder eine Rockband aus Irland, der Turnaround ist also absehbar. Sprints führen mich zum zweiten Mal an diesem Wochenende ins Zelt, das an diesem Nachmittag leider etwas weniger gut gefüllt ist als bei Betterov. Die Leute, die es her geschafft haben, sind aber dafür umso motivierter, und so durchzuckt das Publikum mit jedem neuen Noise-Rock-Kracher der Band ein Ruck von Bewegungsdrang.

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Christian Hedel

Positiv überrascht hat mich an diesem Abend auch die Show der australischen Synthpop-Band Empire of the Sun. Deren Hit “We Are The People” verbinde ich zwar eher mit unangenehmen Lokalradios als mit Festivalbühnen, der Rest der Setlist überzeugt aber dann doch mit üppigem Live-Sound und sehr dynamischer Performance. Ein Ticket für eine Solo-Show würde ich mir zwar nicht unbedingt kaufen, aber auf einem Festival ist die Band auf jeden Fall einen Abstecher wert. Für den nächsten Act kann ich das leider nicht behaupten. Neugierig gemacht durch Natalys Beitrag zum Kreuzverhör vor einiger Zeit, wollte ich mir dann doch mal anschauen, wie eine Halsey-Show auf so einem dann doch eher rocklastigen Festival so ankommt. Womit ich nicht gerechnet hatte, war dass die Sängerin hier ein Corepop-Spektakel loslässt, das sich vor einer Bring Me The Horizon Show in Puncto Produktion nicht verstecken muss. Feuer, bis in die Unkenntlichkeit komprimierte “Metal”-Gitarren, Feuer, große Rockstargesten und noch mehr Feuer. Das war zwar irgendwie schon unterhaltsam, so wirklich berühren tut mich das aber überhaupt nicht, was wohl nicht zuletzt an Halseys überbordendem Pathos liegt und ihren Ansagen, die in Sachen Cheesyness nur vom auf dem Gelände verkauften Käsedöner übertroffen werden. Knapp eine Stunde nach dieser etwas surrealen Erfahrung wartet dann der krönende Abschluss des Festivals. Billy Talent feiern gemeinsam mit dem Hurricane nicht nur das 30-jährige Bestehen des Festivals, sondern auch das 20-jährige Jubiläum ihres Albums “Billy Talent II” (unumstritten das beste ihrer Diskografie). Und mit der ersten von Ian D’Sa angeschlagenen Gitarrensaite von “Devil In A Midnight Mass” bin ich plötzlich für 2 Stunden wieder 17 und schreie mir die Bronchien wund. Alle meine unerhörten Gebete in Sachen Setlist werden hier wieder wettgemacht. Billy Talent spielen das zweite Album von vorne bis hinten, quasi ohne Unterbrechungen, und hängen noch ein 45-minütiges Best-Of inklusive “Rusted From The Rain”, “Try Honesty” und sowieso ALLEN Hits der Bandgeschichte hinten dran. Meine Theorie, dass die Kanadier irgendwo im verschneiten Ontario eine Zeitmaschine gefunden haben, verhärtet sich auch dadurch, dass sie an diesem Abend so gut klingen, wie ich sie noch nie gehört habe. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass Billy Talent für mich nochmal ein Highlight eines ganzen Festivals sein könnten, aber Nostalgie macht's möglich…

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Anna Vis

Und so geht ein weiteres Jahr Hurricane Festival vorbei. Machen wir uns nichts vor, es ist und bleibt ein Major-Festival, aufgelegt von einem quasi-monopolistischen Großveranstalter und zu Preisen, die einem mancherorts auch eine Monatsmiete bescheren können. So ein Festival wird nie durch besonders liebevolle Gestaltung oder familiäre Atmosphäre auffallen. Dennoch zieht mich die schiere Menge an spannenden Künstler:innen doch Jahr für Jahr wieder nach Nordniedersachsen, und auch im 30sten Jahr hat bin ich froh, dabei gewesen zu sein.

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