Kreuzverhör #61: American Footballs selbstbetiteltes Album
12.03.2026 | Dave Mante
Dave Mante
Alles braucht ein Magnum Opus, das zentrale Werk einer Richtung, eines Künstlers, einer Szene. Für das Genre des Midwest-Emo gibt es darauf nur eine Antwort, denn was für Goethe „Faust“ ist, ist für dieses Genre das erste Album der Band American Football, welches genauso heißt wie die Band selbst. Aber gut, so heißt jedes Album der Band, nur eben mit entsprechender Nummer dahinter. Anyway, zum Anlass, dass dieses Jahr nach sieben ganzen Jahren das vierte Album erscheint, und mit der Single „Bad Moons“ releasten sie außerdem einen ausgiebigen Song, welcher diverse Stilelemente der Band zeigt. Aber gehen wir 27 Jahre zurück ins Jahr 1999: Ich war drei Jahre alt und mit „Never Meant“ beginnt ein Album, welches damals wohl eine Musikrevolution für traurige Teenager bedeutete. Das anfängliche Gitarrenspiel ist dabei nicht nur sehr markant, sondern auch Dreh- und Angelpunkt diverser Midwest-Emo-Memes. Generell ist dieses Album sehr ruhig, ausgedehnt und beherbergt neben Trompeten und Ambient Sounds vor allem ruhigste, depressive Klänge inklusive der fast flüsternden und weinerlichen Stimme von Mike Kinsella. Das klingt jetzt alles so, als würde ich dieses Album supergut und toll finden. Naja, nein, nicht (mehr) so wirklich. Hear me out: Ich liebe das Genre und würde diesen Sound, diese Gitarren und alles als eines meiner Top-3-Genres betiteln, und ich messe diesem Album eine zentrale Verantwortung zu, dass es sich in meinem Kopf etabliert hat, traurige Musik gut zu finden. Jedoch ist es schnell zu hören, dass es sich hier um einen weit hinter sich gelassenen Startpunkt handelt. Viele der Songs fühlen sich zu langgezogen an, viele unausgereift, und auch die weinerliche Stimme ist heute nicht mehr Teil dieser Band, zum Glück. Bands wie Sunny Day Real Estate haben das damals schon um einiges besser gemacht, und in sämtlichen Richtungen, in welche das Genre gehen kann, finden sich Alternativen, die um einiges angenehmer zu hören sind. Egal ob Duster, Robo Pumpkin, Hot Mulligan oder Spanish Love Songs.
Ich mag die erste American Football immer noch ganz gern, aber alles, was danach von der Band erschien, und sehr viele andere Bands im Generellen haben diese Formel so viel weitergetrieben, dass diese Platte eigentlich nur noch dadurch lebt, dass jeder Midwest-Emo-Mensch sofort wieder anfängt, zu große Flanellhemden zu tragen, sobald die Person dieses Haus sieht.
Kai Weingärtner
Mein erster Eindruck, als ich mich für diesen Text durch "American Football" hörte war: "Was soll das hier?" Nicht, dass ich ästhetisch sofort irgendein Problem mit dem Album gehabt hätte, im Gegenteil, die sich langsam entfaltenden, etwas winselnden Gitarren sprechen mich durchaus an (dazu aber später mehr). Meine Frage bezieht sich eher auf die Absicht dieses Formats. Warum genau höre ich hier das selbstbetitelte Album einer DER Midwest Emo Bands, famously ein Genre der Gitarrenmusik, das in diesem Fanzine auf die ein oder andere Art und Weise durchaus immer mal wieder auftaucht, oder zumindest sehr eng verbandelt ist mit anderen Stilrichtungen, die wir hier regelmäßig besprechen. Was genau also macht dieses Album so anders, dass es sich als "außerhalb einer Komfortzone" betiteln lässt? Klar, es gibt hier und da schon ein paar entfernt jazzy anmutende Passagen, und in "Honestly?" schafft es sogar eine Trompete in den Mix, aber im großen und ganzen ist das hier dann doch "einfach" ein Gitarrenalbum. Apropos Gitarren, die sind auch mit Abstand das beste an "American Football" (um hier mal kurz den Rant-Mode anzuschmeißen: Den Bandnamen finde ich übrigens sau-kacke). Die Band kommt quasi ganz ohne Verzerrung und über weite Strecken auch ohne Gesang aus, was es den Hörenden erlaubt, sich völlig im kontemplativen Zusammenspiel aus Gitarren und Drums zu verlieren. Für den ganz großen Wow-Moment ist mir das dann doch alles ein kleines bisschen zu handzahm, es fehlen die großen Ausbrüche und kosmischen Momente, wie es sie bei Genre-Nachbar:innen wie Mogwai oder Slowdive des Öfteren zu hören gibt, aber als unterhaltsam geht das allemal durch. Ein kleiner Abturn passiert allerdings immer dann, wenn Mike Kinsella doch mal das Singen anfängt. Das klingt nämlich so, als hätte er einfach während der Aufnahmen an einem Ende des Raumes gestanden und etwas vor sich hingeseiert, das dann mehr oder weniger aus Versehen in der fertigen Aufnahme gelandet ist. Ich bin mir relativ sicher, dass das ein bewusster Stilgriff ist, es ist aber einer, der mich fürchterlich nervt. Nicht genug allerdings, um mich in eine negative Grundhaltung dem Album gegenüber zu versetzen. So richtig viel fühle ich da irgendwie nicht, weder in die eine, noch in die andere Richtung...
