Und plötzlich war der Zauber wieder vorbei.
Tag 3, Sonntag, sollte der krönende Abschluss für die diesjährige Edition von Rock im Park werden. Das Tages-Lineup kann sich sehen lassen: Papa Roach, Bush, Architects, beendet mit der legndären Nu-Metal-Doppelspitze Limp Bizkit und Linkin Park. Kinder der frühen 2000er können bei dieser Tagesordnung nur dankbar weinen.
Für mich waren Architects und Linkin Park die zwei großen fotografischen Wunschträume dieses Wochenendes. Linkin Park war die Band meiner Kindheit, und Architects hat sich mit „For Those That Wish To Exist“ in mein Herz gerockt. Es ist kein Geheimnis, dass mir die Finger danach juckten, meine zwei Lieben fotografisch zu begleiten.
Tragisch und doch erwartet startet der Tag mit der Enttäuschung, dass Linkin Park nur eine begrenzte Anzahl an Fotograf:innen zugelassen hat, und, trotz meiner hoffnungsvoll leuchtenden Augen, war ich nicht Teil der illustren Liste.
Wenigstens hat sich das Management von Architects meiner erbarmt, und so wurde wenigstens ein halber Traum wahr. Und für das erste Jahr als Fotografin ist das schon ziemlich gut, finde ich.
Nach den ersten Minuten Selbstmitleid wurde ich direkt in Richtung Mandora Stage und gen We Came As Romans geshuttled. Wie soll man weiter geknickt sein, wenn David Stephens dirket vor deiner Nase Flickflack macht? Das war genau die richtige Energie, um den letzten Festivaltag einzuläuten, und man merkte der Crowd an, dass sie nur allzu bereit waren, die stürmische Energie aufzusaugen und vielfach wiederzugeben.
Meine positive Überraschung des Tages war Bush. Frontmann Gavin Rossdale ist eine Figur meiner Teenager-Jahre. Wie oft habe ich „Glycerine“ verträumt-verklärt auf meinem iPod gehört? Mit 60 Jahren ist Rossdale nach wie vor ein Vollblut-Rockstar und lässt es sich nicht nehmen, in die Crowd zu springen, um seinen Fans ganz nah zu sein. Richtig, richtig cool.
Magnolia Park ist eine meiner spaßigsten Neuentdeckungen 2026, und so freue ich mich, sie auf der Orbit Stage zu sehen. Ganz nebenbei ist es auch nett, der Hitze kurz mal zu entfliehen.
Während Magnolia Park in den sozialen Medien verstärkt Werbung für ihre – ich nenne es mal horizontalorientierten – Songs wie „Shallow“ und „Ask For It“ machen, beginnen sie hier das Set eher mit ihren härteren Tracks. In der Tat sind wir ja auf Rock im Park, und so scheint mancher Act den Rock-Aspekt unterstreichen zu wollen, um so seine Daseinsberechtigung zu deklarieren. In der nahen Vergangenheit war das sicher ein Themen, vor allem in den sozialen Medien, wo die Leute gut erdachte und balancierte Meinungen vertreten, doch ein Lineup, das sich mit Materia schmückt, hält meiner Meinung nach auch R&B-getünchten Metalcore aus.
Ihr Set endet mit einem Girl Pit, was ich immer begrüße, da es meine Chance reduziert, von einem unglücklichen Zusammenstoß ans andere Ende der Halle geschleudert zu werden.
Mit Aufregung, Freude und ein klein wenig Nervosität bewegt sich der Frühabend auf den Auftritt von Architects vor. Ich habe die Band kürzlich in München live gesehen und hatte viel Spaß; die Stimmen von Fans, Sam Carters Stimme sei nicht mehr das, was sie mal war, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen. Doch nach den ersten Takten von „Curse“ war klar: Carter braucht dringend eine Pause. Er ist nach wie vor ein einnehmender Performer, und ich habe mich nach wie vor gefreut, die Band live zu sehen. Doch man hört die Überanstrengung seiner Stimmbänder inzwischen zweifellos, und wenn ich meine Fotos im Zoom betrachte, sieht Carter müde und angestrengt aus. Ich wünsche ihm eine lange, erholsame Pause nach dem Festivalzirkus.
