Cave Peractorum VI: Neil Young & Crazy Horses und "Weld"
31.07.2025 | Frank Diedrichs

WELD ist eines der wenigen Live-Alben, welches bei mir regelmäßig gespielt wird. Ich liebe die Kraft der Gitarren, die teils zerbrechliche, teils trotzige Stimme Neil Youngs, das Gitarrengewitter in den Songs und das Zusammenspiel mit Crazy Horse. Crazy Horse sind mehr als nur eine Begleitband, aber ähnlich wie The Sleeping Souls mit Frank Turner, sind diese gemeinsamen Alben irgendwie am stärksten.
WELD erschien als Live-Compilation am 23. Oktober 1991. Das Album RAGGED GLORY erschien ein Jahr zuvor. Die anschließende Tour spiegelt die ganze Kraft und Energie wider, die zwischen Neil Young und Crazy Horse in dieser Phase Bestand hatte. Auf dieser Tour entstanden die Aufnahmen, die später in WELD mündeten. Aufgenommen wurde im Capitol Centre in Landover, in der Civic Arena in Pittsburgh, im Buffalo Memorial Auditorium und in der Los Angeles Memorial Sports Arena. Neben der Veröffentlichung als CD und Vinyl, entstand aus den Aufnahmen auch ein Konzertfilm. Neben Songs von RAGGED GLORY (Love To Burn, Farmer John oder Mansion On The Hill) finden sich auch Songs aus früheren Phasen wieder (Cinnamon Girl oder Cortez The Killer).
It's better to burn out, then to fade away!
Der Opener Hey Hey, My My (Into The Black) ist bereits eine Offenbarung. Es war das Intro dieses Songs, welches mich damals gepackt hat. Es mag irgendwann Ende der 2000er gewesen sein, als ich eine Biografie über Nirvana las. Dabei stieß ich nach langem Vergessen erstmalig wieder auf die Zeile des Abschiedsbriefes Kurt Cobains: „It’s better to burn out, then to fade away“, eine Zeile, die mich bis heute fasziniert. Wenn ich mir jemals ein Tattoo stechen lassen würde, dann diese Zeilen. Ich fand heraus, dass sie aus dem Song My My, Hey Hey (Out Of The Blue) Neil Youngs stammt. Kurt Cobain muss diese Liveaufnahme, zumindest aber RUST NEVER SLEEPS gekannt haben. Neil Young war mir ein Begriff; aber eher seine ganz frühen Werke HARVEST und AFTER THE GOLDRUSH. Beim Stöbern im Netz stieß ich bei einem Videoportal auf ein Video zu Hey Hey, My My (Into The Black), in diese Zeile eingebaut wurde. In diesem Video offenbarte sich mir aber eine völlig unbekannte und sehr ungläubige Seite des Kanadiers. Die Gitarren von Frank Sampedro und Neil Young waren so stark verzehrt und voller Feedback, dass sie überdreht wirkten, der Bass Billy Talbots legte einen pulsierenden Teppich darunter und Ralph Molinas Drums bestimmten das Tempo und die Intensität. Die Menschen im Publikum waren aber der größte WOW-Effekt, die zwischen Ekstase und Verzückung, Gedankenverlorenheit und purer Freude, die Musik feierten. Selten hat mich ein Musikvideo so abgeholt wies dieses. Ich weiß nicht wie viele zig Male ich es geschaut, gelebt und gefühlt habe. Ich habe mich an den Menschen erfreut, war fast schon neidisch, dass sie diesen Augenblick erleben durften. Ich fand heraus, dass Hey Hey, My My (Into The Black) Teil eines Live-Albums war und machte mich auf die Suche, wie ich in den Besitz dieses Werkes kommen könnte, denn auch ein oder zwei andere Songs konnten im Stream gehört werden. Höchstwahrscheinlich war es eine Versteigerungsplattform, auf der ich schließlich die Doppel-CD gekauft habe. Als ich diese erstmalig hörte, traf mich erneut ein Song mit einer Wucht, wie ich sie von Live-Aufnahmen nicht kannte. Neil Young & Crazy Horses covern Blowin‘ In The Wind von Bob Dylan. Diese als „Gulf War“ bekannte Version des Songs greift soundtechnisch den 1991 aktuell vorherrschenden Golfkrieg auf und die Band erschafft mit ihren Instrumenten eine bedrohliche Kriegskulisse, die in den Anti-Kriegs-Song Dylans übergeht.
Letztlich kann das ganze Live-Album durchaus als politisches und soziales Statement Youngs in dieser Zeit gesehen werden. Jeder Song, egal ob vom aktuellen Album RAGGED Glory oder von früheren werken wie ZUMA, greift auf. Powderfinger greift mit seiner Kritik an das Kämpfen der Jugend und ihrer Desillusionierung auf die vorherrschende Golfkriegsthematik zurück und Cortez The Killer erinnert an historische Gewalt, während Crime In The City, Welfare Mothers oder auch Love To Burn moralisches und soziales Scheitern thematisieren. Die Anti-Hymne Rockin‘ In The Free World entlarvt letztlich nur die damals wie heute vorherrschende westliche Heuchelei. Aber auch versöhnliche Töne werden angeschlagen. Love And Only Love bedarf keiner weiteren Erklärung.
Das Album ist geprägt von wütenden Gitarren, die brüllen, kreischen, sich im Feedback verlieren und sich in schieren endlosen, unberechenbaren Soli aus den Songstrukturen herauswinden und in unfassbarer Energie explodieren. An den Aufnahmen wurden keine Nachbearbeitungen vorgenommen, sodass die Songs roh und unperfekt klingen. Aber die Gitarren finden immer wieder in die Songs zurück, als Beispiel sei hier Like A Hurricane angeführt. Nicht nur die Gitarren überschlagen sich, auch der Gesang ist in den Tracks alles andere als clean. Youngs Stimme überschlägt sich, singt gequält, findet wieder zurück, wird im nächsten Augenblick wütend und verzweifelt. In Roll Another Number wirkt sie nur noch müde, melancholisch und nach all den Kämpfen in den fünfzehn vorherigen Songs irgendwie versöhnlich und aufrichtig.
Neil Young ist bekannt dafür, sich gegenüber politischen Missständen direkt und unverblümt zu äußern. Bei den Konzerten zur Ragged Glory-Tour haben er und Crazy Horses ihre Wut in die Songs kanalisiert. In einem Interview mit dem Rolling Stone im Anschluss an die Veröffentlichung, merkte Young an, dass sie die ganze Zeit mit Bildern vom Krieg konfrontiert wurden. Sie mussten ihre Lieder so wütend und chaotisch spielen, „wir konnten nicht rausgehen und einfach nur unterhalten“.
WELD, der Albumtitel, hat die Bedeutung „schweißen“ oder „Schweißnaht“. Es bedarf schon einer gewissen subjektiven Interpretation, um eine Verbindung zum Album, den Track und Neil Young zu knüpfen. Eine Annahme ist, dass die Schweißnaht dieser Tracks die Ideale der 60er, der Protest der 70er und die Wut der 90er zusammenhalten – Dekaden, in den Neil Young seine wichtigsten und aussagekräftigsten Songs bis dato geschrieben hat. Eine andere Interpretation sieht ein Verschweißen der Klassiker Youngs mit der Energie von Crazy Horse. Ich finde beide zutreffend.

