Wer Anfang 2000 halbwegs luzide und auf MySpace unterwegs war, kennt diese Band: Hawthorne Heights. Unsere Freunde aus Dayton, Ohio waren zuletzt 2018 vor Ort; umso größer war die Freude in der Szene, sie wiederzusehen. Zur Unterstützung hatten sie Youth Fountain aus Kanada und Regional-Favoriten Lonely Spring dabei.
Das Noise & Needles in München ist ein Spillover des bereits am Tag zuvor in Köln stattfindenden Festivals. Während die Kölner:innen sich über einen ganzen Tag voller Konzerte und eine Artists' Alley freuen durften, wurde das Festival in München in einem gekürzten Rahmen präsentiert. Es ist kein Geheimnis, dass sich die Stadt München gerne mal schwer tut, wenn es um Kultur und Szene geht – erst Anfang des Jahres hat der Stadtrat das Kulturbudget um 15,4 Mio. Euro gekürzt – es ist also gut zu wissen, dass unsere Freund:innen aus Köln in diesen schweren Zeiten an uns denken.
Lonely Spring
Der Abend beginnt stark mit der Passauer Emo-Band Lonely Spring. Obwohl der Headliner erst um kurz vor 10 spielt, ist die Halle bereits gut gefüllt. Der Wunsch nach Szene ist sichtlich da.
Zuletzt habe ich Lonely Spring im Sommer 2025 im Backstage bei Free & Easy spielen sehen. Was mir auffällt: Beim kostenlosen Festival war das Backstage brechend voll, auch mit jungen Fans. Man könnte meinen, Leute schauen sich alles an, solange es nur kostenlos ist, doch wir wissen, dass das nicht stimmt. Ein kostenloses oder besonders kostengünstiges Angebot erlaubt es sowohl weniger gut betuchten Menschen, als auch Kindern und Jugendlichen, an Kultur teilzuhaben. Die Ticketpreise sind an dem Abend moderat; drei Konzerte kosten um die 45 Euro. Ein guter Preis, vor allem wenn ich bedenke, dass ich schon lange keine halbwegs bekannte Band mehr unter der 50 Euro-Marke gesehen habe. Das ist für Kids und Teenies – beziehungsweise ihre Eltern – dann wahrscheinlich aber doch zu viel. Auch hier könnte eine Stadt unterstützend eingreifen.
Youth Fountain
Das Emo-Hardcore-Projekt aus Kanada fügt sich wunderbar in das Abendprogramm ein. Youth Fountain verkörpert den DIY-Geist des Festivals und des Abends bestens. Wenn man an riesige Shows gewöhnt ist, kann es fast schon desorientierend sein, eine solche emotionale wie räumliche Nähe zu den Künstler:innen zu haben.
Auch das macht das Noise & Needles besonders: die Kooperation mit dem Feierwerk.
Das Feierwerk ist in jedem Sinne eine Location, die tief in München verwurzelt ist, und diese Wurzeln durch die gesamte Szene windet. Über Konzerte in den Räumlichkeiten hinaus, bietet das Feierwerk einen Radiosender, Stipendien und Workshops für lokale und regionale Musiker:innen, sowie Plug & Play-Proberäume, die für wenig Geld gemietet werden können. Locations wie das Zenith ziehen die ganz Großen an, doch das Feierwerk ist ein unabdingbarer Grundpfeiler der Münchener Musikszene.
Hawthorne Heights
In Zeiten von KI und der emotionalen Entfernung voneinander durch die sozialen und öffentlichen Medien, sind Begegnungen wie diese, in einem geschützten Raum, bei einem Konzert, wichtiger denn je – diese Worte richtet Hawthorne Heights-Sänger JT Woodruff an die Meute. Er spricht damit Gefühle an, die sicher jede:r in der Crowd in einer Form versteht: die Überschwemmung von KI-Inhalten, die Entmenschlichung der sozialen Medien, das Gefühl, dass wir als Menschheit so zerstritten sind, dass man kein Gespräch ohne Konflikt führen kann. Seit Covid fühlt es sich an, als konnte man nie wieder einen vollen Atemzug nehmen; etwas fehlt immer. Umso schöner ist dieser Moment, in dem wir alle gemeinsam lauschen.
Woodruff hat in jedem Sinne recht: Konzerte wie diese sind nicht nur Unterhaltung. Sie sind Räume für Begegnungen und Menschen, die in mancher Art gleichgesinnt, und doch in anderen Disziplinen ungleich sind.
Ich schaue mich um und sehe Menschen aller Altersklassen im Gespräch miteinander. Mir wird von zig Leuten angeboten, in die erste Reihe zu gehen, damit ich besser fotografieren kann, obwohl sie früher da waren als ich. Wenn ich mich durch die Masse drängele, ernte ich Lächeln. Hier in der Kranhalle wirkt die Welt in Ordnung.
Ich kreisch-singe "I Am On Your Side" mit; ein Lied, das seit seiner Veröffentlichung 2006 nie meine Playlist verlassen hat. Die Welt hat sich in den letzten 20 Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert, doch eins ändert sich nie: die Liebe zu Musik.
Fazit
Meine große Hoffnung ist, dass Noise & Needles in den kommenden Jahren im vollen Umfang in München stattfindet. Die Szene braucht euch und wir in der Szene brauchen einander.