Frank Diedrichs
Wir schreiben das Jahr 1999. Eine amerikanische Band aus Urbana, Illinois – benannt nach dem US-amerikanischen Volkssport schlechthin – veröffentlicht ihr selbstbetiteltes Debütalbum: American Football von AMERICAN FOOTBALL. Die Öffentlichkeit nimmt davon kaum Notiz. Der Sound wird aber später stilbildend unter dem Label Midwest Emo geführt, das nächtlich beleuchtete Haus auf dem Cover zum ikonischen Bild einer ganzen Szene. Für mich blieb dieses Album bis vor wenigen Wochen ebenfalls unsichtbar – hätte Dave es nicht für unser Kreuzverhör in die Runde geworfen.
Vor Jahren hätte ich dieser Musik vermutlich keine Minute meines Lebens gewidmet. Sie wäre mir zu intelektuell erschienen, zu sehr Kunst: die gegenläufigen Gitarrenlinien, die komplexen rhythmischen Verschiebungen, das ständige Ineinandergreifen der Melodien. Auch kam der Midwest-Emo-Sound für mich schlicht zu spät. Mitte/Ende zwanzig beschäftigten mich eher Studienabschluss und Lebensplanung als das emotional aufgewühlte Terrain des Erwachsenwerdens. Überhaupt war ich musikalisch noch fest im Griff von Punk, Grunge und Alternative Rock.
Doch Zeiten ändern sich.
Immer häufiger finde ich mich heute bei Musik wieder, die mich über ihre Struktur zur Ruhe zwingt – Musik, die mir in einer Welt aus Arbeit, gesellschaftlichen Erwartungen und privatem Alltag hilft, den eigenen Fokus zu finden. In diese Kategorie fällt durchaus auch die Band AMERICAN FOOTBALL. Allerdings nicht unbedingt mit ihrem Debüt. Dabei will ich American Football keineswegs absprechen, ein gutes Album zu sein. Doch Songtitel wie „You Know I Should Be Leaving Soon“ oder „I'll See You When We're Both Not So Emotional“ wirken für mich wie Momentaufnahmen eines Lebensabschnitts, der mir heute durch die zeitliche Distanz fremd geworden ist. Sie kreisen um ein emotionales Vokabular, das eher dem unsicheren Übergang ins Erwachsenwerden gehört als meiner aktuellen Lebensrealität.
Was mich hingegen tief berührt und zugleich beruhigt hat, ist der Sound des lange unerwarteten Nachfolgers: American Football (LP2). Ein Album, mit dem wohl kaum noch jemand gerechnet hatte. Vielleicht liegt es daran, dass die Band diese Platte in ihren Vierzigern schrieb – und damit näher an meiner eigenen Lebensphase ist. Vielleicht auch an Songtiteln wie „Where Are We Now?“, „I've Been So Lost For So Long“ oder „Home Is Where the Haunt Is“, deren Texte und ruhigere Melodien stärker vom Zustand des Erwachsenseins erzählen.
So bleibt für mich eine paradoxe Erkenntnis: American Football ist zweifellos ein bedeutendes Album – eines, das einen Sound geprägt hat. Nachhaltig geblieben ist für mich jedoch vor allem American Football (LP2). Nur leider ging es in diesem Kreuzverhör ja gar nicht um dieses Album.
Dave Mante
Aufgewachsen zwischen Rosenstolz und den Beatles hört sich Dave mittlerweile durch die halbe Musikwelt, egal ob brettharter Hardcore, rotziger Deutschpunk, emotionaler Indie oder ungewöhnlicher Hip Hop, irgendwas findet sich immer in seinen Playlisten. Nebenbei studiert er Kunstgeschichte, schlägt sich die Nächte als Barkeeper um die Ohren oder verflucht Lightroom, wenn er das gerade fotografierte Konzert aufarbeitet.