Am Ende steht ein Album, welches ich auch nach Jahren immer wieder gerne höre. Es ist nicht einfach, nötigt mir Ausdauer und Konzentration ab, aber es entschädigt mit dieser gewaltigen und wütenden Klangkulisse jedes Mal.
Es ist ein Album, welches der Türöffner in die Welt Neil Youngs war. Ich entdeckte RAGGED GLORY und MIRRORBALL für mich, wagte mich an die eher skurrilen Alben der 80er heran, tauchte ab in seine CSNY-Ära, las mich durch diverse Biografien und versuchte mich an einzelnen Liedern auf der Gitarre. Rockin‘ In The Free World beherrsche ich in den Grundzügen bis heute, mit vermehrtem Üben würde es sogar ganz passabel klingen. Jahrelang habe ich versucht, das Album als Vinyl zu bekommen. Die 1991-Originalversion ist aber unbezahlbar. Umso erfreuter und überraschter war ich, als ich im Zuge des Verfassens dieses texte herausfand, dass 2024 WELD als 3-Fach-Vinyl neu aufgelegt wurde. Steht jetzt auf meiner Wunschliste.

Frank Diedrichs
Frank lebt seit über zwanzig Jahren in der Mitte Niedersachsens und unterrichtet Kinder und Jugendliche an einer Oberschule. Nach seiner musikalischen Erstprägung durch die Toten Hosen und Abstürzenden Brieftauben erweiterte er seine Hörgewohnheiten: Folkpunk, Singer-/Songwriter, Blues, Deutschpunk, US-/UK-Punk. Dabei kommt von Johnny Cash über The Beatles und Pascow bis hin zu Marvin Gaye eine Menge Vielfalt aus den Boxen, am liebsten als Vinyl.