Für viele Park-Rocker:innen sind Linkin Park das Highlight des Wochenendes. Auch ich freue mich, meiner fotografischen Zurückweisung zum Trotz, darauf, die Band zu sehen, die meinen Musikgeschmack für immer geprägt hat.
Dennoch nähere ich mich an diesem Abend der Utopia Stage mit sehr gemischten Gefühlen. Das letzte Mal habe ich Linkin Park 2012 gesehen, ebenso bei Rock im Park. Ich war damals frisch 18, kurz vor meinem Abitur und in sicher einer der chaotischsten Phasen meines Lebens. Ich wünsche mir oft, ich hätte damals schon ein Handy mit Videofunktion gehabt, um diesen Abend verewigen zu können. Damals lebte Chester noch, sang den ganzen Abend voller Inbrunst. Jemand verlobte sich auf der Bühne und bekam ein Ständchen von Chester und Mike. Damals wusste ich noch nicht, wie mein Leben weitergehen, und dass Chesters Leben enden würde. Ich denke, unter allen „Celebrity“-Toden war es dieser, der mich am härtesten getroffen, und nie losgelassen hat.
Sicher bin ich nicht die Einzige, die an diesem Sonntag der Musik mit einem mulmigen Gefühl lauscht. Nichts davon ist die Schuld der Band, geschweige den Neu-Frontfrau Emily Armstrong. Und doch bleibt das Gefühl. Das ist die Sache mit der Nostalgie. So viel Trost sie auch spendet, sie ist vor Veränderung nicht gewappnet.
Wie auch bei Carter zuvor, spüre ich bei Armstrong eine greifbare Ermüdung. Ich habe schon einige Liveaufnahmen gesehen und finde dass man merkt, wenn Armstrong nicht bei Kräften ist. Sie gibt sich Mühe, ihre Stimme klingt gut. Doch es fehlt ihr an Energie und Enthusiasmus. Statt dem typischen fröhlichen Diskurs mit der Meute murmelt sie nach den Liedern „Dankeschön“ in das Mikrofon, überlässt Mike das Reden.
Es ist schade, doch all diese Künstler:innen sind Menschen, und Menschen werden müde. Wie soll ich es ihr übel nehmen, wenn meine Knie nach nur drei Tagen Festival knarren wie die Scharniere einer alten Kühlschranktür?
Ich verlasse das Gelände noch bevor das Linkin Park-Set beendet ist, und bin damit nicht alleine. Es herrscht eine merkwürdig melancholische Stimmung. Vielleicht hat uns der Auftritt daran erinnert, dass nichts konstant ist, außer der Veränderung.
Wenn ich mit anderen Menschen über die Magie von Festivals spreche, so höre ich oft, dass ein Festivalwochenende uns drei Tage bietet, an denen wir uns aus unserem Leben befreien können. Party die ganze Nacht, Bier zum Frühstück, Tanzen und Toben bis die Knie bluten. Ein paar Tage Stress, Sorgen und Kummer vergessen, ein paar Tage nicht Erwachsen sein müssen, nicht man-selbst sein müssen. Vor allem vor dem Hintergrund des internationalen politischen Pandämonium, das nie zu enden scheint, ist das eine verständliche Fantasie.
Und doch müssen wir alle spätestens Montagmorgen zurückkehren, uns der Realität stellen, das Wir-Sein wieder aufnehmen. Das, was bleibt, sind die Erinnerungen, die blauen Flecken, der leere Kontostand. Und vielleicht ist das auch das Einzige, was man in dem Moment wirklich braucht.