Day 0
Ich komme schon einen Tag früher nach Nürnberg, um mich um alle Details rund um Presse zu kümmern. Das bedeutet: Akkreditierung abholen, im Pressezentrum vorbeischauen und, vielleicht sogar am wichtigsten, bei Burger King vorbeischauen und nach dem Rechten sehen. Wie soll ich denn die Kamera halten, wenn ich ganz schwach vor Hunger bin?
Ich habe den Luxus einer Übernachtungsmöglichkeit in Nürnberg, also kann ich Suchen, Finden und Arbeit rund um Camping getrost den anderen Musikfans überlassen.
Tag 1 beginnt mit Nieselregen und einem geschäftigen Brummen in der PSD Arena.
Das Pressezentrum ist ausgestattet mit Snacks, einem Blick auf die Mandora Stage und geballter (An)Spannung vom versammelten Medienzirkus.
Was mir sofort auffällt, ist eine Ziehharmonika an Listen, um die sich meine Kolleg:innen schon morgens mit Stirnrunzeln scharren. Diese magischen Listen werden für die kommenden drei Tage das Ja und Amen meiner fotografischen Kirche sein. Denn sie sagen uns, wer welche Acts fotografieren darf – und wem der Fotograben verwehrt bleibt.
Wir beginnen den Tag direkt mit einer schlechten Nachricht: Bad Omens erlaubt weder Fotos noch Video. So viel zu meiner Angeberei, eine meiner liebsten Bands fotografieren zu dürfen.
Das wird nicht das erste Mal dieses Wochenende sein.
Mein erster Act des Tages ist Bilmuri – und zugleich ist das meine erste Begegnung mit einem meiner neusten Erzfeinde: der Mandora-Stage. Mit meinen stolzen 1,63m (zumindest laut Personalausweis) werde ich vom überhohen Bühnenrand geschluckt. Zum Glück tänzeln Gabi Rose und Hog-Leader Johnny Franck direkt am Rand entlang, sodass ich problemlos Fotos machen kann. Das wird nicht immer der Fall sein.
Was kann man zu Bilmuri sagen, was Franck nicht selbst schon gesagt hat? Die Ohioten sind gute Laune pur; endalbern und völlig vereinnahmt von Online-Brainrot. Es ist immer wieder eine gute Zeit.
Weiter geht es mit Three Days Grace. Wer im Internet der frühen 2000er groß geworden ist und sich in den Anfängen von YouTube verloren hat, kennt mindestens „I Hate Everything About You“; im schlimmsten oder besten Fall hat man sogar das eine oder andere AMV zu diesem Lied gesehen oder sogar selbst geschnitten. Zum Schutz aller nicht-Eingeweihten werde ich das nicht weiter ausführen.
Three Days Grace versprühen die Aura einer alteingesessenen, und doch nicht eintönigen Legacy-Band. Lieder, die sie sicher schon tausende Male performt haben, werden auch heute noch mit derselben Inbrunst geschmettert wie am ersten Tag.
Sänger Matt Walst wirkt verloren in der Musik; mehr als einmal erscheint auf meinen Fotos ein derart tief getroffener Ausdruck auf seinem Gesicht, dass ich fast schon besorgt bin. Da fühlt jemand die Musik sehr intensiv.
Vielleicht ist ihm in dem Moment aber auch eingefallen, dass er den Herd angelassen hat. Die Gedanken von Rockstars sind bekanntermaßen unergründlich.
Das exakte Konterprogramm liefern Electric Callboy. Wenn man, so wie ich, völlig unvorbereitet und ohne je ein Lied der Band gehört zu haben, an diesem Tag Richtung Utopia Stage wandert, darf man sich auf mehr als eine Überraschung gefasst machen. Der Hinweis, man soll „wegen den Flammenwerfern“ nicht zu weit nach vorne gehen, wurde angenommen und in vollstem Verantwortungsbewusstsein umgesetzt.
Electric Callboy sind eine Konzertband par excellence. Die zwei Frontmänner, blonde Sunnyboys, die weniger wie Musikstars und mehr wie Justusse von der BWL-Uni auschauen, springen wie Flummis und mit ausstrahlender Freude über die Bühne. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, die Musik von Electric Callboy in meiner Freizeit zu hören, doch wer behauptet, live nicht dazu völlig zu eskalieren, ist ein:e Lügner:in.
Auf der Mandora Stage wird mein „bad omen“ von zuvor zu unglücklicher Realität. Ice Nine Kills legen, wie für sie bekannt, eine sagenhaft-dramatische Show hin. Es ist nicht üblich, dass ein Konzert einen Bodycount hat, aber was an Ice Nine Kills ist schon üblich? Dummerweise sehe ich davon nur einen Streifen, weil die Bühne so hoch ist.
Andererseits hat es sicher zum konfusen Grusel beigetragen, dass – für mich unvermittelt – Sänger Spencer Charnas plötzlich in einem verdreckten Kittel und Plastikmesser am Bühnenrand erscheint. Wie das passiert ist, muss ich mir zusammenreimen. Vielleicht war er ja gerade am Kochen.
Die Orbit ist Rock im Parks einzige Indoor-Stage und bietet der englischen Rockband Basement heute eine Bühne. Basement eröffnen ihr Set mit viel Energie; unprätentiös und geradezu desinteressiert. Obwohl die Band seit mehr als 15 Jahren die internationalen Bühnen unsicher macht, haben sie sich ihren unverdorbenen, authentischen Spirit behalten. Unabhängig von Talent gehen sie auf der Bühne ab wie Newcomer, die noch was zu beweisen haben, doch so eingeübt und tight wie die alteingesessenen Profis, die sie sind. Wie auch bei Three Days Grace und Electric Callboy zuvor, sind Basement das unbewusste Kontraprogramm zu Bad Omens, die für mich den Abend beenden.
Kurz bevor Bad Omens die Bühne betritt, gibt es eine Überraschung: der erste Headliner für die Edition 2027. Das Ankündigungsvideo macht es ganz schön spannend, und die Nachricht ist die Dramatik in der Tat wert. Pop-Punk Urgesteine Blink-182 beehren 2027 das Zeppelinfeld.
Da wir Medien für Bad Omens ausgeschlossen wurden, schaue ich die Show vom Fenster des Pressezentrums aus. Die Show ist nahezu identisch zur Headliner-Tour, der ich im Dezember 2025, ebenfalls hier in Nürnberg, beigewohnt bin. Wie auch Basement ist auf der Bühne bei Bad Omens alles tight, doch hier spricht das eher von Kontrolle als von Zwangslosigkeit. Als Bad Omens-Fan wird man mich wahrscheinlich selten etwas Negatives zu Musik und Show sagen hören, doch für mich fühlt sich die Mandora Stage (da ist er wieder, mein Nemesis) nicht wie die richtige Umgebung für das gleißend-blitzende weiße und rote Licht der Bühnenshow an. Es fühlt sich an, als würde Noah Sebastian inmitten von einem Fotoblitzlichtgewitter stehen; sehr ironisch. Aber vielleicht ist das auch so gewollt.