Der Schlachthof in Wiesbaden meldete bereits vor einigen Wochen AUSVERKAUFT! WIZO machen auf ihrer "WIZO bringt das Licht!"-Tour in der hessischen Landeshauptstadt Halt und wenn diese Möglichkeit dann auch noch auf einen Samstag fällt, lassen wir uns nicht zwei Mal bitten. Bereits der Einlass in den Schlachthof läuft etwa 40 Minuten vor Showbeginn noch völlig unkompliziert ab, sodass wir überpünktlich in der Halle stehen und die kurze Wartezeit bis hin zu Montreal wie im Flug vergeht.
Es wird ein erstes Mal richtig laut im Schlachthof, als die drei Musiker von WIZO auf die Bühne kommen, um den Supportact anzukündigen: "Macht mal jetzt sämtlichen Lärm, den eure Körper im Stande sind von sich zu geben. Trampelt! Schreit! Brüllt" - ganz so euphorisch fällt das Ganze dann zwar auch nicht aus, doch mir gefällt vor allem die darauf folgende Setlist von Montreal heute Abend richtig gut. "Primadonna und Primat" oder "Idioten der Saison" zu Beginn, das unausweichliche "Katharine, Katharine" im Mittelteil und "Tag zur Nacht" zum Abschluss. Als ich die mir unbekannte Person neben mir frage, warum sie denn eigentlich die ganze Zeit über mich schmunzelt, unterstellt sie mir lachend "ungewöhnliche Textsicherheit". Danke dafür an dieser Stelle!
WIZO
WIZO selbst setzen nach kurzer Umbaupause auf ein Intro und feuern anschließend erst einmal ein paar der ganz großen Nummern raus, um den Schlachthof auf Temperatur zu bringen (als ob das noch nötig gewesen wäre). Dass Songs wie "Raum der Zeit" direkt zu Beginn das gesamte Publikum einmal durcheinander wirbeln, kommt mir heute insofern zu Gute, dass ich zwischen dem Mittelfeld der Halle und der zweiten Reihe hin und her wechseln kann, ohne dabei großartig anderen Leuten auf die Nerven zu gehen. Sanitäranlagen, Theke, meine eigenen Leute, die erste Reihe: Alles nur einen kurzen Tanz voneinander entfernt! Die Bewegung innerhalb des Publikums zieht immer größere Kreise, sodass ich mich immer mal wieder bei anderen Leuten und in anderen Ecken der Halle wiederfinde. Positiv dabei anzumerken: Wirklich überall nimmt jede*r Rücksicht auf jegliche Personen im Umfeld, nicht in einem Moment kommt mir der ausverkaufte Schlachthof zu voll oder im Verhalten daneben vor.
Eine Show von WIZO auf der aktuellen Tour, ich habe die Band immerhin zuletzt im Jahr 2011 auf dem Serengeti Festival gesehen, hat bei über 20 Songs einfach unfassbar viel zu bieten: Neben dem eigenen Sportprogramm gibt es aufblasbare Atompilze, Luftballons, Pyrotechnik und drei Musiker, die dem Publikum in Sachen Bewegung heute in nichts nachstehen. WIZO mischen immer wieder "neuere" Songs vom aktuellsten Album "Nichts wird wieder gut" (2023) oder auch die aktuellste Single "Rakäthe bringt das Licht" (2025) unter die Klassiker wie zum Beispiel "Kopfschuss" oder "Quadrat im Kreis". Bevor "Die letzte Sau" als dritte Zugabe den Abend langsam beschließt, möchte ich im Nachgang auf die wohl wichtigsten Worte von Axel an diesem Abend zum Thema Mental Health und Depressionen eingehen:
"Das ist ein Thema, das hatten wir ach so coolen Punker damals in den 90er-Jahren nämlich Null Komma Null auf dem Schirm. Wir hatten kein Vokabular dafür, wir konnten es nicht besprechen, es war uncool, es war Tabu, es war mit Scham behaftet. Und das war eine große Katastrophe (...). Dann hatten wir keine besseren Tipps als zu sagen "Sauf doch mal gescheit dann wirds schon wieder!" Und diese Drecksmentalität, die hat uns sehr sehr viele wichtige, tolle, sensible Menschen gekostet (...). Und jeder einzelne Mensch davon ist eine fürchterliche Katastrophe. Denn man muss über das scheiß Thema Depressionen reden. Man muss es befreien von Scham und von Tabu. Das hab ich alter Kacker erst gelernt in den letzen 15, 20 Jahren von der jüngeren Generation (...)
"Der Axel von WIZO hat gesagt: "Wenn ihr scheiß Depressionen habt, lasst euch helfen." Mir haben mittlerweile auch viele Leute erzählt, dass sie durch diese Ansage erst kapiert haben, was mit ihnen los war, als sie damals heranwachsende Menschen waren (...). Wir wollen euch alle gerne wieder wohlbehalten und am Leben hier wieder begrüßen können, wenn wir das nächste Mal kommen (...). Bitte fühlt euch nicht zu sicher, auch wenn ihr das Thema auf dem Schirm habt (...). Da ist es kein Wunder, wenn gerade wir Menschen hier in der Subkultur, denen ich persönlich immer eine etwas zartere Seele, im besten Sinne übrigens, attestiere (...) Wir sind emphatischer, wir sind sensibler und wir sind deswegen auch natürlich anfälliger (...). Bitte seid euch gegenseitig gute Freund*innen, gute Kumpels und Kumpelinen, bitte nehmt euch in den Arm wenn es euch scheiße geht oder tretet euch vielleicht auch einfach mal in den Hintern (...) Der Preis ist viel zu hoch".
Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Gruß aus der Halle nach Hause schicken. Ungeplant entstand eine Videoaufnahme einer Ansage, die ich gerne auch mit euch teilen möchte. Fazit zum Konzert? Ich habe alles an diesem Abend geliebt.