Dieser Konzertabend ist in zweierlei Hinsicht eine Premiere für mich: Zum einen steht Tame Impala schon lange auf meiner Konzert-Wunschliste; als nervtötendes Indie-Kind lief "Currents" bei mir rund um 2015 natürlich rauf und runter. Und zum Anderen war dieser Abend in der Olympiahalle meine erste Arenashow als Fotografin.
So stehe ich an diesem Donnerstag mit meinen Mit-Fotograf:innen, umgeben von Security und der Kamera in der Hand im Fotopit der Location. Es ist immer ein ganz besonderes Gefühl, vom Pit aus ins Publikum zu schauen. Ich bin eine Plaudertasche, also gehe ich gerne zur Barrikade, rede mit den Fans, mache schon mal ein paar schnelle Schnappschüsse von freudig gezückten Handys und aufgeregten Gesichtern. Heute verschlägt mir der Blick ins Publikum die Sprache – und wer mich persönlich kennt, weiß, dass das ein halbes Wunder ist.
Ich blicke auf Reihen und Reihen an Sitzen, die schier bis zur Decke reichen und allesamt gefüllt sind. Von mehreren Seiten leuchten sich kleine Grüppchen mit der Handykamera zu. Es sind Momente wie diese, in denen man sich wundervoll winzig fühlt; klein, nicht im Sinne von unbedeutend, sondern in dem Sinne, dass man Teil von etwas Größerem ist. Das Konzert ist schon ein bisschen emotional, bevor es überhaupt angefangen hat.
Als Parker mit minimaler Verspätung die Bühne betritt, ist der Applaus ohrenbetäubend. Im Fotopit blickt man die ellipsenförmige Bühne hoch, und wird erst mal mit – fotografisch nutzlosem – atmosphärischem Licht beregnet. Die Band tritt ohne viel Fanfare auf; schließlich sind sie "nur" die für die Tour angeheuerten Musiker, Kevin Parker ist Tame Impala.
Ich bemühe mich um meine halbwegs ausgeleuchteten Shots und werde alsbald mit den anderen Fotograf:innen aus dem Pit und rauf auf die Tribüne gescheucht. Ich renne zu den Tönen von "Loser" zu meinem Platz, um das restliche Konzert als Besucherin zu bestaunen – und es gibt einiges zu bestaunen.
Parker und die Band lassen musikalisch nur wenig Luft an diesem Abend. Jeder Song wird von einem oft minutenlangen Interlude begleitet; wie auch das Licht, das die Olympiahalle unentwegt in Regenbogenfarben taucht.
Parkers fast 20 Jahre spannende Diskographie fasziniert alleine schon durch ihre Diversität; begonnen als Psychedelic Rock-Act hat sich Parker über seine Alben hinweg durch Genres und Instrumente probiert. Jemand, der seinen großen Hit "The Less I Know The Better" liebt, wird vielleicht von "Lost In Yesterday" schon wieder abgehängt. Obwohl manche Lieder aus der Tame Impala-Diskographie sicher als radiotauglich bezeichnet werden könnten – "Dracula" aus dem aktuellen Album stürmt gerade wieder, sicher auch mithilfe von TikTok, die internationalen Charts –, so würde ich einen großen Teil seiner Tracklist vage als "Geschmackssache" bezeichnen.
All das ist nicht unbedingt schlecht, aber die Schere zwischen Künstler, Publikum, Location und Sound zeigt eine gewisse Zerrissenheit; und das auf beiden Seiten. Bei den wenigen wirklich poppigen Songs springt und singt die Halle, bei den zahlreichen rein instrumentalen Interludes wird entweder gesessen oder gespannt das Handy gezückt, in der Hoffnung, dass gleich was spannendes passiert. Bevor er das Publikum verlieren kann, tost er einen Song wie "Eventually", und schon frisst man ihm wieder aus der Hand.
