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Kolumne

Cave Peractorum VIII: Opus und "Live Is Life"

15.01.2026 | Frank Diedrichs

Eine Jugendfahrt nach Berlin, Grenzkontrollen, Gastfamilien und Fußball. Auf der Rückfahrt läuft "Live Is Life" von Opus in Dauerschleife. Ein Song, der sich mit einer sehr konkreten Erinnerung aus den Achtzigern verbindet. Wieder einmal führt diese Kolumne in Erinnerungen an die eigene Kindheit, in die Zeit zweier deutscher Staaten und in rückblickend sehr prägende Momente.
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Frank Diedrichs/privat

Im November 1984 veröffentlichte die österreichische Band Opus einen Song, der bis heute als klassisches One-Hit-Wonder gilt: Live Is Life. Ein Lied, das eine Band unsterblich macht – und zugleich alles andere überstrahlt. In Österreich hatte Opus durchaus weitere Erfolge, etwa mit dem Album Up and Down. International jedoch, und auch in Deutschland, blieb vor allem dieser eine Refrain hängen.

1985 war für mich ein besonderes Jahr. Ich wurde zwölf – und fuhr mit meiner D-Jugendmannschaft des VfL Weiße Elf Nordhorn ein letztes Mal nach Berlin. Unser Verein pflegte eine Freundschaft mit dem FC Berlin-Brandenburg 09, einem Klub im damaligen Westteil der Stadt. Über Ostern ging es los: zwei Bullis, vollgepackt mit Taschen, Fußballschuhen und einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Ziel: Berlin. Dazwischen: die innerdeutsche Grenze, meist Helmstedt-Marienborn, und die Transitstrecke durch die DDR.

Für uns Zehn-, Elf-, Zwölfjährige war das ein echtes Abenteuer. Schon die Fahrt hatte etwas Feierliches, fast Bedrohliches. An der Grenze wurde es still im Bus. Besonders angespannt war es, weil wir Mitspieler hatten, die einen türkischen Pass besaßen. Niemand wusste je genau, welches Dokument diesmal verlangt würde: Familienpass – den es damals noch gab – oder ein separates Ausweispapier. Fast jedes Mal standen wir ein bis zwei Stunden herum, weil die Grenzbeamten beschlossen hatten, heute eben genau dieses eine Dokument sehen zu wollen. Rückblickend absurd – damals einfach beängstigend.

©
Frank Diedrichs/privat

In Berlin angekommen, wurden wir auf Gastfamilien verteilt. In der Stadt selbst war von der Teilung für uns nichts spürbar. Wir waren Kinder, wir waren wegen des Fußballs da. Berlin war für uns kein politischer Ort, sondern ein Ort voller Eindrücke, die mit Mauer und System nichts zu tun hatten. Das Leben in Gastfamilien war für mich jedes Mal aufregend. Meine erste Berliner Gastfamilie lebte in einem Altbau, wie man ihn heute kaum noch kennt: hohe Decken, freiliegende Rohre unter der Decke, keine Renovierung, Toiletten im Treppenhaus, die man sich teilte. Ich kannte so etwas nicht. Wir wohnten über der Kneipe meiner Oma, ordentlich, vertraut. Das hier war anders – aber keineswegs negativ. Im Gegenteil: Ich fühlte mich erstaunlich wohl. Es war eine andere Art zu leben, die mir einfach begegnete, ohne bewertet zu werden.

Ein Jahr später wurde es dann etwas… spezieller. Es gab zu wenige Gastfamilien, also wurden ein Mitspieler und ich bei einem alleinstehenden Betreuer untergebracht. Zweizimmerwohnung, Küche, Bad, Hauptverkehrsstraße mitten in Berlin. Heute würde man so etwas wohl nicht mehr machen, aus welchen Ängsten heraus auch immer. Mit dem Abstand von vierzig Jahren wirkt es leicht spooky. Damals fühlte es sich trotzdem sicher an. Es wurde sich gekümmert. Wir wurden zu Spielen gefahren, es gab ein Rahmenprogramm: Turniere, Ausflüge, sogar ein Besuch im Olympiastadion. Für uns war das riesig.

Im letzten Jahr schließlich – und hier schließt sich der Kreis zu Live Is Life – war ich bei einem Jungen und seinem Vater untergebracht. Der Vater war Hausmeister einer Schule und lebte mit seinem Sohn in der Hausmeisterwohnung. Das war Freiheit pur. Abends um neun noch in die Sporthalle, kicken bis zehn, halb elf. Und dort machte ich mit elf Jahren meine erste – und vielleicht einzige – frühe Fahrerfahrung. Der Junge schnappte sich den Autoschlüssel seines Vaters, zeigte mir selbstbewusst, was er schon konnte, und fragte dann, ob ich nicht auch mal wolle. Ich setzte mich ans Steuer, verstand nichts vom Schalten, fuhr im ersten Gang los, knapp an einem massiven Betonklotz vorbei. Nach dreißig Metern ging der Motor aus. Ende der Fahrt. Vielleicht erklärt das, warum ich meinen Führerschein erst mit 29 gemacht habe. Vielleicht auch nicht.

Unvergessen bleibt aber diese letzte Rückfahrt. 1985, zwei Bullis, Fenster offen. Einer der Betreuer hatte eine Kassette dabei. Live Is Life lief – immer und immer wieder. Und wir sangen mit. Laut. Unbedarft. Zum ersten Mal mit einem Gefühl von Aufmüpfigkeit, von Rebellion, ohne genau zu wissen, wogegen eigentlich. Erst viel später, als mein Englisch besser wurde und ich mich mit dem Text beschäftigte, verstand ich, worum es in diesem Song wirklich geht: um das Jetzt. Um Gemeinschaft. Um Leben, das gelebt werden will – im Stadion, im Verein, in der Familie. Live is life. Leben ist jetzt.

Und vielleicht haben wir genau das damals gespürt, ohne es benennen zu können. In diesem Bulli, auf der Transitstrecke durch die DDR, kurz vor der Grenze, irgendwo zwischen Kindheit und Aufbruch. Für mich war es ein grandioser Moment. Meine letzte Fahrt nach Berlin mit dem Fußballverein. Eine Erinnerung, die geblieben ist. Und deshalb ist dieses Lied für mich bis heute mehr als ein One-Hit-Wonder. Völlig egal, was danach kam.

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Frank Diedrichs/Plattensprung/privat

Frank Diedrichs

Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.

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