Falls Parker sich dieser musikalischen Schere bewusst ist, so scheint es ihn nicht zu stören. Er strahlt eine absolute Selbstsicherheit im Bezug auf sein Programm aus. Von Anfang an habe ich das Gefühl, dass eigentlich er den meisten Spaß an seiner Musik und seinem Auftritt hat.
Kevin Parker – der Mann, das Mysterium
In seinem Buch „Pop – Ein Panorama der Gegenwart“ schreibt Jens Balzer über die faszinierende Sado-Maso-ähnliche Dynamik zwischen Publikum und Pop- und Rockstars der frühen 2000ern. Darin beschreibt er das Gewähren und das Abwenden, das Geben und das Nehmen, das Unterwerfen und Unterworfen-Werden der zwei Parteien. Tame Impala spielt dieses Spiel heute Nacht per excellence.
Auf der Bühne gibt er sich gelassen, fast schon gelangweilt; nimmt großzügige Schlucke aus einem roten Solocup während den Interludes oder zündet sich eine Fluppe an. Gekleidet ist er, als habe ihn die Post an einem Samstag früh aus dem Bett geklingelt; die Haare hängen ihm halb schick, halb klebrig im Gesicht. Manchmal scheint es, als habe er uns völlig vergessen, ab und zu wirft er fast wie überrascht ein „make some noise!“ ins Publikum, ein kurioses Marco-Polo-Spiel mit mehr als 12.000 Fans.
Gleichzeitig fährt er sich unentwegt durch die Haare, kratzt nervös seinen Nacken. Er scheint nicht so ganz auf wissen, was er mit seinen Händen machen soll, wenn er nicht gerade ein Instrument in der Hand hält. Dennoch hängt das Publikum ihm an den Lippen, wartet gespannt und angespannt auf jede Krume zum Mitsingen und Mittanzen. Parker ist ein wahnsinnig cooler, uncooler Szenestar, den wahrscheinlich keiner von uns bemerken würde, wenn er in U-Bahn neben uns sitzt.
Musikalisch wie technisch ist das Konzert top; sicher ist das eine der schönsten Lightshows, die ich außerhalb eines Prog-Rock Konzertes je gesehen habe. Insgesamt beglückt uns Tame Impala an diesem Abend mit mehr als 20 Songs inklusive Zugabe. Mir geht im zweiten Drittel die Puste aus, auch wegen dem emotionalen Hin und Her.
Vor der Zugabe regnet es Komplimente vom Künstler („you guys look beautiful, you know that?”) und er greift sich in die Hosentasche und wirft den Inhalt Richtung Publikum. Ich nehme an, er verteilt da mit Plektren, aber ich finde es lustiger mir vorzustellen, dass er die paar Cent, die er zufällig in der Tasche hatte, geworfen hat.
Ich verlasse die Olympiahalle zufrieden und gleichzeitig ein bisschen verdutzt. Diese Zerrissenheit hat sich in jedem Sinne durch den Abend, und, wenn ich ehrlich bin, auf durch „Deadbeat“ gezogen. Wer oder was ist Tame Impala eigentlich? Wenn ich ihn empfehlen müsste, welche Worte würde ich nutzen? Welches Genre?
In einer Zeit, in der die Welt des Marketings alles in kleine, fein säuberlich gelabelte Schubladen stecken will, ist Parker als Künstler und seine Diskographie, vor allem im Format eines Konzerts, ein dickes Fragezeichen. Ich frage mich, ob die Olympiahalle heute so gut gefüllt wäre, wären nicht 2 Songs kürzlich auf TikTok viral gegangen; unter anderem ein Remix mit K-Pop Sternchen JENNIE. Das ist keine Kritik an den „blöden Leuten von TikTok“ sondern eine ganz ernste Frage: Für wen ist die Musik von Tame Impala eigentlich gemacht? Und ist das überhaupt eine wertvolle Frage außerhalb der Welt von SEO?